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Diamonds are a Girl's best friend

[Nami & Reiju]
von

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[4]

Namis Versteck, was im Grunde ein äußerst komfortables Loft war, lag zum Glück nicht mehr weit entfernt, und als die beiden endlich darin angekommen waren, ließ sich Reiju einfach direkt auf dem Boden nieder, ihre Waffe legte sich einfach neben sich ab. Sie war am Ende ihrer Kräfte, während sich in ihr ein Gefühl von trügerischer Sicherheit ausbreitete, obwohl sie im Grunde genau wusste, dass sie in Yokohama niemals mehr sicher sein würde. Egal wohin sie auch ging, ständig würde sie sich umsehen müssen, denn die Charlotte-Familie hatte überall Spitzel, genau das machte sie ja so gefährlich. Big Mom hatte ihr feines Netz langsam, aber stetig über die gesamte Stadt gesponnen, bis niemand mehr sagen konnte, ob er der Person, mit der er am vergangenen Abend zu Bett gegangen war, am nächsten Morgen noch trauen konnte. Überall herrschte Unsicherheit und Misstrauen, welches sich zunehmend auch abseits der Unterwelt auszubreiten schien.
 

„Du solltest dringend diese verdreckten Klamotten loswerden und eine lange heiße Dusche nehmen. Brauchst du Hilfe beim Ausziehen?“ Nami hatte sich nebenbei ihrer Jacke und den Schuhen entledigt und die Tür zum Bad geöffnet.

„Nein … geht schon.“ Doch schon in der Sekunde, als die Worte Reijus Mund verließen, wusste sie, dass es eine Lüge war. Vermutlich müsste sie auf allen vieren kriechen um überhaupt das Badezimmer zu erreichen und das Brennen in ihrem linken Arm, das sie bisher so vehement versucht hatte zu ignorieren, machte sich ihr jetzt immer deutlicher bemerkbar. Dazu fühlten sich ihre Füße ziemlich wund gescheuert an, da bei einem ihrer Pantoffeln längst ein großes Loch in der Sohle prangte.

Nami konnte sehen, dass Reijus Bemühungen, auch nur einen Arm aus dem Kimono zu ziehen bereits zum Scheitern verurteilt waren und überlegte nicht lange.

„Ich denke, wir sollten das Prozedere einfach abkürzen.“ Und mit diesen Worten zog sie eine Schere aus einer der Schubladen der weißen Kommode, die gleich neben der Eingangstür stand.

Die Stofffetzen flossen, einer nach dem anderen zu Boden, bis Nami den Teil an ihrem Arm erreichte, der komplett von Blut durchtränkt war.

„Jetzt könnte es etwas ziehen“, warnte sie Reiju vor, als sie vorsichtig das klebende Stück des Kimonos löste. Reiju biss die Zähne zusammen, konnte am Ende jedoch wenigstens feststellen, dass es sich nur um einen leichten Streifschuss handelte, der zwar ziemlich geblutet hatte, aber ansonsten nicht weiter schlimm war.

„Du hattest wirklich Glück, denn ich weiß nicht so recht, ob ich im Entfernen einer Kugel die richtige Ansprechpartnerin gewesen wäre. Aber einen Verband anzulegen sollte ich hinbekommen.“ Nami bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, obwohl Reiju zwischendurch immer wieder die Augen schloss, da sie die Erschöpfung endgültig zu übermannen drohte.
 

„Irgendwie hoffe ich nach wie vor darauf, dass ich jede Minute in meinem bequemen, großen Bett aufwache und feststelle, dass das alles nur ein böser Albtraum war. Ich meine ehrlich, wie kann es sein, dass ich vor wenigen Stunden noch eine der reichsten Frauen Yokohamas war mit allem Luxus den ich mir wünschen konnte und nun sieh mich – verletzt, gebrochen und hilflos wie ein Kind, deren Leben in den Händen einer quasi völlig Fremden liegt.“ Reiju tat sich schwer die Worte über ihre Lippen zu bekommen und schüttelte dabei den Kopf, so als könnte sie es immer noch nicht so richtig glauben.

