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Diamonds are a Girl's best friend

[Nami & Reiju]
von

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[1]

Namis Lippen verzogen sich zu einem knappen, aber nicht minder zufriedenen Lächeln, als ihr Blick auf das eindrucksvolle Gebäude vor ihr fiel. Nahezu unsichtbar in den Schatten der Nacht kauerte sie auf der hohen Mauer, die das gesamte Grundstück umschloss. Sie hatte also recht behalten. Nur vier Wachen patrouillierten um das Haus herum und Nami würde wie erwartet leichtes Spiel haben.

Das wichtigste Ereignis in Yokohamas Unterwelt wollte eben niemand verpassen, wie es den Anschein hatte. Eine Hochzeit zwischen der Vinsmoke- und der Charlotte-Familie war in etwa damit zu vergleichen, wie wenn sich zwei einst verfeindete Königshäuser nun endlich vereinten und zukünftig gemeinsam herrschten. Nami war es im Grunde herzlich egal, wer hier wem die Treue schwor. Für sie zählte einzig und allein, wo die größte Beute zu holen war.

Und das Anwesen der Vinsmokes glich heute Abend ausnahmsweise einmal nicht einer Festung und nach dieser einmaligen Chance sehnte sich Nami nunmehr schon seit Jahren.

Noch eine Minute, dann würden die Wachen den von ihr am weitesten entfernten Punkt bei ihrem Rundgang erreichen und sie konnte loslegen. Die Augen zielgerichtet auf die Zeiger ihrer Armbanduhr, zählte Nami lautlos die Sekunden in ihrem Kopf mit, und als ein erneutes Ticken die Minute vollendete, glitt sie geschmeidig wie eine Raubkatze von der Mauer. Sie musste sich ganz eng entlang der rauen Ziegelsteine bewegen, denn bis hierher reichte der Radius der Überwachungskameras nicht.

Eins mit der Schwärze der Nacht huschte sie über den feuchten Rasen, bis sie die Rückseite des Gebäudes erreichte. Wieder eine Minute warten, dann würde die kleine Kamera, die sich direkt über ihrem Kopf befand, so weit nach rechts schwenken, dass sie sich mühelos in die entgegengesetzte Richtung schleichen konnte. Ihren Rücken fest an die weiße Hauswand gepresst, lauschte sie auf etwaige Geräusche. Außer dem lautstarken Zirpen einiger Zikaden und dem weit entfernten Hupen eines Autos war jedoch nichts zu hören.

Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht, denn nicht umsonst nahm sich Nami immer mindestens einen Monat Vorbereitungszeit, bevor sie einen neuen Coup startete. Zum Glück für sie war in bestimmten Kreisen schon vor acht Wochen durchgesickert, dass eine große Lieferung an Diamanten eintreffen sollte und soweit Nami bekannt war, hatte es sogar einen Toten gegeben bei dem Transport, da sich angeblich irgendwo ein Leck in den eigenen Reihen befand, natürlich alles inoffiziell, ohne dass die Polizei jemals davon Wind bekomme hätte. Hauptsache ihre Infos waren korrekt und sie konnte so effizient planen wie gewohnt. Der Rest war nicht von Bedeutung.

Nur ein einziges Mal in ihrem bisherigen Leben war ihre Gier größer gewesen als der Drang, auf Nummer sicherzugehen. Den Preis, den sie hatte am Ende dafür zahlen müssen, war noch heute, Jahre später als Narbe auf ihrer linken Oberarm zu sehen. Ein Mahnmal, wenn man so wollte, das sie seither stets daran erinnerte, niemals wieder so leichtsinnig zu sein.

Und Nami war niemand, der den gleichen Fehler ein zweites Mal beging.
 

Schritt für Schritt war sie dem spektakulären Säulengerüst, dass einen riesigen, massiven Balkon stützte, näher gekommen. Wirklich schön anzusehen, diese aufwendige Konstruktion aus hellem Stein, der zu einem perfekten Geflecht aus gewundenen Säulen und rautenförmigen Elementen gemauert worden war, nur leider eben auch ein wahres Paradies, wenn man es darauf anlegte, ungesehen in das erste Stockwerk zu gelangen. Nami, von Kindesbeinen an flink und geschickt, zog sich soeben mit kräftigen Zügen Stück um Stück höher. Ihre Füße schienen wie von selbst Halt zu finden auf dem teils rauen Stein, während ihre Finger fest das letzte Querstück umfassten. Noch ein letztes Mal biss Nami die Zähne zusammen und hievte sich dann schlussendlich über die aus bauchigen, kleinen Säulen bestehende Brüstung.

Hier oben war sie fürs Erste in Sicherheit, was die Kameras betraf.

Schweiß stand auf ihrer Stirn und ein Keuchen entfloh ihren Lippen, jetzt, da der schwere Teil hinter ihr lag.

Ein weiteres Mal überprüfte sie die Umgebung nach etwas Ungewöhnlichem, kaum dass sie selbst wieder zu Atem kam. Doch auch in diesem Moment blieb alles ruhig und friedlich. Zufrieden schob sie den Rucksack von ihren Schultern, um den Glasschneider daraus hervorzuholen. Denn die Türschlösser waren allesamt Spezialanfertigungen, die von außen nicht mit einem Dietrich geöffnet werden konnten und jeder, der es versuchen sollte, würde mit einem schrillen Alarm bedankt werden. Aber durch das kleine Loch, dass nun im Glas prangte, konnte sie mühelos den innen steckenden Schlüssel einfach umdrehen. Es war so ein Leichtes, hinein in das Gebäude zu gelangen und dank einer ihrer Quellen wusste sie auch genau, wohin sie nun gehen musste. Sie hatte den Lageplan der einzelnen Räume fest in ihrem Kopf gespeichert und so gab es nur einen Weg für sie.

Das opulente Esszimmer, welches sich an den Balkon anschloss und sie eben durchschritt, war genauso unwichtig wie der lange Flur, der im Anschluss daran folgte, als auch die fünf Schlafzimmer, an deren Türen sie vorbei schlich. Die Sohlen ihrer Sportschuhe glitten lautlos über die edlen hochflorigen Teppiche.
 

Bald schon lag der Westflügel hinter ihr und sie begab sich in den östlichen Teil der Villa. Dort angekommen gab es nur eine Treppe, die nach oben führte in den zweiten Stock, wo sich ihr eigentliches Ziel befand. Ein Blick auf die Uhr verriet Nami, dass sie gut in der Zeit lag.

Der Strahl der winzigen Taschenlampe in ihrer rechten Hand reichte kaum aus, um zwei Meter weit zu sehen, aber für sie war es mehr als genug. So war die Chance, dass jemand, der sich unerwarteterweise doch im Anwesen aufhielt, den Lichtkegel entdecken würde, ausgesprochen gering. Denn schließlich kam Namis Spitzname Diebische Katze nicht von ungefähr. Sie besaß das Talent, sich fast immer nahezu lautlos bewegen zu können, während ihren scharfen Augen dabei nichts entging und noch bevor ihre Opfer merkten, was vor sich ging, war es auch schon wieder vorbei und das völlig schmerzlos.

Doch das hier heute Abend war etwas ganz Besonderes. Ein derartig lohnenswerter Diebstahl war Nami bisher noch nie zuvor gelungen. Ihre heutige Beute würde alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Und nun würde es gleich so weit sein.

Nur noch einmal nach rechts abbiegen und das Arbeitszimmer des Oberhaupts der Familie Vinsmoke wartete auf sie. Auch wie all die anderen Flure zuvor in diesem Abschnitt des Hauses wirkte dieser hier, den Nami soeben betrat, geradezu steril auf sie. Keine Bilder an den Wänden, gestrichen in einem schmutzigen Grau und unter ihren Schuhsohlen bedeckten schlichte, schwarze, nichtsdestotrotz sicher sehr hochpreisige Teppiche den marmornen Boden.

Alles kein Vergleich zu dem westlichen Teil des Anwesens, wo sie ihren Raubzug begonnen hatte. Warme Farben, bunt, aber nicht zu aufdringlich mit dekorativen Elementen, die auf der einen oder anderen Kommode Platz fanden. Doch wo sie jetzt stand, war es nur kalt und nüchtern gehalten. Eigentlich nichts, was Nami kümmern sollte, und doch irritierte sie dieser Gegensatz ein wenig.
 

Aber jetzt in diesem Augenblick zählte nur ihre volle Konzentration. Sie drückte die Klinke nach unten. Trotz ihrer Lederhandschuhe fühlte sich das Metall kalt und schwer an, als sie die doppelflügelige Tür so leise wie möglich öffnete. Nicht, dass sie tatsächlich erwartete, hier drinnen jemanden anzutreffen, aber Vorsicht war ja bekanntlich besser als Nachsicht. Und Nami hatte nur diese eine große Chance, da hieß es doppelt so wachsam sein wie normal. Doch auch in diesem Raum herrschte nur Dunkelheit, abgesehen von dem schmalen Streifen Licht, den ihre Taschenlampe auf dem Boden hinterließ.

Ein massiver Schreibtisch aus edlem Mahagoni, ein wuchtiger Lederstuhl und zwei hohe Schränke, die bis unter die Decke reichten. Das konnte sie bei einem ersten Rundblick sofort erkennen, doch dann richtete sich Namis Augenmerk auf ein altes Ölgemälde, das direkt ihr gegenüber an der Wand prangte. Dahinter verbarg sich, darauf mochte sie wetten, ihr tatsächliches Ziel. Denn so gut ihr Informant auch war, hatte er den Standort des Tresors nicht näher eingrenzen können, als dass er sich eben in diesem Arbeitszimmer befand.

Kurzerhand legte sie die Taschenlampe auf dem Parkettboden ab, weit genug von den Fenstern entfernt, um die Wachen nicht auf sich aufmerksam zu machen. Es mochte nicht leicht sein, bei diesem blassen Lichtschein etwas zu erkennen, aber sie hatte sich von jeher schon immer mehr auf ihre geschickten Finger verlassen als auf ihre Augen. Das Bild war schwerer, als sie angenommen hatte, vermutlich auch einige Millionen wert, und Nami musste ihre Hände schnell fester um den Rahmen schließen, damit es ihr nicht entglitt.

Sorgsam an die Wand gelehnt, stellte das Gemälde dann kein Hindernis mehr für sie da, und so zog sie im Anschluss rasch einen Schlüssel mitsamt einer kleinen Plastiktüte aus dem vorderen Fach ihres Rucksacks. Es dauerte nur Sekunden, ehe sie ihren Lederhandschuh gegen ein ähnliches Teil aus schwarzem Latex austauschte. Dann steckte sie den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung und presste ihren rechten Daumen auf das Scannerfeld. Ein Summen ertönte, dann klickte es zweimal und der Tresor sprang auf.

„Perfekt gelaufen“, flüsterte Nami vor sich hin und gestattete sich ein katzenhaftes Grinsen. Sie mochte Tresore aus der Phönix 3000er Serie schon immer. Einen Schlüssel und einen Fingerabdruck mehr brauchte es nicht. Eines der neusten Modelle hätte ihr hingegen wahrhaftig zum Verhängnis werden können; an einen Netzhautscan zu kommen wäre nämlich nahezu unmöglich gewesen, selbst für eine Könnerin in Sachen Einbruch und Diebstahl, wie sie es war.

Einen Abdruck des Schlüssels anzufertigen war nicht mehr als eine Aufwärmübung gewesen. Drei seiner Söhne besaßen besagtes Stück Metall und es brauchte nicht mehr als ein süßes Lächeln und einen kleinen Flirt, um sich den ersten Teil, den es brauchte, um den Tresor zu öffnen, sich kurzfristig anzueignen. Ein paar Minuten und der Wachsabdruck war fertig. Danach fehlten nur noch ein paar Drinks mehr und ihre geschickten Finger brachten die Kette mitsamt dem Schlüssel zurück an seinen rechtmäßigen Platz, den Hals von Yonji.

Und als schusselige, kleine blonde Kellnerin war es ihr ebenso mühelos gelungen, ein benutztes Weinglas von Jajji, dem Oberhaupt der Familie Vinsmoke zu ergattern und voilà, im Anschluss war es für einen Freund von Nami nur noch ein Kinderspiel gewesen, den Fingerabdruck auf einen speziell dafür entwickelten Handschuh zu übertragen. Auf Lysop war eben immer wieder Verlass, wenn es um derartiges Equipment ging.

Dieses Konzept sollte nach außen hin wohl den Eindruck vermitteln, dass so niemand allein etwas aus dem Tresor entfernen konnte, aber Nami mochte darauf wetten, dass Jajji irgendwo selbst noch einen Schlüssel versteckt hatte, um nicht all seine Geschäfte vor seinen Söhnen offenlegen zu müssen. Und sie schätzte, dass es bei dem Diamantenhandel, weswegen sie überhaupt hier war, genau so abgelaufen war.

Jetzt war sie endlich am Ziel. Ihr Informant hatte also tatsächlich nicht gelogen, was sie ihm auch raten mochte, bei dem, was er bereits vorab an Geld kassiert hatte.

Die Taschenlampe zwischen ihre Zähne geklemmt, griff Nami nach den zehn dunkelblauen Samtbeuteln und ließ sie in ihren Rucksack fallen. Wider Erwarten lagen dazu noch im obersten Fach des Tresors ganze Stapel von Bargeld, jeder einzelne Schein davon gewiss illegal herbeigeschafft und dazu noch Blut durchtränkt, zumindest im übertragenen Sinn, so wie sie die Machenschaften der Vinsmokes kannte. Doch sie würde bestimmt etwas finden, um jeden Yen davon sinnvoll zu nutzen.

So schnell wie nur möglich verschwand also auch das Bargeld in ihrem Rucksack. Keine schlechte Beute, aber kein Vergleich zu den nicht registrierten Diamanten in den kleinen Säckchen. Doch um ihren Triumph richtig auskosten zu können, hatte Nami später noch mehr als Zeit genug; irgendwo auf einer tropischen Insel, dafür hatte sie bereits vorgesorgt. So leise wie sie gekommen war, lief sie über die Flure zurück in den Westflügel. Als sie jedoch die letzte Treppe nach unten nahm und eben den Flur betrat, flammten überall um sie herum die Lampen an den Decken an. Nami erstarrte augenblicklich und musste erst einmal blinzeln, um sich an diese plötzliche Helligkeit zu gewöhnen.

[2]

Reiju stellte das noch halb volle Glas mit Champagner zurück auf den mit weißem Satin überzogenen Tisch zu ihrer Rechten. Langsam glitt ihr Blick über die Feiernden hinweg. Doch richtig wahrnahm sie keinen von ihnen. Es war einfach nur eine bunte Masse, die sich stetig zu bewegen schien. Munteres Stimmengewirr vermischte sich mit heiterem Lachen und alle schienen bester Laune zu sein. Im Grunde mochte Reiju derartige Partys gerne. Erlesene Getränke, feinste Speisen aus aller Welt und mehr als nur eine hübsche Singlelady, die es wert war, ihr nicht nur einen Blick zu schenken. Aber am heutigen Abend konnte keiner dieser Punkte ihre Begeisterung wecken.

„Hey, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht. Da könnte man ja glatt meinen, dies wäre eine Trauerfeier und keine Hochzeit.“ Mit einem fetten Grinsen im Gesicht und einer Alkoholfahne, die noch Meilen gegen den Wind zu riechen war, torkelte ihr Bruder Niji soeben an ihre Seite und klopfte Reiju dabei wenig sanft auf die linke Schulter. Während er noch weitere Worte vor sich hin lallte, duckte sich Reiju einfach unter seiner Berührung hinweg, sodass er wenig elegant gegen einen der Nachbartische stieß, ehe sich Niji einigermaßen wieder fing.

Reiju bedachte die Szene nur mit einem knappen Lächeln und schlenderte dann einfach durch die Menschenmenge davon. Er würde heute Abend unter Garantie nicht der Einzige ihrer Brüder sein, der sich zum Affen machte. Aber was hatte sie schon zu erwarten, wenn selbst der eigene Vater beim Alkohol nicht so recht wusste, wann es besser war aufzuhören? Eine Erfahrung die Reiju jedoch bereits zur Genüge bekannt war und somit meist schlichtweg von ihr ignoriert wurde.
 

„Die sexy Blondine dort hinten in der Ecke mustert dich gewiss schon gut zehn Minuten und du schenkst ihr nicht einmal einige Sekunden deiner Aufmerksamkeit?“ Mit fragender Miene gesellte sich Sanji zu ihr.

„Das sieht dir gar nicht ähnlich, Schwesterchen“, fügte er noch hinzu, da sie nicht einmal jetzt Anstalten machte, sich nach besagter Schönheit umzuwenden.

„Ich bin heute Abend einfach nicht in Stimmung für einen dieser, ohnehin meist belanglosen Flirts.“ Ihr Bruder wusste schließlich so gut wie sie, dass das alles hier nur eine große Farce war. Er liebte seine frisch Angetraute ebenso wenig wie sie ihn. Ein reines Zweckbündnis, das war diese Ehe und nichts weiter. Und sosehr sie auch die Macht, den Reichtum und alles was sonst noch dazu gehörte schätzte, so sehr war ihr diese Hochzeit verhasst. Nicht, dass sie eine große Romantikerin wäre, die an die eine wahre Liebe glaubte, aber ein rein zweckdienliches Arrangement, das hatte Sanji nicht verdient. War er doch im Grunde ein herzensguter Mensch, der zumindest ein kleines Bisschen Glück in seinem Leben verdiente. Wenigstens das hätte ihm ihr Vater zugestehen können, nachdem sein bisheriges Leben ohnedies wenig rosig verlaufen war. Doch für jemanden wie Jajji waren seine Kinder nur Schachfiguren, die dafür herhalten mussten, seine Machtgier noch weiter zu befriedigen. Vor allem da Sanji ja noch nie die Wünsche ihres Vaters erfüllen konnte; oder wollte.

Doch an diesem heutigen Abend war er ihm endlich einmal gut genug, was Reiju die Sache nur noch mehr zuwider machte. Ihr war selbstredend klar, dass ihre Familie fernab jeglicher Normalität stand, aber in manchen Bereichen schaffte es ihr Vater immer mal wieder vollkommen aus dem üblichen Schema auszubrechen. Und genau diese Art von Aktionen waren es dann, wo Reiju sich einfach nach einer normalen, durchschnittlichen Familie sehnte und nicht nach den Führenden der Yakuza.

„Vielleicht überlegst du es dir ja doch noch anders. Die Ladys könnten sich auf jeden Fall glücklich schätzen.“ Erst Sanjis erneute Worte machten ihr bewusst, dass sie schon viel zu lange ihren trüben Gedanken nachhing.

Kurz berührten seine Finger ihre linke Wange und sie bemühte sich ihm ein kleines Lächeln zu schenken. Doch so schnell wie er gekommen war, so schnell war dieser kostbare Moment von geschwisterlicher Zuneigung auch schon wieder vorbei.

„Ich denke, Vater verlangt nach dir.“ Reiju deutete mit einem Nicken auf einen bestimmten Punkt hinter Sanji, wo Jajji mit großer, herrischer Geste nach seinem Sohn winkte. Die Miene ihres Bruders straffte sich daraufhin deutlich und die eben noch vorherrschende Sanftheit verschwand völlig daraus.

„Wir sehen uns sicher später noch einmal“, verklangen da auch schon Sanjis Worte und bevor Reiju zu einer Erwiderung ansetzen konnte, tauchte der frisch gebackene Ehemann in dem munteren Trubel unter. Für einen Sekundenbruchteil zog Reiju es tatsächlich in Erwägung nach einer netten Bekanntschaft Ausschau zu halten. Dabei blieb ihr Blick jedoch an Sanjis Braut hängen, die eben ein glockenhelles Lachen ausstieß und ihre Rolle als die perfekte Ehefrau präsentiere, sodass Reiju schlagartig jegliche Lust auf einen Flirt verging. Stattdessen schnappte sie sich ein Glas Champagner von einem vorbeikommenden Kellner, leerte es in nur einem Zug und stellte es sogleich energischer als nötig zurück auf das Tablett.

Zeit für sie zu gehen. Es würde ohnehin niemandem auffallen, wenn sie den restlichen Abend bis hinein in die Nacht, denn so lange würde die Party vermutlich noch weiter gehen, anderweitig verbrachte.
 