Nami konnte wahrscheinlich besser als jeder andere nachfühlen, wie es Reiju im Moment ging. Sie selbst hatte auch ihre Familie auf einen Schlag verloren, aber darüber zu reden, war sie derzeit noch nicht bereit.

„Also als Fremde würde ich uns nicht mehr bezeichnen, schließlich kennen wir schon gegenseitig unsere Namen. Das ist mehr, als so manches Pärchen, das sich für einen Quickie in die Toilette schleicht. Und jetzt komm, bringen wir dich mal endlich ins Bad.“ Gesagt getan und so schwankten die zwei mehr als sie gingen in Richtung des besagten Raumes.
 

Reiju mochte Namis Humor, zweifellos sogar, und würde ihr nicht bei jeder Bewegung alles wehtun, hätte sie vermutlich sogar darüber gelacht. Aber so konzentrierte sie sich lieber darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ehe sie sich auf einem kleinen Hocker neben dem Waschbecken niederließ. Während sie das Bad, das im Übrigen ziemlich elegant aussah mit seinen weißen Fliesen, ab und an unterbrochen von orangenen Mustern, die perfekt mit der ansonsten cremefarbenen Einrichtung harmonierten, betrachtete, verschwand Nami kurz, um dann mit einem Stapel frischer Handtücher zurückzukehren.

„Fühl dich einfach wie zu Hause. Ich suche dir in der Zwischenzeit noch ein paar passende Klamotten heraus.“

„Danke … für alles.“

Reiju stützte sich an der Duschwand ab und schob den ersten Träger ihres Negligés zur Seite und Nami nahm das als Zeichen, dass es Zeit wurde zu gehen, um ihrem Gast zumindest noch ein gewisses Maß an Privatsphäre zu bieten.
 

Sie zog die Tür hinter sich zu und hielt dann erst einmal inne. Was tat sie hier eigentlich? Natürlich war es völlig lächerlich überhaupt nur noch in Erwägung zu ziehen, dass Reiju sie doch verraten könnte, jetzt wo sie ihr Versteck kannte, aber Nami war aus gutem Grund schon immer besonders vorsichtig gewesen, wenn es darum ging, jemanden ihr Vertrauen zu schenken. Im Grunde war es längst egal, denn schon heute Abend wartete ein Schiff auf sie, sodass sie Yokohama für lange Zeit den Rücken kehren würde. Tropische Strände, süße Cocktails und sexy Mädels in knappen Bikinis, was konnte es Besseres geben?

Eigentlich war es ihr sogar egal, wenn Reiju in ihrem Loft bleiben würde, auch wenn das keine dauerhafte Lösung für ihr Problem sein würde. Niemand konnte sich ewig verstecken, auch nicht in einer Millionenstadt wie dieser.

Sie sollte sich wirklich nicht so viele Gedanken über eine Fremde machen. Wobei Fremde, war Reiju das denn tatsächlich noch für sie? Da war etwas in den Blicken, die sie austauschten, etwas Unterschwelliges, Unausgesprochenes … etwas Vertrautes sogar womöglich?

Nami schüttelte heftig den Kopf. Solche Gedanken hatten jetzt und hier wirklich nichts zu suchen. Sie wollte eben zu ihrem großen Kleiderschrank gehen, als ein dumpfes Poltern aus dem Bad sie innehalten ließ.
 

Nach einigen Mühen war es Reiju schlussendlich doch noch gelungen, dass verschmutzte Stück Stoff, dass einst einmal eines ihrer Lieblingsnegligés gewesen war, von ihrem Körper zu lösen, was jetzt auf dem Fußboden lag und einem Putzlappen glich, ihren Slip hingegen hatte sie einfach anbehalten. Denn so dumm es auch klingen mochte, fühlte sie sich dadurch nicht ganz so nackt.