Die Fahrt in einer der Limousinen ihrer Familie erschien Reiju heute Abend endlos, weshalb sie froh war, als sich die im Halbdunkeln liegende Auffahrt zum Anwesen von ihr auftat. Die diensthabenden Wachleute nickten ihr kurz zu und trotz aller Bemühungen war ihnen anzusehen, dass sie ebenfalls lieber auf der Feier gewesen wären, als hier ständig auf und ab zu patrouillieren. Nicht, dass das gemeine Fußvolk mit der elitären Gesellschaft Yokohamas feierte, sondern etwas abseits der großen Hochzeitsgesellschaft gab es eine kleine Party, an der netterweise die Arbeiterschicht ein paar Stunden ihrem sonst üblichen Trott entfliehen durfte. Aber nur zu Ehren dieser ach so besonderen Hochzeit natürlich. Auch wenn Reiju kaum glauben konnte, dass man da und dort munkelte, dass dies vom Oberhaupt der Charlotte-Familie höchstpersönlich angeregt wurde. Big Mom, so wie sie von allen nur genannt wurde, machte auf sie nicht den Eindruck, als ob sie ihren Untergebenen, ja selbst nicht einmal ihren eigenen Kindern, besonders viel Mitgefühl und Wertschätzung entgegenbrachte. Aber was wusste sie im Endeffekt schon über diese Frau – rein gar nichts. Reiju verwarf den Gedanken hinsichtlich der Feier damit endgültig.
 

Die pinken Pumps in ihrer Hand haltend, genoss sie das Gefühl des dicken, flauschigen Läufers auf dem Flur, der zu ihrem Zimmer führte. Am besten, sie würde sich ein heißes Bad gönnen und dann anschließend in ihrem Bett vergraben.

Reiju hatte eigentlich angenommen, dass es nicht mehr viel gab, das sie noch überraschen konnte. Doch eine völlig in schwarz gekleidete Gestalt, die offenkundig hier nur wenige Meter von der Tür zu ihren Zimmer entfernt, nichts zu suchen hatte, war definitiv etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Der Statur des Eindringlings nach eine Frau oder ein sehr zierlicher Jugendlicher und doch sagte ihr Bauchgefühl Reiju, dass Ersteres zutraf. Zudem konnte sie einige längere Haarsträhnen erkennen, die unter der ansonsten tief ins Gesicht gezogenen Kapuze hervorlugten.
 

Nami verharrte weiterhin in ihrer Position. War ihr Gegenüber bewaffnet, gab es eine Chance zur schnellen Flucht? Oder waren bereits Wachleute hierher unterwegs? Und wenn ja, wie viele von ihnen? War es möglich, dass die Hochzeitsfeier schon ein Ende gefunden hatte oder war es einfach nur Reiju Vinsmoke ganz alleine, die sich dazu entschlossen hatte, das Fest früher zu verlassen? Nami schwirrte der Kopf von all den Fragen, die in diesen nur wenigen Sekunden ihr Gehirn auf Hochtouren laufen ließen. Das Schlimmste daran war jedoch, dass sie nicht eine Antwort darauf hatte.

So unauffällig wie möglich musterte sie die andere Frau, ohne dabei zu viel von ihrem Gesicht preiszugeben, was zugegeben, keine leichte Aufgabe war. Ein enges, silbernes Kleid, teuflisch hohe Pumps in der rechten und eine schicke Clutch in der linken Hand. Alles in allem absolut perfekt, so würde Nami es zumindest sehen, wenn die Situation eben eine völlig andere wäre. Aber in erster Linie sah es für sie so aus, als wäre Reiju unbewaffnet. Sollte sie es wagen und einfach loslaufen? Schritte, die sich rasch näherten, waren zumindest noch keine zu hören, ein gutes Zeichen, und wenn sie ganz ehrlich war, wirkte Reiju doch ziemlich überrascht sie hier anzutreffen, also hätte sie bisher auch noch gar keine Möglichkeit gehabt, die Wachen zu rufen. Nami überlegte fieberhaft.
 

„Was auch immer sich da in deinem Rucksack befindet, behalte es ruhig“, erhob Reiju da ruhig die Stimme. Sollte ihrem Vater recht geschehen, wenn ihm jemand einmal um ein paar Millionen Yen erleichterte. Ein kleiner Dämpfer würde dem ach so großen Jajji nicht schaden. Abgesehen davon waren derartige Summen, die er normalerweise im Tresor lagerte, ohnehin nichts weiter als Kleingeld für ihre Familie. Aber die Tatsache, dass ein Dieb die Dreistigkeit besaß und sich direkt in die Höhle des Löwen wagte, würde ihrem Vater mehr als nur eine schlechte Nacht bescheren. Sie sah sein wutentbranntes Gesicht förmlich schon vor sich.

Nami glaubte im ersten Moment sich verhört zu haben, doch als Reiju dann demonstrativ beiseitetrat, wusste sie es mit Gewissheit. Was hatte sie schon zu verlieren? Es hieß jetzt oder nie und Nami entschied sich immer für jetzt. Sie versuchte ihr Gesicht so gut wie möglich zu verbergen, als sie an Reiju vorbei stürmte. Doch der Drang, noch einmal in das Gesicht ihres Gegenübers zu blicken, war so stark, dass sie unbewusst den Kopf ein Stück hob und sie einander für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen sahen. Nami erkannte ein amüsiertes Blitzen darin und ein Lächeln auf ihren Lippen. Dann war sie auch schon ein ganzes Stück weiter und doch wusste sie genau, das ihr die Vinsmoke-Tochter hinterher sah.

Aber für Nami gab es nun nur noch die Flucht. Ihr wild schlagendes Herz und ihr keuchender Atem waren im Moment alles, was sie noch wahrnahm, während ihre Füße geradezu über den Boden flogen. Schnell eilte sie hinaus auf den Balkon, von wo aus sie gekommen war, und selbst dort war ihr das Glück augenscheinlich noch hold, denn die Wachleute waren nirgendwo zu sehen.

Ob Reiju sie wohl zwischenzeitlich zu sich gerufen hatte, damit Nami ohne Aufsehens fliehen konnte? Es war wohl nur purer Zufall und sie sollte sich nicht derart abstrusen Gedankengängen hingeben.

Dann, endlose Minuten später, als Nami einige Straßen weiter ankam, wo sie zuvor ihren Wagen – mit falschen Nummernschilden versehen natürlich – geparkt hatte, gestattete sie sich innezuhalten und ein leicht hysterisch klingendes Kichern entrang sich ihrer Kehle, bis sie schließlich aus vollem Halse lachte. Sollte sie doch das eben an ihre vorbeikommende Pärchen für verrückt halten, was kümmerte sie das schon noch nach so einem bisher nie da gewesenen Beutezug.

Und selbst als Nami längst in ihr Versteck zurückgekehrt war, die Diamanten und das Geld vor sich auf dem Tisch liegend, war es immer noch der Blick aus Reiju Vinsmokes Augen, der ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.
 

Es war kurz vor Mitternacht, als Reiju in ihr taupefarbenes Negligé schlüpfte und ein Gähnen kaum noch unterdrücken konnte. Ihr verfrühtes Heimkommen hatte ein wirklich unerwartetes Ende genommen und Reiju hatte sich bisher noch nicht dazu entschieden, ob es einfach nur Dreistigkeit war, welche die Diebin in das Haus ihrer Familie gelockt hatte oder ein noch viel ausgeklügelterer, umfassender Plan dahinter steckte.

Aber noch bevor sie einen weiteren Gedanken an die nächtliche Begegnung verschwenden konnte, begann ihr Smartphone wie wild zu piepen und zu vibrieren, was Reiju vorerst nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nahm. Vermutlich waren es Nachrichten ihrer Brüder, die sich mit ihren Eroberungen auf der Party brüsteten und wie dumm sie doch gewesen war, schon so früh zu gehen. Nicht weiter darauf achtend, streifte sie ihren Seidenkimono über, da sie beschlossen hatte, noch einmal kurz Luft schnappen zu gehen, ehe sie zu Bett gehen wollte.

Doch die eintreffenden Nachrichten und Meldungen diverser Social Media Seiten schienen kein Ende zu nehmen, so riskierte Reiju doch einen Blick auf ihr Telefon. Stirnrunzelnd öffnete sie eines der unzähligen Videos, die ihr förmlich entgegensprangen auf dem Bildschirm.

Schreie waren zu hören, unscharfe Bilder zeigten die Überreste mehrerer explodierter Autos, Rauchwolken stiegen hinauf in den Himmel und dann tauchten plötzlich zwei Personen am Rande der Bildfläche auf. Da geriet Reijus Herzschlag für einen Augenblick aus dem Takt.

Dort stand ihr Bruder zusammen mit seiner frisch Angetrauten, und sein Gesicht war wie erstarrt vor Schock und genau in diesem Moment sickerte die Erkenntnis langsam in Reijus Geist – eines der zerstörten Autos musste die Limousine ihrer Familie gewesen, ihr Vater, ihre Brüder … konnte es sein, dass …? Ihre Gedanken überschlugen sich.

Doch dann erklang erneut ein Schrei, aber dieses Mal war er ihr ganz nahe und da begriff sie, dass er aus dem Garten, direkt unter ihrem kleinen Balkon zu kommen schien.

Es dauerte nur Sekunden, bis sie sich umwandte, nach der Tür griff und schon zersplitterte Glas direkt neben ihrem Kopf. Reflexartig duckte sich Reiju und kroch auf allen vieren zurück zu ihrem Bett, wo sie blindlings nach der 9mm in ihrem Nachttisch tastete. Ihr Blick blieb dabei weiterhin auf den Balkon gerichtet. Sie hörte Geräusche von draußen und schoss mehrmals in die Richtung, doch niemand schien das Gegenfeuer zu eröffnen.

Das hier war ganz klar ein Anschlag auf ihr Leben, daran gab es keine Zweifel. Und da verstand Reiju, dass sie normalerweise längst tot sein sollte, zusammen mit dem Rest ihrer Familie zu Asche verbrannt. Die Hochzeit, das alles hier und heute war noch eine viel größere Farce, als sie es sich je hätte vorstellen können. Man hatte sie zusammen getrieben wie Vieh auf dem Weg zur Schlachtbank und sie hatten es nicht einmal gemerkt. Die Charlotte-Familie, allen voran Big Mom war es gelungen, ihren größten Konkurrenten auszulöschen, denn jetzt gab es nur noch Sanji, der in den Klauen seiner Frau gefangen war und zukünftig nicht mehr als eine Marionette sein würde. Übelkeit bereitete sich in Reiju aus und ihr wurde klar, dass sie von hier verschwinden musste. Jetzt sofort.

Die Waffe fest in ihrer Hand schlich sie aus ihren Zimmer, weiter über den Flur bis hin zur Treppe. Sie betrat die erste Stufe, dann folgte die zweite. Und noch bevor sie tatsächlich darüber nachdenken konnte, reagierte ihr Körper schon ganz instinktiv, als eine vermummte, dunkle Gestalt aus dem Schatten auftauchte. Sie feuerte die Pistole ab – einmal, zweimal und auch noch ein drittes Mal. Ein dumpfer Laut folgte, dann herrschte wieder Stille im Haus. Ein heißes Brennen fuhr durch ihren linken Arm, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen.

Doch in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, obwohl sie sich noch so darum bemühte, ruhig zu bleiben und rational zu denken. Keine Zeit zu überlegen mehr, sie musste handeln, schnell. Ihre Schritte, auch wenn sie diese hastig und nicht mit Bedacht setzte, wurden glücklicherweise von den dicken Teppichen auf den Fluren geschluckt, und als sie endlich unten in der Küche angekommen war, gestattete sich Reiju erstmals ein paar Sekunden des Verschnaufens und Luftholens.

Schüsse, mindestens vier durchbrachen die Stille und ließen Reijus Herz so schnell schlagen, dass sie fürchtete, ihre Rippen könnten unter dem Druck bersten. Sie stürmte weiter vorwärts. Die Hintertür war halb aus den Angeln gerissen worden und ragte nun drohend vor ihr auf, als sie sich endlich nach draußen kämpfte.

Schritte hallten durch die Nacht, gefolgt von leisen Wortfetzen und Reiju wusste, dass sie ihr nahe waren, viel zu nahe. Sie hob ihre Waffe und wollte schießen, besann sich dann jedoch eines Besseren. Was, wenn ihre Verfolger doch noch nicht genau wussten, wo sie sich befand und sie ihnen so erst einen eindeutigen Hinweis liefern würde? Reiju entschied sich, einfach zu laufen.

Im Schutz der Bäume, der sorgsam angelegten Grünanlage des Anwesens hetzte sie über den Rasen, spürte, wie sich die Nässe des Bodens mit Leichtigkeit durch das Kunstfell ihrer dünnen Hauspumps fraß. Sie musste wahrlich ein lachhaftes Bild abgeben. Nur in einen Kimono gehüllt, ihre nackten Füße, die in plüschigen Pantoffeln steckten und ihr Haar, das vermutlich nur noch wenig Struktur aufwies. Ein absurder Anblick, mochte sie wetten, und wäre die Situation nicht so ernst, hätte Reiju selbst darüber gelacht.

Doch stattdessen rang sie nur noch verzweifelt nach Atem, während ihre zitternden Finger über das Tastenfeld des hinteren Gartentores huschten, um dieses endlich öffnen zu können. Sie brauchte ganze vier Versuche, bevor das erlösende grüne Leuchten auf dem Display erschien und das schwere Tor langsam zu Seite glitt. Aber Reiju wusste, dass jede Sekunde kostbar war und so zwängte sie sich durch den ersten offenen Spalt, sobald es ihr möglich war. Sie hörte noch das Reißen von Stoff, doch da begann sie schon wieder zu laufen.
 

Und alles, woran sie in Moment denken konnte, war absurderweise die Diebin, der sie vor einer schier gefühlten Ewigkeit begegnet war. Ob sie auch so durch die Straßen Yokohamas gerannt war, nachdem Reiju sie hatte entkommen lassen? Oder hatte sie ein Versteck ganz in der Nähe, zudem sie in aller Seelenruhe lief, um dort unterzutauchen? Sie wusste, dass es dumm war, ihre Konzentration an eine ihr eigentlich fremde Person zu verschwenden, doch sie musste ihre Gedanken einfach auf irgendetwas anderes richten, als das, was eben passiert war. Denn nur so konnte sie ihren Körper dazu bringen, weiter zu laufen, ihre schmerzenden Füße ebenso wie das Stechen in ihrer Brust zu ignorieren und sich vorzustellen, es wären nur Regentropfen, die über ihre erhitzten Wangen liefen und nicht Tränen, die kein Ende zu nehmen schienen.

Irgendwann fühlte sie den Asphalt unter ihren Füßen kaum noch. Ihre Atmung war zu einem rasselnden Keuchen geworden und ihre rechte Hand umklammerte so krampfhaft die 9mm, dass Reiju das Gefühl hatte, sie niemals wieder loslassen zu können, während ihr linker Arm nur noch ein stetiges Pochen war.

Die Straßenlampen um sie herum waren zu einem leuchtenden Brei verschwommen, der sie durch die ansonsten herrschende Dunkelheit der Nacht lotste. Sie hatte jegliche Orientierung verloren, ebenso ihr Zeitgefühl.

Ihr war nur die Tatsache bewusst, dass sie nicht das Geräusch von Pistolenkugeln verfolgte und so regte sich in Reiju das leise Gefühl der Hoffnung, ihren Häschern entkommen zu sein. Und dann war es plötzlich so weit, ihre Beine versagten Reiju den Dienst und sie sackte einfach zusammen. Ihre Knie schrammten über den harten Boden, ebenso wie ihre linke Handfläche, als sie noch versuchte, den Sturz ein wenig abzufangen, was eine Schmerzenswelle durch ihren Körper jagte.
 

Am Ende ihrer Kräfte versuchte sie nur noch genügend Sauerstoff in ihre Lungen zu saugen, damit sie nicht das Bewusstsein verlor. Mühsam hob sie den Kopf und kniff ihre Augen mehrmals zusammen, denn diese Lichter, grell und in allen regenbogenfarben, die sie mit einem Mal zu umzingeln schienen, überforderten sie im ersten Moment.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, traf Reiju der Funken einer Erkenntnis. Konnte es sein, dass sie bis ins Minato Mirai Viertel gelaufen war, bis in die Nähe des Hafens? Denn nur so konnte sie sich das alles überragende Riesenrad und die Achterbahnen erklären, die so derart farbenfroh die Nacht erhellten. Sie musste ganz in der Nähe der Cosmo World sein, dem größten Vergnügungspark der Stadt.

Erst jetzt, wo sie hier vollkommen fertig in einer kleinen Seitenstraße auf dem Boden lag, wurde ihr so richtig bewusst, dass sie nicht einen Sekundenbruchteil darüber nachgedacht hatte, wohin sie eigentlich laufen sollte. Wer würde ihr schon helfen? Sobald man erkannte, wer sie war, würden sicher diverse Handlanger der Charlotte-Familie nicht lange auf sich warten lassen und zu Ende bringen, was die Männer im Anwesen ihrer Familie begonnen hatten. Niemand würde sich gegen Big Mom und ihre Schergen stellen, schon gar nicht, sobald durchgesickert wäre, mit welchem perfiden Plan sie die Vinsmoke Familie ausgelöscht hatte. Nun herrschte sie über Yokohamas Unterwelt und selbst die Polizei würde es nicht wagen, sich offen gegen sie zu stellen.

Dieses Wissen wich langsam einem Gefühl purer Verzweiflung. Auch wenn Reiju sich zwischenzeitlich wieder hoch gekämpft hatte und auf wackeligen Beinen einen Schritt nach dem anderen machte, wusste sie nicht, wohin sie eigentlich gehen sollte. Wer würde ihr schon helfen können – oder wollen?

[3]

Wie immer, wenn sie einen erfolgreichen Beutezug hinter sich hatte, genehmigte sich Nami im Anschluss daran eine Menge Drinks. Hochpreisig und süß, so mochte sie ihren Alkohol am Liebsten. Jetzt, nachdem ihre Lieblingsbar wie immer gegen ein Uhr nachts schloss, machte sie sich mit gemächlichen Schritten auf den Heimweg.

Jene, die sie nicht kannten, mochten nun vermuten, dass sie wohl schon ziemlich angetrunken war, hinsichtlich ihrer nicht allzu sicher aussehenden Schritte, aber der erste Eindruck konnte trügerisch sein. Männer, die nach einer schnellen Nummer für eine Nacht Ausschau hielten, würden sie als leichtes Opfer sehen, doch Nami hatte so gar nichts über für die Opferrolle, deshalb mochte sie es gerne, wenn man sie unterschätzte. Und sollte ihr wider Erwarten eine schöne Lady begegnen, dürfte die gerne ihr Glück versuchen.

Mittlerweile war an den meisten Plätzen Yokohamas Ruhe eingekehrt, doch hier direkt am Hafen, war wohl immer etwas los. So zog eben eine ganze Gruppe junger Studenten, Nami vermutete zumindest, dass sie das waren, laut lachend und grölend an ihr vorbei, auf der Suche nach noch mehr Alkohol, wenn man sich die teils schon leeren Flaschen in ihren Händen ansah. Sie hätte ihnen auf Anhieb drei Bars nennen können, wo sie jede Menge Hochprozentiges bekommen würden und man die Altersgrenze nicht ganz so ernst nahm, aber sie sollten sich ruhig selbst ein bisschen abmühen, wenn sie unbedingt noch mehr Alkohol in sich hinein schütten wollten.

Nami wandte ihren Blick wieder vorwärts, nachdem sie das immer wieder beeindruckend wirkende, bunt beleuchtete Riesenrad hinter sich betrachtet hatte. Sie mochte das Minato Mirai Viertel. Die alten Docks und Hafenanlagen, die einst hier standen, waren ein hässlicher Anblick gewesen, wie Nami nur zu gut wusste, von alten Bildern her. Jetzt gab es wieder Leben rings um sie herum. Bars, die Cosmo World, riesige Wolkenkratzer, Wohnungen und Läden, in denen alles zu bekommen war, was das Herz begehrte.

Aber trotz allem bot das Gebiet noch eine gewisse Abgeschiedenheit vom sonstigen Zentrum der Stadt, wo es im Grunde niemanden interessierte, was wer so machte. Also genau der perfekte Ort für sie und mit einem Schiff könnte sie Japan wenn nötig ganz schnell entfliehen.

Nur noch zwei Blocks weiter und sie wäre wieder zu Hause in ihrem Loft, wo sie sich zu aller erst einmal aus diesem hautengen Top und der Jeans schälen würde, bevor sie sich eine lange heiße Dusche gönnen würde. Trotz der spätsommerlichen Wärme, die tagsüber geherrscht hatte, war es mittlerweile recht kühl geworden und sie war froh, in letzter Minute doch noch eine Jacke übergezogen zu haben und nun wartete ihr Zuhause auf sie. Schließlich hatte sie an diesem kaum erst angebrochenen neuen Tag noch einige wichtige Dinge zu erledigen.

Etwas abseits ihres Weges streifte ihr Blick kurz über eine junge Frau, die ziemlich heruntergekommen aussah. Wirres Haar, zerrissene, schmutzige Kleidung, vermutlich eine jener Frauen, deren Leben durch Drogen und Prostitution gezeichnet war.