Und nun hatte sie gedacht, der schwierigste Teil würde hinter ihr liegen. Doch selbst die komfortable Regenwalddusche aufzudrehen und eines der zahlreichen Gels und Shampoos zu öffnen kam ihr plötzlich wie Schwerstarbeit vor. Sie geriet ins Wanken, griff Halt suchend umher, dabei gingen ein paar der Duschutensilien lautstark zu Boden, bis Reiju sich am Ende zitternd an den Fließen abstützte.
 

„Alles in Ordnung?“, erklang da Namis Stimme durch das Rauschen des Wassers und Reiju hätte gerne ja gesagt, aber sie wusste, dass es wenig Sinn haben würde, ihr eine so offensichtliche Lüge aufzutischen. Sie konnte sich ja nicht einmal richtig einschäumen.

„Nein, nicht wirklich“, gab sie also zu und wie zu erwarten öffnete sich daraufhin die Tür.

„Ich könnte dir einen Stuhl bringen, wenn du Angst hast, dass deine Beine versagen?“, war das Erste, das Nami einfiel, ohne, dass sie überhaupt einen Blick auf Reiju geworfen hatte.

„Damit ich mir wirklich so vorkomme, als wäre ich uralt und absolut hilflos? Das ist so … entwürdigend.“ Reiju wusste, dass es lächerlich war sich jetzt solche Gedanken zu machen, aber sie konnte nicht anders.

„Ich könnte dir natürlich auch helfen.“ Die Worte waren heraus, bevor Nami noch richtig darüber nachdenken konnte und die Stille, die darauf folgte, dröhnte in ihrem Kopf so viel lauter als der gesamte Lärm der Stadt es je gekonnt hätte.
 

Insgeheim war es wohl genau das, was Reiju hatte hören wollen, und sei es nur darum, um nicht länger allein sein zu müssen. Heute Nacht wollte sie dieses Gefühl der Einsamkeit nur noch loswerden. Die Gedanken über den Verlust ihrer ganzen Familie, auch wenn sie niemals das beste Verhältnis zueinander hatten, raubte ihr zeitweise die Luft zum Atmen. Obwohl Sanji, ihr liebster Bruder nicht dieser grauenhaften Explosion zum Opfer gefallen war, so war er doch für sie verloren. Offiziell würde er nun das Oberhaupt der Vinsmoke-Familie sein, aber im Grunde war er nichts weiter als eine Marionette, an deren Fäden seine Angetraute stetig zog, ganz gleich wie sehr ihm das alles widerstrebte.
 

Es brauchte keine Worte mehr, als Reiju die Schiebetür zur Dusche öffnete und Nami daraufhin stumm an ihre Seite trat. Sie trug noch ihre Jeans und das Top und auch wenn ihre Dusche genau genommen riesig war, kam sie ihr im Moment so winzig klein vor, als sie Reiju so nahe war, dass sie ihren warmen Atem spüren konnte. Ihre Kleidung sog sich mehr und mehr mit Wasser voll. Doch die beiden starrten einander nur schweigend an, bis Nami schließlich den Blickkontakt unterbrach.

„Du solltest dich umdrehen, damit ich deinen Rücken einseifen kann.“ War das da wahrhaftig noch ihre Stimme, so dunkel und rau wie sie in ihren eigenen Ohren klang?

„Mhm“, folgte Reijus knappe Zustimmung. Sie fühlte wie das heiße Wasser langsam ihren kalten Körper zu wärmen begann. Namis Hände glitten bedächtig über ihre Schultern, weiter hinab zu ihren Hüften, dann strichen sie über ihren rechten Arm, bevor sie mit großer Vorsicht um ihre Verletzung herum, den anderen Arm mit einem nach Kokos duftenden Duschgeld wusch. Auch die diversen sonstigen Schrammen an ihrem Körper säuberte Nami umsichtig, ohne ihre wehzutun. Und sie genoss jede einzelne, noch so kleine Berührung davon. Wie lange war es her, dass sie jemand auf die Weise berührt hatte?
 