Nami wollte schon weitergehen, als die Fremde den Kopf hob und ihr Blick sich mit Namis kreuzte. Augenblicklich hielte sie inne. Das konnte unmöglich wahr sein. Sofort huschten Namis geschulte Augen suchend umher. War das hier etwa eine Falle, war sie aufgeflogen? Doch nichts außer einer streunenden Katze, die eben hinter einer Mülltonne verschwand und dem nervigen Flackern einer kaputten Straßenlaterne war zu sehen.

Konnte es tatsächlich wahr sein, dass keine zehn Meter von ihr entfernt wahrhaftig Reiju Vinsmoke vor ihr stand? Für einen Sekundenbruchteil begann Nami ernsthaft an ihrem Verstand zu zweifeln. Hatte sie womöglich doch ein paar Drinks zu viel gehabt heute Nacht?
 

Reiju schloss für einen Moment die Augen, um so den aufkommenden Schwindel zu vertreiben und ließ dann ihren Blick langsam über ihre Umgebung schweifen. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Körper und Geist, die nun wahrlich am Ende zu sein schienen, ihr einen bösen Streich spielten. Ihr gegenüber konnte unmöglich die Diebin stehen, die sie erst vor ein paar Stunden, die sich wie Wochen anfühlten, hatte entkommen lassen.

Sie blinzelte einmal, dann noch ein weiteres Mal, aber das Bild veränderte sich nicht. Natürlich trug sie jetzt andere Kleidung, hatte Make-up aufgelegt, doch als sie ihr in die Augen sah, wusste Reiju es einfach. War dies nun das sogenannte Schicksal, das ihr hier einen Ausweg, gar wahre Hilfe aufzeigte oder besiegelte diese Begegnung ihr Ende? Schließlich wusste die Diebin, wer sie war, und es würde für sie garantiert ein Leichtes sein, Kontakt zu Big Moms Handlangern herzustellen. Wahrscheinlich bekam sie dafür sogar noch eine dicke Belohnung, genau wonach Diebe wie sie gierten. Auch wenn es möglicherweise schon zu spät war, sie musste von hier verschwinden. Doch ihr Körper schien von diesem Plan nichts zu halten, denn kaum, dass sie ihre Füße vorwärts bewegen wollte, gaben ihre Knie nach und sie sackte ein weiteres Mal zu Boden. Dabei entglitt die Pistole ihren zitternden Fingern und Reiju versuchte fluchend danach zu greifen.

Aber da war die Diebin schon an ihrer Seite und griff nach der Waffe, brachte diese sofort aus ihrer Reichweite und raubte Reiju damit das letzte Bisschen Hoffnung auf eine Flucht.
 

„Nettes kleines Spielzeug, das du da hast. Aber wenn du nicht noch irgendwo ein Reservemagazin versteckst – was ich bei deinem Aufzug sehr bezweifel – dann nützt dir das Ding rein gar nichts mehr, denn darin steckt keine einzige Kugel mehr.“ Nami ging neben Reiju in die Hocke, um ihr in die Augen sehen zu können und als sich ihre Blicke erneut trafen wurde ihr klar, dass dies hier zweifelsfrei keine Falle, kein perfides Spiel der jungen Vinsmoke war, sondern die harte, schonungslose Realität, die sie warum auch immer, hierher an diesen Punkt geführt hatte.
 

Reiju blieb nichts anderes übrig als nun alles auf eine Karte zu setzen.

„Schau dir mal die aktuellen Newsmeldungen auf deinem Smartphone an“, forderte sie ihr Gegenüber auf und Nami zog das Telefon, wenn auch mit skeptischer Miene, schließlich aus der Gesäßtasche ihrer Jeans. Und bevor sie noch fragen konnte, wonach sie eigentlich suchen sollte, wurde sie von den Ereignissen des Abends geradezu bombardiert. Auf allen Social Media Kanälen wurde im Sekundentakt darüber gepostet und Nami versuchte die groben Fakten herauszufiltern.

„Fuck!“, war dann das Erste, was sie dann dazu sagte.

„Ich hätte es zwar etwas anders formuliert, aber im Kern trifft deine Aussage genau zu“, setzte Reiju an, musste dann aber erst wieder tief Luft holen, ehe sie fortfuhr. „Und jetzt frage ich dich, nachdem dir die verheerende Situation bekannt ist, bist du bereit mir zu helfen?“ Reiju wusste selbst wie absurd dieses ganze Szenario hier war, aber was hatte sie schon für eine Wahl? Die Diebin machte auf sie nicht den Eindruck, als ob sie im Auftrag von Big Mom oder sonst jemanden in das Haus ihrer Familie eingebrochen war, sondern einzig und allein auf eigene Rechnung arbeitete. Sie hatte noch ein geheimes Bankschließfach, in dem sich fünf Millionen Yen befanden und sie konnte nur hoffen, dass die Summe ausreichen würde, auch wenn ihr bis dato nicht ganz klar war, wie sie da herankommen sollte, ohne den passenden Schlüssel. Da half es auch nicht, dass das Schließfach unter einem falschen Namen lief.

Reiju wettete darauf, dass alle Gefolgsleute, die Jajji und ihrer Familie weiterhin treu ergeben waren, schon bald ein frühes Ende finden würden. Aber den meisten war es wohl ohnehin egal, für welchen Tyrannen der Unterwelt Yokohamas sie ihm Endeffekt ihren Kopf hinhielten, solange die Bezahlung stimmte.

Und so surreal es auch klingen mochte, die Diebin war die Einzige, mit dessen Hilfe sie noch den Hauch einer Chance hatte.
 

Nami konnte es nach wie vor nicht fassen, dass die Charlotte-Familie es tatsächlich gewagt hatte, so derart rabiat vorzugehen, denn auch wenn es offiziell ein Autounfall war, von einer kaputten Gasleitung, die explodiert sein sollte, war die Rede, wusste doch jeder in der Stadt, was wirklich dahinter steckte. Da wurde ihr klar, dass Reiju einzig und allein noch lebendig vor ihr stand, weil sie anscheinend die Hochzeitsfeier frühzeitig verlassen hatte. Ihr Blick glitt zu besagter junger Frau und sie betrachtete sie jetzt eingehender.

„Lass mich raten. Nicht lange nach unserer Begegnung in eurem Familienanwesen, flogen dir schon bald ein paar Kugeln um die Ohren, weil du bei dem Unfall nicht im Auto saßest und sie dich deshalb schnellstmöglich aus dem Weg schaffen mussten? Dann bist du nur mit den Klamotten, die du gerade am Leib trugst um dein Leben gerannt? Und wie der Zufall es so will, geradewegs in mein Viertel und sozusagen vor meine Füße? Stimmt doch so, oder habe ich noch irgendetwas ausgelassen?“, schlussfolgerte Nami und gab Reiju ihre, wenn auch nutzlose, Waffe zurück.
 

„Das trifft es ziemlich gut. So gesehen müsste ich dir schon fast dankbar für deinen Diebstahl sein, denn ich wüsste nicht, an wen ich mich noch wenden könnte. Wobei man bei Dieben immer vorsichtig sein sollte, denn wer garantiert mir denn schon, dass du nicht gleich losrennst und Big Mom brühwarm erzählst, wo ich mich aufhalte – gegen eine gewisse Summe Bargeld versteht sich. Allerdings besteht bei jemandem wie der Charlotte-Familie auch immer die Gefahr, dass sie dir als Dank für die Info eine Kugel in deinen Kopf verpassen, von daher ...“, Reiju ließ das Ende des Satzes offen. Sie wusste, dass ihr Gegenüber im Moment alle Trümpfe in der Hand hielt. Aufmerksam beobachtete sie ihr Gesicht, suchte nach Anzeichen, ob die Entscheidung wohl zu ihren Gunsten ausfallen würde. Jetzt erst, in diesem kurzen Augenblick der Ruhe und des Wartens, wurde ihr bewusst, wie kalt sich ihr Körper mittlerweile anfühlte.
 

Nami war Reijus Zittern keineswegs entgangen. Und so sehr sie ihren Reichtum auch liebte, dafür so ganz bewusst ein Menschenleben zu opfern und nebenher immer noch das Risiko einzugehen, vielleicht nicht einmal selbst lebend aus der Sache raus zukommen, war kein Geld der Welt wert.

„Na dann will ich doch einmal ein wenig Vertrauen aufbauen; ich bin Nami und ja, vermutlich hast du schon von mir gehört.“, entgegnete Nami schließlich und streckte ihre Hände aus, damit Reiju sich daran hochziehen konnte.

„Du bist also jene Frau, die überall nur als die Diebische Katze bekannt ist. Über dich hört man ja die haarsträubendsten Geschichten.“ Sie hätte sich eigentlich denken können, dass nicht irgendeine Diebin es wagen würde in das Anwesen ihrer Familie einzubrechen und in diesem Augenblick wurde Reiju bewusst, dass sie dieses Anwesen wohl niemals wieder betreten würde.

„Und ich versichere dir, die meisten davon sind auch noch wahr“, erwiderte Nami mit einem frechen Zwinkern.

„Jetzt sollten wir uns langsam aber wirklich auf den Weg machen, bevor du hier noch erfrierst oder sogar noch von irgendwelchen Helfershelfern von Big Mom entdeckt wirst.“

Reiju nickte dazu nur, dankbar endlich ein Ziel vor Augen zu haben.

„Im Übrigen ein echt heißes Outfit, das du da trägst. Abgehen von den ganzen Löchern, deinem verwischten Make-up und der Vogelnestfrisur, versteht sich. Und die Schuhauswahl solltest du auch noch überdenken. Aber trotzdem immer noch irgendwie heiß“, fügte Nami dann noch in lockerem Plauderton hinzu, um die sich langsam immer mehr erdrückend anfühlende Situation ein wenig zu entspannen.

„Danke. Ich werde mir bei meiner nächsten Flucht mehr Mühe geben, was mein Erscheinungsbild betrifft.“ Reiju war dankbar für diese kleine, humorvolle Abwechslung und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, schlich sich ein zartes, ehrliches Lächeln auf ihre Lippen.

[4]

Namis Versteck, was im Grunde ein äußerst komfortables Loft war, lag zum Glück nicht mehr weit entfernt, und als die beiden endlich darin angekommen waren, ließ sich Reiju einfach direkt auf dem Boden nieder, ihre Waffe legte sich einfach neben sich ab. Sie war am Ende ihrer Kräfte, während sich in ihr ein Gefühl von trügerischer Sicherheit ausbreitete, obwohl sie im Grunde genau wusste, dass sie in Yokohama niemals mehr sicher sein würde. Egal wohin sie auch ging, ständig würde sie sich umsehen müssen, denn die Charlotte-Familie hatte überall Spitzel, genau das machte sie ja so gefährlich. Big Mom hatte ihr feines Netz langsam, aber stetig über die gesamte Stadt gesponnen, bis niemand mehr sagen konnte, ob er der Person, mit der er am vergangenen Abend zu Bett gegangen war, am nächsten Morgen noch trauen konnte. Überall herrschte Unsicherheit und Misstrauen, welches sich zunehmend auch abseits der Unterwelt auszubreiten schien.
 

„Du solltest dringend diese verdreckten Klamotten loswerden und eine lange heiße Dusche nehmen. Brauchst du Hilfe beim Ausziehen?“ Nami hatte sich nebenbei ihrer Jacke und den Schuhen entledigt und die Tür zum Bad geöffnet.

„Nein … geht schon.“ Doch schon in der Sekunde, als die Worte Reijus Mund verließen, wusste sie, dass es eine Lüge war. Vermutlich müsste sie auf allen vieren kriechen um überhaupt das Badezimmer zu erreichen und das Brennen in ihrem linken Arm, das sie bisher so vehement versucht hatte zu ignorieren, machte sich ihr jetzt immer deutlicher bemerkbar. Dazu fühlten sich ihre Füße ziemlich wund gescheuert an, da bei einem ihrer Pantoffeln längst ein großes Loch in der Sohle prangte.

Nami konnte sehen, dass Reijus Bemühungen, auch nur einen Arm aus dem Kimono zu ziehen bereits zum Scheitern verurteilt waren und überlegte nicht lange.

„Ich denke, wir sollten das Prozedere einfach abkürzen.“ Und mit diesen Worten zog sie eine Schere aus einer der Schubladen der weißen Kommode, die gleich neben der Eingangstür stand.

Die Stofffetzen flossen, einer nach dem anderen zu Boden, bis Nami den Teil an ihrem Arm erreichte, der komplett von Blut durchtränkt war.

„Jetzt könnte es etwas ziehen“, warnte sie Reiju vor, als sie vorsichtig das klebende Stück des Kimonos löste. Reiju biss die Zähne zusammen, konnte am Ende jedoch wenigstens feststellen, dass es sich nur um einen leichten Streifschuss handelte, der zwar ziemlich geblutet hatte, aber ansonsten nicht weiter schlimm war.

„Du hattest wirklich Glück, denn ich weiß nicht so recht, ob ich im Entfernen einer Kugel die richtige Ansprechpartnerin gewesen wäre. Aber einen Verband anzulegen sollte ich hinbekommen.“ Nami bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, obwohl Reiju zwischendurch immer wieder die Augen schloss, da sie die Erschöpfung endgültig zu übermannen drohte.
 

„Irgendwie hoffe ich nach wie vor darauf, dass ich jede Minute in meinem bequemen, großen Bett aufwache und feststelle, dass das alles nur ein böser Albtraum war. Ich meine ehrlich, wie kann es sein, dass ich vor wenigen Stunden noch eine der reichsten Frauen Yokohamas war mit allem Luxus den ich mir wünschen konnte und nun sieh mich – verletzt, gebrochen und hilflos wie ein Kind, deren Leben in den Händen einer quasi völlig Fremden liegt.“ Reiju tat sich schwer die Worte über ihre Lippen zu bekommen und schüttelte dabei den Kopf, so als könnte sie es immer noch nicht so richtig glauben.

Nami konnte wahrscheinlich besser als jeder andere nachfühlen, wie es Reiju im Moment ging. Sie selbst hatte auch ihre Familie auf einen Schlag verloren, aber darüber zu reden, war sie derzeit noch nicht bereit.

„Also als Fremde würde ich uns nicht mehr bezeichnen, schließlich kennen wir schon gegenseitig unsere Namen. Das ist mehr, als so manches Pärchen, das sich für einen Quickie in die Toilette schleicht. Und jetzt komm, bringen wir dich mal endlich ins Bad.“ Gesagt getan und so schwankten die zwei mehr als sie gingen in Richtung des besagten Raumes.
 

Reiju mochte Namis Humor, zweifellos sogar, und würde ihr nicht bei jeder Bewegung alles wehtun, hätte sie vermutlich sogar darüber gelacht. Aber so konzentrierte sie sich lieber darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ehe sie sich auf einem kleinen Hocker neben dem Waschbecken niederließ. Während sie das Bad, das im Übrigen ziemlich elegant aussah mit seinen weißen Fliesen, ab und an unterbrochen von orangenen Mustern, die perfekt mit der ansonsten cremefarbenen Einrichtung harmonierten, betrachtete, verschwand Nami kurz, um dann mit einem Stapel frischer Handtücher zurückzukehren.

„Fühl dich einfach wie zu Hause. Ich suche dir in der Zwischenzeit noch ein paar passende Klamotten heraus.“

„Danke … für alles.“

Reiju stützte sich an der Duschwand ab und schob den ersten Träger ihres Negligés zur Seite und Nami nahm das als Zeichen, dass es Zeit wurde zu gehen, um ihrem Gast zumindest noch ein gewisses Maß an Privatsphäre zu bieten.
 

Sie zog die Tür hinter sich zu und hielt dann erst einmal inne. Was tat sie hier eigentlich? Natürlich war es völlig lächerlich überhaupt nur noch in Erwägung zu ziehen, dass Reiju sie doch verraten könnte, jetzt wo sie ihr Versteck kannte, aber Nami war aus gutem Grund schon immer besonders vorsichtig gewesen, wenn es darum ging, jemanden ihr Vertrauen zu schenken. Im Grunde war es längst egal, denn schon heute Abend wartete ein Schiff auf sie, sodass sie Yokohama für lange Zeit den Rücken kehren würde. Tropische Strände, süße Cocktails und sexy Mädels in knappen Bikinis, was konnte es Besseres geben?

Eigentlich war es ihr sogar egal, wenn Reiju in ihrem Loft bleiben würde, auch wenn das keine dauerhafte Lösung für ihr Problem sein würde. Niemand konnte sich ewig verstecken, auch nicht in einer Millionenstadt wie dieser.

Sie sollte sich wirklich nicht so viele Gedanken über eine Fremde machen. Wobei Fremde, war Reiju das denn tatsächlich noch für sie? Da war etwas in den Blicken, die sie austauschten, etwas Unterschwelliges, Unausgesprochenes … etwas Vertrautes sogar womöglich?

Nami schüttelte heftig den Kopf. Solche Gedanken hatten jetzt und hier wirklich nichts zu suchen. Sie wollte eben zu ihrem großen Kleiderschrank gehen, als ein dumpfes Poltern aus dem Bad sie innehalten ließ.
 

Nach einigen Mühen war es Reiju schlussendlich doch noch gelungen, dass verschmutzte Stück Stoff, dass einst einmal eines ihrer Lieblingsnegligés gewesen war, von ihrem Körper zu lösen, was jetzt auf dem Fußboden lag und einem Putzlappen glich, ihren Slip hingegen hatte sie einfach anbehalten. Denn so dumm es auch klingen mochte, fühlte sie sich dadurch nicht ganz so nackt.

Und nun hatte sie gedacht, der schwierigste Teil würde hinter ihr liegen. Doch selbst die komfortable Regenwalddusche aufzudrehen und eines der zahlreichen Gels und Shampoos zu öffnen kam ihr plötzlich wie Schwerstarbeit vor. Sie geriet ins Wanken, griff Halt suchend umher, dabei gingen ein paar der Duschutensilien lautstark zu Boden, bis Reiju sich am Ende zitternd an den Fließen abstützte.
 

„Alles in Ordnung?“, erklang da Namis Stimme durch das Rauschen des Wassers und Reiju hätte gerne ja gesagt, aber sie wusste, dass es wenig Sinn haben würde, ihr eine so offensichtliche Lüge aufzutischen. Sie konnte sich ja nicht einmal richtig einschäumen.

„Nein, nicht wirklich“, gab sie also zu und wie zu erwarten öffnete sich daraufhin die Tür.

„Ich könnte dir einen Stuhl bringen, wenn du Angst hast, dass deine Beine versagen?“, war das Erste, das Nami einfiel, ohne, dass sie überhaupt einen Blick auf Reiju geworfen hatte.

„Damit ich mir wirklich so vorkomme, als wäre ich uralt und absolut hilflos? Das ist so … entwürdigend.“ Reiju wusste, dass es lächerlich war sich jetzt solche Gedanken zu machen, aber sie konnte nicht anders.

„Ich könnte dir natürlich auch helfen.“ Die Worte waren heraus, bevor Nami noch richtig darüber nachdenken konnte und die Stille, die darauf folgte, dröhnte in ihrem Kopf so viel lauter als der gesamte Lärm der Stadt es je gekonnt hätte.
 

Insgeheim war es wohl genau das, was Reiju hatte hören wollen, und sei es nur darum, um nicht länger allein sein zu müssen. Heute Nacht wollte sie dieses Gefühl der Einsamkeit nur noch loswerden. Die Gedanken über den Verlust ihrer ganzen Familie, auch wenn sie niemals das beste Verhältnis zueinander hatten, raubte ihr zeitweise die Luft zum Atmen. Obwohl Sanji, ihr liebster Bruder nicht dieser grauenhaften Explosion zum Opfer gefallen war, so war er doch für sie verloren. Offiziell würde er nun das Oberhaupt der Vinsmoke-Familie sein, aber im Grunde war er nichts weiter als eine Marionette, an deren Fäden seine Angetraute stetig zog, ganz gleich wie sehr ihm das alles widerstrebte.
 

Es brauchte keine Worte mehr, als Reiju die Schiebetür zur Dusche öffnete und Nami daraufhin stumm an ihre Seite trat. Sie trug noch ihre Jeans und das Top und auch wenn ihre Dusche genau genommen riesig war, kam sie ihr im Moment so winzig klein vor, als sie Reiju so nahe war, dass sie ihren warmen Atem spüren konnte. Ihre Kleidung sog sich mehr und mehr mit Wasser voll. Doch die beiden starrten einander nur schweigend an, bis Nami schließlich den Blickkontakt unterbrach.

„Du solltest dich umdrehen, damit ich deinen Rücken einseifen kann.“ War das da wahrhaftig noch ihre Stimme, so dunkel und rau wie sie in ihren eigenen Ohren klang?