Nami war darum bemüht sich auf ihren eigenen, wilden Herzschlag zu konzentrieren, nicht auf die zarte Haut unter ihren Fingerspitzen, die Nähe von Reijus warmen Körper, der schon lange nicht mehr vor Kälte zitterte. Ihre Hände tasteten sich Stück um Stück vorwärts, verharrten auf Reijus Bauch, glitten dann ein wenig höher und in diesem Moment lehnte sich Reiju mit dem Rücken gegen Namis Oberkörper und es fühlte sich so verdammt perfekt an, als Namis schaumbedeckte Finger über Reijus Brüste strichen.

Und nur ein winzig kleiner Teil ihres Gehirns fragte sich, warum sie sich zuvor keinen der weichen Duschschwämme aus der obersten Schublade geschnappt hatte, um ans Werk zu gehen.

Nur zweckdienliche Berührungen, zu mehr durfte sie sich im Augenblick einfach nicht hinreißen lassen, zumindest redete sie sich das ein und doch schien die Luft zwischen den beiden bedrohlich zu knistern. Die pinken Haarsträhnen glitten wie Seide durch ihre Hände, als sich Nami zwischenzeitlich wieder unverfänglicheren Stellen an Reijus Körper zuwandte.
 

Reiju fühlte Namis Arm, der sich nun sanft um ihre Taille schlang, sie festhielt, sollten ihre Beine ihr erneut den Dienst versagen wollen. Ihre Finger schienen gleichzeitig überall und nirgends zu sein, so schnell wanderten sie über Reijus geschundenen Körper hinweg. Dann waren sie mit einem Mal ganz verschwunden und das Wasser fühlte sich schlagartig kalt … und irgendwie leer an. Und die sich öffnende und wieder schließende Tür des Badezimmers klangt so laut wie Donnerschlag in Reijus Ohren. Wohl ein deutlicher Hinweis dafür, dass sie das Abspülen alleine hinbekommen musste.
 

Nami versuchte gar nicht erst ihren keuchenden Atem, ihr hämmerndes Herz und die Hitze in ihrem Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen riss sie sich die klatschnasse Kleidung von ihrem Körper und warf sie achtlos auf die grauen Steinfliesen, die den Boden ihres Lofts bedeckten. Sie war nur noch einen Sekundenbruchteil davon entfernt gewesen, die Beherrschung zu verlieren, was ihr schon so lange nicht mehr passiert war, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wann es jemals so eine Situation gegeben hatte. Nami sollte ihr Augenmerk dringend auf etwas anderes lenken. So wie sie nun dastand, splitterfasernackt und mit tropfenden Haaren stapfte sie in ihr Schlafzimmer, dass genau genommen nur durch zwei Milchglaswände vom restlichen Loft abgetrennt wurde.

Was hatte sie sich da nur eingebrockt, dass ihre Hormone plötzlich durchdrehten und sie das Gefühl hatte, wieder ein unschuldiger Teenager zu sein, der erstmals entdeckte, wie interessant das eigene Geschlecht doch sein konnte? Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus, riss ein Handtuch aus dem Schrank und wickelte sich darin ein und rubbelte anschließend ihre Haare so stark durch, dass sie vermutlich gleich ein paar davon ausriss.

Frisch angezogen und mit einem Stapel Klamotten in den Händen kehrte sie zum Bad zurück. Dort angekommen hörte sie, dass kein Wasser mehr lief und sie hoffte, betete geradezu inständig dafür, dass, wenn sie jetzt den Raum betrat, Reiju sich fest in das große grüne Badetuch gewickelt hatte, welches sie ihr hingelegt hatte.

Und tatsächlich, ihr Flehen wurde erfüllt, denn Reiju saß zusammengekauert auf dem kleinen Hocker, betastete soeben vorsichtig die Wunde des Streifschusses an ihrem Arm und alles wirkte so, als wäre das eben Geschehene nie passiert.

Als Reiju jedoch den Kopf hob und Namis Blick begegnete, kehrte die Erinnerung an zuvor so heftig zurück, dass Nami vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat. Aber der erste Zauber schien dennoch verflogen zu sein. Wie glücklich oder unglücklich die zwei nun darüber waren, ließen ihre Gesichter aber nicht erkennen.
 