„Mhm“, folgte Reijus knappe Zustimmung. Sie fühlte wie das heiße Wasser langsam ihren kalten Körper zu wärmen begann. Namis Hände glitten bedächtig über ihre Schultern, weiter hinab zu ihren Hüften, dann strichen sie über ihren rechten Arm, bevor sie mit großer Vorsicht um ihre Verletzung herum, den anderen Arm mit einem nach Kokos duftenden Duschgeld wusch. Auch die diversen sonstigen Schrammen an ihrem Körper säuberte Nami umsichtig, ohne ihre wehzutun. Und sie genoss jede einzelne, noch so kleine Berührung davon. Wie lange war es her, dass sie jemand auf die Weise berührt hatte?
 

Nami war darum bemüht sich auf ihren eigenen, wilden Herzschlag zu konzentrieren, nicht auf die zarte Haut unter ihren Fingerspitzen, die Nähe von Reijus warmen Körper, der schon lange nicht mehr vor Kälte zitterte. Ihre Hände tasteten sich Stück um Stück vorwärts, verharrten auf Reijus Bauch, glitten dann ein wenig höher und in diesem Moment lehnte sich Reiju mit dem Rücken gegen Namis Oberkörper und es fühlte sich so verdammt perfekt an, als Namis schaumbedeckte Finger über Reijus Brüste strichen.

Und nur ein winzig kleiner Teil ihres Gehirns fragte sich, warum sie sich zuvor keinen der weichen Duschschwämme aus der obersten Schublade geschnappt hatte, um ans Werk zu gehen.

Nur zweckdienliche Berührungen, zu mehr durfte sie sich im Augenblick einfach nicht hinreißen lassen, zumindest redete sie sich das ein und doch schien die Luft zwischen den beiden bedrohlich zu knistern. Die pinken Haarsträhnen glitten wie Seide durch ihre Hände, als sich Nami zwischenzeitlich wieder unverfänglicheren Stellen an Reijus Körper zuwandte.
 

Reiju fühlte Namis Arm, der sich nun sanft um ihre Taille schlang, sie festhielt, sollten ihre Beine ihr erneut den Dienst versagen wollen. Ihre Finger schienen gleichzeitig überall und nirgends zu sein, so schnell wanderten sie über Reijus geschundenen Körper hinweg. Dann waren sie mit einem Mal ganz verschwunden und das Wasser fühlte sich schlagartig kalt … und irgendwie leer an. Und die sich öffnende und wieder schließende Tür des Badezimmers klangt so laut wie Donnerschlag in Reijus Ohren. Wohl ein deutlicher Hinweis dafür, dass sie das Abspülen alleine hinbekommen musste.
 

Nami versuchte gar nicht erst ihren keuchenden Atem, ihr hämmerndes Herz und die Hitze in ihrem Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen riss sie sich die klatschnasse Kleidung von ihrem Körper und warf sie achtlos auf die grauen Steinfliesen, die den Boden ihres Lofts bedeckten. Sie war nur noch einen Sekundenbruchteil davon entfernt gewesen, die Beherrschung zu verlieren, was ihr schon so lange nicht mehr passiert war, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wann es jemals so eine Situation gegeben hatte. Nami sollte ihr Augenmerk dringend auf etwas anderes lenken. So wie sie nun dastand, splitterfasernackt und mit tropfenden Haaren stapfte sie in ihr Schlafzimmer, dass genau genommen nur durch zwei Milchglaswände vom restlichen Loft abgetrennt wurde.

Was hatte sie sich da nur eingebrockt, dass ihre Hormone plötzlich durchdrehten und sie das Gefühl hatte, wieder ein unschuldiger Teenager zu sein, der erstmals entdeckte, wie interessant das eigene Geschlecht doch sein konnte? Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus, riss ein Handtuch aus dem Schrank und wickelte sich darin ein und rubbelte anschließend ihre Haare so stark durch, dass sie vermutlich gleich ein paar davon ausriss.

Frisch angezogen und mit einem Stapel Klamotten in den Händen kehrte sie zum Bad zurück. Dort angekommen hörte sie, dass kein Wasser mehr lief und sie hoffte, betete geradezu inständig dafür, dass, wenn sie jetzt den Raum betrat, Reiju sich fest in das große grüne Badetuch gewickelt hatte, welches sie ihr hingelegt hatte.

Und tatsächlich, ihr Flehen wurde erfüllt, denn Reiju saß zusammengekauert auf dem kleinen Hocker, betastete soeben vorsichtig die Wunde des Streifschusses an ihrem Arm und alles wirkte so, als wäre das eben Geschehene nie passiert.

Als Reiju jedoch den Kopf hob und Namis Blick begegnete, kehrte die Erinnerung an zuvor so heftig zurück, dass Nami vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat. Aber der erste Zauber schien dennoch verflogen zu sein. Wie glücklich oder unglücklich die zwei nun darüber waren, ließen ihre Gesichter aber nicht erkennen.
 

„Ich kümmere mich noch um die Wunde, dann kannst du dich in Ruhe anziehen.“ So neutral wie nur möglich, kramte Nami den Erste Hilfe Kasten aus dem Schränkchen unter dem Waschbecken und begann im Anschluss damit den Verband sorgsam um Reijus verletzten Arm zu wickeln. Das Blut hatte zum Glück schon zu stocken begonnen. Reiju wollte irgendetwas sagen, doch die richtigen Worte wollten ihr partout nicht einfallen. So beobachtete sie Nami bei ihren geschickten und vorsichtigen Bewegungen.

„So, das sollte halten. Ich warte dann draußen auf dich.“

Nami war schon im Begriff sich abzuwenden, als Reiju erstaunlich schnell und kraftvoll nach ihrer Hand griff.

„Ich bin dir wirklich dankbar, für alles was du für mich getan hast. Ohne dich … ich wüsste nicht wo ich jetzt wäre.“

„Schon gut. Das schlechte Gewissen darüber, dass ich dich da draußen hätte auf der Straße liegen lassen, wäre vermutlich ein ganz schöner Dämpfer gewesen für meine Auszeit in den Tropen.“ Und dieses Mal meinte sie völlig ernst, was sie sagte, wie ihr Tonfall erkennen ließ, kein kleines Späßchen oder lockeres Geplänkel wie zuvor.

„Du verlässt also Yokohama?“ Reiju zog ihre Hand wieder zurück und zog die Unterwäsche aus dem Kleidungsstapel, den sie vor sich liegen hatte.

„Noch heute Abend.“ Nami machte sich erst gar nicht die Mühe, das Bad zu verlassen, sondern wandte Reiju einfach nur den Rücken zu, während sie sich ankleidete.

Das Rascheln von Stoff und Reijus schwerer Atem waren das Einzige, dass in den folgenden Minuten den Raum erfüllte.

„Bleibst du lange fort?“

Nami konnte nicht sagen, ob es nur ihrem eigenen Wunsch entsprang, dass Reijus Stimme voller Sehnsucht klang oder ihre Worte tatsächlich davon durchdrungen waren.

„Wer kann heute schon so genau sagen, was morgen sein wird. Vielleicht kehre ich der Stadt sogar für immer den Rücken.“

„Das klingt wirklich sehr … endgültig.“ Reiju betrachtete ihr Spiegelbild und als Nami sich wieder umwandte, auch das ihre. Sie starrten einander im Spiegel an. Suchten nach etwas, warteten, worauf auch immer.
 

„Darf ich?“, kehrte Nami als Erste zurück in die Realität, nachdem sie sich den Föhn gegriffen hatte und Reiju nun voll bekleidet vor ihr saß.

„Gerne.“

Und dann erfüllte das monotone Summen des Föhns das Badezimmer, verschlang weitere Minuten ihrer gemeinsamen Zeit. Reiju genoss die warme Luft, die sie umnebelte ebenso wie Namis Finger die sanft durch ihr Haar strichen, dabei ab und an durch eine Bürste ersetzt wurden. Sie würde also schon bald hier ganz alleine zurückbleiben. Der Gedanke machte ihr auf erschreckende Weise Angst, ein Gefühl, dass Reiju bisher nie in einer solchen Intensität verspürt hatte.
 

Nami wusste, dass es ein Wagnis war, doch was hatte sie schon zu verlieren, wenn sie diese einfache Frage stellen würde? Mehr als ein Nein konnte dabei nicht als Antwort herauskommen. Sie schaltete eben den Föhn ab und wollte das Gespräch wieder aufnehmen, als Reiju ihr bereits zuvorkam.

„Dann genieße deine Zeit in den Tropen, wie lange sie auch immer dauern mag.“

Reijus Worte klangen nach Abschied, nach einer beschlossenen Sache und Nami biss sich unwillkürlich auf die Lippen, widerstand dem Drang, das, was sie eben noch sagen wollte, doch noch laut auszusprechen. Denn im Moment, so fühlte sie, würde es dieses Nein werden, dass sie aus unerfindlichen Gründen einfach nicht aus Reijus Mund hören wollte. Stattdessen sagte sie schlussendlich: „Danke. Du kannst es dir derweil schon im Bett bequem machen, ich habe alles vorbereitet.“
 

Was hatte Reiju auch erwartet von Nami zu hören? Einen Plan über eine gemeinsame Zukunft, wo sie einander doch nur wenige Stunden kannten? Aber war das noch wichtig, wenn man einfach fühlte, dass es richtig war, dass zwischen einem eine besondere Verbindung bestand? Es war gewiss nicht diese große, wahre Liebe auf den ersten Blick, aber da war etwas anderes, etwas Tiefgehendes, das sie nicht vermochte in Worte zu fassen.

Doch Nami, so hatte es derzeit den Eindruck, schien dies nicht so zu sehen. Wie dumm sie doch eigentlich war, als erwachsene Frau, solchen Hirngespinsten und Träumereien hinterherzujagen, anstatt sich um ihr eigenes Leben oder besser gesagt Überleben zu sorgen.

Schweigend, ganz in ihren Gedanken versunken ging sie zum Schlafzimmer und ließ sich auf der linken Seite des übergroßen Bettes nieder. Ein Stapel Kissen und Decken wartete dort bereits auf sie. Und als das Summen des Föhns erneut aus dem Bad zu hören war, schloss sie für einen Moment die Augen.

Als Nami nur Minuten später hinzukam, schlief Reiju bereits tief und fest. Sie schob ihr zumindest ein Kissen vorsichtig unter den Kopf und deckte sie anschließend mit zwei Decken zu. Danach blieb ihr nichts weiter zu tun, als der Versuch nun endlich auch selbst ein paar Stunden Schlaf zu finden.
 