„Ich kümmere mich noch um die Wunde, dann kannst du dich in Ruhe anziehen.“ So neutral wie nur möglich, kramte Nami den Erste Hilfe Kasten aus dem Schränkchen unter dem Waschbecken und begann im Anschluss damit den Verband sorgsam um Reijus verletzten Arm zu wickeln. Das Blut hatte zum Glück schon zu stocken begonnen. Reiju wollte irgendetwas sagen, doch die richtigen Worte wollten ihr partout nicht einfallen. So beobachtete sie Nami bei ihren geschickten und vorsichtigen Bewegungen.

„So, das sollte halten. Ich warte dann draußen auf dich.“

Nami war schon im Begriff sich abzuwenden, als Reiju erstaunlich schnell und kraftvoll nach ihrer Hand griff.

„Ich bin dir wirklich dankbar, für alles was du für mich getan hast. Ohne dich … ich wüsste nicht wo ich jetzt wäre.“

„Schon gut. Das schlechte Gewissen darüber, dass ich dich da draußen hätte auf der Straße liegen lassen, wäre vermutlich ein ganz schöner Dämpfer gewesen für meine Auszeit in den Tropen.“ Und dieses Mal meinte sie völlig ernst, was sie sagte, wie ihr Tonfall erkennen ließ, kein kleines Späßchen oder lockeres Geplänkel wie zuvor.

„Du verlässt also Yokohama?“ Reiju zog ihre Hand wieder zurück und zog die Unterwäsche aus dem Kleidungsstapel, den sie vor sich liegen hatte.

„Noch heute Abend.“ Nami machte sich erst gar nicht die Mühe, das Bad zu verlassen, sondern wandte Reiju einfach nur den Rücken zu, während sie sich ankleidete.

Das Rascheln von Stoff und Reijus schwerer Atem waren das Einzige, dass in den folgenden Minuten den Raum erfüllte.

„Bleibst du lange fort?“

Nami konnte nicht sagen, ob es nur ihrem eigenen Wunsch entsprang, dass Reijus Stimme voller Sehnsucht klang oder ihre Worte tatsächlich davon durchdrungen waren.

„Wer kann heute schon so genau sagen, was morgen sein wird. Vielleicht kehre ich der Stadt sogar für immer den Rücken.“

„Das klingt wirklich sehr … endgültig.“ Reiju betrachtete ihr Spiegelbild und als Nami sich wieder umwandte, auch das ihre. Sie starrten einander im Spiegel an. Suchten nach etwas, warteten, worauf auch immer.
 

„Darf ich?“, kehrte Nami als Erste zurück in die Realität, nachdem sie sich den Föhn gegriffen hatte und Reiju nun voll bekleidet vor ihr saß.

„Gerne.“

Und dann erfüllte das monotone Summen des Föhns das Badezimmer, verschlang weitere Minuten ihrer gemeinsamen Zeit. Reiju genoss die warme Luft, die sie umnebelte ebenso wie Namis Finger die sanft durch ihr Haar strichen, dabei ab und an durch eine Bürste ersetzt wurden. Sie würde also schon bald hier ganz alleine zurückbleiben. Der Gedanke machte ihr auf erschreckende Weise Angst, ein Gefühl, dass Reiju bisher nie in einer solchen Intensität verspürt hatte.
 

Nami wusste, dass es ein Wagnis war, doch was hatte sie schon zu verlieren, wenn sie diese einfache Frage stellen würde? Mehr als ein Nein konnte dabei nicht als Antwort herauskommen. Sie schaltete eben den Föhn ab und wollte das Gespräch wieder aufnehmen, als Reiju ihr bereits zuvorkam.

„Dann genieße deine Zeit in den Tropen, wie lange sie auch immer dauern mag.“

Reijus Worte klangen nach Abschied, nach einer beschlossenen Sache und Nami biss sich unwillkürlich auf die Lippen, widerstand dem Drang, das, was sie eben noch sagen wollte, doch noch laut auszusprechen. Denn im Moment, so fühlte sie, würde es dieses Nein werden, dass sie aus unerfindlichen Gründen einfach nicht aus Reijus Mund hören wollte. Stattdessen sagte sie schlussendlich: „Danke. Du kannst es dir derweil schon im Bett bequem machen, ich habe alles vorbereitet.“
 

Was hatte Reiju auch erwartet von Nami zu hören? Einen Plan über eine gemeinsame Zukunft, wo sie einander doch nur wenige Stunden kannten? Aber war das noch wichtig, wenn man einfach fühlte, dass es richtig war, dass zwischen einem eine besondere Verbindung bestand? Es war gewiss nicht diese große, wahre Liebe auf den ersten Blick, aber da war etwas anderes, etwas Tiefgehendes, das sie nicht vermochte in Worte zu fassen.

Doch Nami, so hatte es derzeit den Eindruck, schien dies nicht so zu sehen. Wie dumm sie doch eigentlich war, als erwachsene Frau, solchen Hirngespinsten und Träumereien hinterherzujagen, anstatt sich um ihr eigenes Leben oder besser gesagt Überleben zu sorgen.

Schweigend, ganz in ihren Gedanken versunken ging sie zum Schlafzimmer und ließ sich auf der linken Seite des übergroßen Bettes nieder. Ein Stapel Kissen und Decken wartete dort bereits auf sie. Und als das Summen des Föhns erneut aus dem Bad zu hören war, schloss sie für einen Moment die Augen.

Als Nami nur Minuten später hinzukam, schlief Reiju bereits tief und fest. Sie schob ihr zumindest ein Kissen vorsichtig unter den Kopf und deckte sie anschließend mit zwei Decken zu. Danach blieb ihr nichts weiter zu tun, als der Versuch nun endlich auch selbst ein paar Stunden Schlaf zu finden.
 

Einzelne Strahlen hellen Sonnenlichts stachen Reiju in die Augen, als sie diese vorsichtig blinzelnd öffnete. Die Bettseite neben ihr war wieder unberührt und sie strich gedankenverloren über das kalte, dunkle Laken. Bei der Bewegung verspürte sie ein leichtes Ziepen in ihrem verletzten Arm, das aber weiter nicht schlimm war und ihr wurde bewusst, dass sie wohl doch so richtig eingeschlafen war und nicht einmal bemerkt hatte, wie Nami ins Bett kam. Doch tief in ihr wusste sie, dass Nami da gewesen war. Sie hatte ihre Wärme, ihre Nähe und so etwas wie Geborgenheit gespürt. Ein schönes Gefühl.

Da hörte sie das Klappern von Geschirr und anschließend schob Nami auch schon so leise wie möglich die Tür auf und als sie sah, dass Reiju wach war, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck sofort. Freundlich blickte sie ihr entgegen.
 

„Kaffee gefällig? Auch wenn es schon nach Mittag ist, denke ich, du könntest jetzt etwas Heißes brauchen, das deine Lebensgeister weckt.“ Auffordernd reichte Nami ihr eine Tasse des schwarzen Gebräus. Sie selbst war nach nur fünf Stunden wieder hellwach gewesen, was sogar gut war, da sie einiges zu erledigen hatte. Sowohl ihr Informant als auch Lysop, ihr großer Bastler für jedes nur so ausgefallene Equipment, musste noch bezahlt werden, um alles Weitere konnte sie sich auch von ihrem neuen Zuhause aus kümmern.
 

„Selten, dass ich so lange schlafe, aber nach gestern Nacht wohl auch kein Wunder.“ Dankend nahm Reiju den Kaffee entgegen und trank sogleich drei große Schlucke.

„Mhm, genau richtig. Schwarz mit viel Zucker.“ Sie trank die halbe Tasse leer.

„In der Küche wartet auch noch Essen auf dich.“

Das ließ sich Reiju nicht zweimal sagen uns erhob sich aus dem Bett. Wie aufs Stichwort gab ihr Magen ein hörbares Knurren von sich und die beiden Frauen mussten darüber einfach lächeln.

Da war er wieder, einer dieser sorglosen Augenblicke zwischen ihnen beiden und Nami warf all ihre Entscheidungen, die sie gestern noch, während sie darauf wartete, endlich Schlaf zu finden, getroffen hatte, einfach so über Bord.