Einzelne Strahlen hellen Sonnenlichts stachen Reiju in die Augen, als sie diese vorsichtig blinzelnd öffnete. Die Bettseite neben ihr war wieder unberührt und sie strich gedankenverloren über das kalte, dunkle Laken. Bei der Bewegung verspürte sie ein leichtes Ziepen in ihrem verletzten Arm, das aber weiter nicht schlimm war und ihr wurde bewusst, dass sie wohl doch so richtig eingeschlafen war und nicht einmal bemerkt hatte, wie Nami ins Bett kam. Doch tief in ihr wusste sie, dass Nami da gewesen war. Sie hatte ihre Wärme, ihre Nähe und so etwas wie Geborgenheit gespürt. Ein schönes Gefühl.

Da hörte sie das Klappern von Geschirr und anschließend schob Nami auch schon so leise wie möglich die Tür auf und als sie sah, dass Reiju wach war, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck sofort. Freundlich blickte sie ihr entgegen.
 

„Kaffee gefällig? Auch wenn es schon nach Mittag ist, denke ich, du könntest jetzt etwas Heißes brauchen, das deine Lebensgeister weckt.“ Auffordernd reichte Nami ihr eine Tasse des schwarzen Gebräus. Sie selbst war nach nur fünf Stunden wieder hellwach gewesen, was sogar gut war, da sie einiges zu erledigen hatte. Sowohl ihr Informant als auch Lysop, ihr großer Bastler für jedes nur so ausgefallene Equipment, musste noch bezahlt werden, um alles Weitere konnte sie sich auch von ihrem neuen Zuhause aus kümmern.
 

„Selten, dass ich so lange schlafe, aber nach gestern Nacht wohl auch kein Wunder.“ Dankend nahm Reiju den Kaffee entgegen und trank sogleich drei große Schlucke.

„Mhm, genau richtig. Schwarz mit viel Zucker.“ Sie trank die halbe Tasse leer.

„In der Küche wartet auch noch Essen auf dich.“

Das ließ sich Reiju nicht zweimal sagen uns erhob sich aus dem Bett. Wie aufs Stichwort gab ihr Magen ein hörbares Knurren von sich und die beiden Frauen mussten darüber einfach lächeln.

Da war er wieder, einer dieser sorglosen Augenblicke zwischen ihnen beiden und Nami warf all ihre Entscheidungen, die sie gestern noch, während sie darauf wartete, endlich Schlaf zu finden, getroffen hatte, einfach so über Bord.

„Komm mit mir. Der Strand ist mehr als groß genug für uns beide, dessen bin ich mir sicher. Und vielleicht findet sich auch noch eine kleine, nette Hütte, in der wir … zusammen leben könnten, ganz ungezwungen. Einfach zwei Menschen, deren Lebenswege sich gekreuzt haben und die es nun gilt eine Zeit lang Seite an Seite weiter zu beschreiten. Was hält dich denn noch hier?“

Reijus Lachen stoppte abrupt und die Ernsthaftigkeit des Lebens sprach wieder aus ihrer Miene.

Nami befürchte, dass nun doch dieses alles umfassende, endgültige Nein über sie hereinbrechen würde und zog sich deshalb instinktiv zurück.
 

Doch Reiju stellte die Kaffeetasse eiligst auf den Nachttisch und umfasste Namis Hände mit den ihren, als sie bemerkte wie sich die andere vor ihr zurückziehen wollte.

„Ja … und auch wenn es noch so verrückt ist, noch einmal ja.“ Und dann erblühte ein so glückliches Lächeln auf Reijus Lippen, dass Nami gar nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln. Voller Euphorie schlang sie die Arme um Reiju und so hielten sie einander einfach nur fest. Es war egal ob es nur Sekunden, Minuten oder eine ganze Ewigkeit war – es war richtig.

„Aber denkst du dein Weg das Land zu verlassen wäre auch für mich sicher und vor allem brauchen wir dafür Geld, viel Geld. Dass, was du meinem Vater gestohlen hast, wird dafür wohl kaum ausreichen.“ Reiju wusste, dass sie diese kleine Seifenblase des Glücks zwischen ihnen beiden damit zum Platzen brachte, aber sie konnte unmöglich die Augen vor der Realität verschließen. Und schon allein ihren Vater nur zu erwähnen, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust.
 

Dieses Mal war es ein freches Grinsen, dass sich auf Namis Züge schlich, ehe sie antwortete.

„Das Geld aus dem Tresor deines Vaters ist zwar nicht so wenig wie du vielleicht denkst, aber deswegen hätte ich dieses Risiko nicht auf mich genommen. Dein Vater scheint wohl mehr Geheimnisse gehabt zu haben, als du ahnst, denn dank meines kleinen Einbruchs, sind jetzt ganze zehn Beutel mit Diamanten in meinem Besitz. Die reichen für mehr als nur ein schönes Leben.

Und glaube mir, wenn ich dir sage, auf dem Schiff mit dem ich heute Abend Yokohama verlasse, bist du in Sicherheit. Die beiden Brüder, denen es gehört sind im Transportgeschäft tätig, zumindest offiziell, nur das alles, was sie so transportieren selten legal erworben wird. Und nachdem uns eine, nennen wir es gemeinsame Vergangenheit verbindet, ist das Vertrauen zwischen uns unumstößlich. Du kannst also ganz beruhigt sein.“

„Das heißt, auf uns beide wartet tatsächlich ein neues, freies Leben.“ Reiju kostete jedes einzelne Wort sorgfältig aus, als sie es aussprach und sich dabei Nami weiter näherte, bis sich am Ende ihre Nasenspitzen berührten.

„Sofern du das wirklich willst; ja.“ Namis warmer Atem strich über Reijus Gesicht, bevor sie dieses letzte kleine Stück überwand und ihre Lippen hauchzart über Reijus Mund strichen.

Es war ein sanftes, kleines Vortasten, das zu einem langen zärtlichen Kuss verschmolz und in einer alles umfassenden, festen Umarmung sein Ende fand.

Ein Moment jenseits von Zeit und Raum, ohne schmerzliche Verluste, belastende Vergangenheit und Zukunftsängste darüber, was es bedeuten würde, einander erst einmal richtig kennenzulernen. Ein Leben Seite an Seite zu führen, auch wenn es vielleicht nur ein paar Monate lang dauern würde.

Doch jetzt kamen einmal nur Sonne, Strand und ein Meer aus funkelnden Diamanten auf sie zu.



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Kommentare zu dieser Fanfic (4)

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Von:  Votani
2021-11-07T20:31:07+00:00 07.11.2021 21:31
Endlich auch das letzte Kapitel gelesen und es ist toll. :D Die ganze Szene in der Dusche war sehr erotisch und passt einfach zu dem Ship. Ich mag es sehr, wenn man Reiju in FFs so umsorgt sieht. ;o; Auch das Ende hat super gepasst und es war spannend, wie du es praktisch schon am Ende festgelegt hast, dass Nami nach dem Diebstahl eh die Stadt verlassen wird. Da hat es natuerlich einfach gepasst, dass Reiju sie begleitet, um der Charlotte-Familie zu entgehen und stattdessen irgendwo ein neues Leben anzufangen. :D (Armer Sanji, dass er so zurueckgelassen wird, aber Reiju haette wirklich nichts fuer ihn machen koennen...)

Die Geschichte war sehr toll. Ich hoffe, du schreibst noch sehr viel mehr zu OP und zu Crackships. *-*
Antwort von: Kassiopeia
08.11.2021 08:15
*___*
Schön, dass ich dich bis zum Ende begeistern konnte.^^

Naja, OP wird immer in meinem Herzen sein, da kann es leicht passieren, dass mir noch die eine oder andere Geschichte dazu einfällt. xD
Von:  Votani
2021-10-29T19:53:48+00:00 29.10.2021 21:53
Haha, die Begegnung ist gut. An Namis Stelle haette ich Reiju unter den Umstaenden garantiert auch nicht erkannt, aber das macht es noch besser. :'D Ich wusste nicht, dass das Ship so gut sein kann, aber du hast mich absolut ueberzeugt! Ich shippe es!
Ich bin gespannt auf das letzte Kapitel, was ich wahrscheinlich aber nicht vor Sonntag oder Anfang der naechsten Woche lesen kann. (Dann kommt auch die ENS!) Trotzdem kann ich schon jetzt sagen, dass es sich wie ein Auftakt einer langen, epischen Geschichte liest und ich gern mehr dazu gehabt haette. XD
Das einzige, was mir etwas aufgefallen ist, sind die Dialoge. Du hast sehr lange Saetze da drin, aber Menschen sprechen eher in mehreren, kuerzeren Saetzen etc. Aber das ist nur etwas Kleines, was mir so spontan ins Auge gesprungen ist.
Ich freu mich schon auf das letzte Kapitel! :)
Antwort von: Kassiopeia
30.10.2021 06:56
Schön zu lesen, dass dir die Geschichte immer noch gefällt.^^

Und keine Sorge, das letzte Kapitel als auch die ENS laufen dir ja nicht weg, also nur kein Stress deswegen. :)

LG~
Von:  Votani
2021-10-24T16:42:28+00:00 24.10.2021 18:42
Ich liebe Reiju und ich liebe auch ihre Darstellung hier. :D Generell mag ich die Sanji/Reiju Geschwisterkiste und haette auch gern im Manga noch mehr dazu gesehen, daher bin ich froh, dass sie hier eine kleine Szene am Anfang bekommen. :)

Generell ist der Plot echt spannend, dass die Vinsmokes auch hier hintergangen worden sind und Reiju nun auf der Flucht sind mit Sanji in den Faengen von Big Mom. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und wie genau sich Reiju und Nami ueber den Weg laufen. Hach ja, ich stell es mir ja niedlich vor, wenn Nami sie irgendwie findet und ihre Wunden versorgt. ;o; XD

Ich werde jedenfalls am Ball bleiben und zu Ende lesen! :D
Von:  Votani
2021-10-24T16:26:45+00:00 24.10.2021 18:26
Eine OP-Geschichte von dir! *-* Und dann auch noch mit Reiju, einer meiner absoluten Lieblingsdamen (auch wenn sie hier noch nicht vorkommt). Da musste ich natuerlich gleich reinschnuppern und ich muss sagen, dass ich froh bin, es getan zu haben. :)

Der Auftakt der Geschichte ist schon mal total spannend. Ich liebe diese Art von AU und Nami als Diebin, die von den Vinsmoke stiehlt! Dein Schreibstil glaenzt hier auch sehr. Man fiebert richtig mit Nami mit und ich bin gespannt, wie es weitergeht, nun da ueberall die Lichter angehen und ich annehme, dass sie auf Reiju treffen wird. Ich werde gleich weiterlesen. :D


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