„Komm mit mir. Der Strand ist mehr als groß genug für uns beide, dessen bin ich mir sicher. Und vielleicht findet sich auch noch eine kleine, nette Hütte, in der wir … zusammen leben könnten, ganz ungezwungen. Einfach zwei Menschen, deren Lebenswege sich gekreuzt haben und die es nun gilt eine Zeit lang Seite an Seite weiter zu beschreiten. Was hält dich denn noch hier?“

Reijus Lachen stoppte abrupt und die Ernsthaftigkeit des Lebens sprach wieder aus ihrer Miene.

Nami befürchte, dass nun doch dieses alles umfassende, endgültige Nein über sie hereinbrechen würde und zog sich deshalb instinktiv zurück.
 

Doch Reiju stellte die Kaffeetasse eiligst auf den Nachttisch und umfasste Namis Hände mit den ihren, als sie bemerkte wie sich die andere vor ihr zurückziehen wollte.

„Ja … und auch wenn es noch so verrückt ist, noch einmal ja.“ Und dann erblühte ein so glückliches Lächeln auf Reijus Lippen, dass Nami gar nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln. Voller Euphorie schlang sie die Arme um Reiju und so hielten sie einander einfach nur fest. Es war egal ob es nur Sekunden, Minuten oder eine ganze Ewigkeit war – es war richtig.

„Aber denkst du dein Weg das Land zu verlassen wäre auch für mich sicher und vor allem brauchen wir dafür Geld, viel Geld. Dass, was du meinem Vater gestohlen hast, wird dafür wohl kaum ausreichen.“ Reiju wusste, dass sie diese kleine Seifenblase des Glücks zwischen ihnen beiden damit zum Platzen brachte, aber sie konnte unmöglich die Augen vor der Realität verschließen. Und schon allein ihren Vater nur zu erwähnen, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust.
 

Dieses Mal war es ein freches Grinsen, dass sich auf Namis Züge schlich, ehe sie antwortete.

„Das Geld aus dem Tresor deines Vaters ist zwar nicht so wenig wie du vielleicht denkst, aber deswegen hätte ich dieses Risiko nicht auf mich genommen. Dein Vater scheint wohl mehr Geheimnisse gehabt zu haben, als du ahnst, denn dank meines kleinen Einbruchs, sind jetzt ganze zehn Beutel mit Diamanten in meinem Besitz. Die reichen für mehr als nur ein schönes Leben.

Und glaube mir, wenn ich dir sage, auf dem Schiff mit dem ich heute Abend Yokohama verlasse, bist du in Sicherheit. Die beiden Brüder, denen es gehört sind im Transportgeschäft tätig, zumindest offiziell, nur das alles, was sie so transportieren selten legal erworben wird. Und nachdem uns eine, nennen wir es gemeinsame Vergangenheit verbindet, ist das Vertrauen zwischen uns unumstößlich. Du kannst also ganz beruhigt sein.“

„Das heißt, auf uns beide wartet tatsächlich ein neues, freies Leben.“ Reiju kostete jedes einzelne Wort sorgfältig aus, als sie es aussprach und sich dabei Nami weiter näherte, bis sich am Ende ihre Nasenspitzen berührten.

„Sofern du das wirklich willst; ja.“ Namis warmer Atem strich über Reijus Gesicht, bevor sie dieses letzte kleine Stück überwand und ihre Lippen hauchzart über Reijus Mund strichen.

Es war ein sanftes, kleines Vortasten, das zu einem langen zärtlichen Kuss verschmolz und in einer alles umfassenden, festen Umarmung sein Ende fand.

Ein Moment jenseits von Zeit und Raum, ohne schmerzliche Verluste, belastende Vergangenheit und Zukunftsängste darüber, was es bedeuten würde, einander erst einmal richtig kennenzulernen. Ein Leben Seite an Seite zu führen, auch wenn es vielleicht nur ein paar Monate lang dauern würde.

Doch jetzt kamen einmal nur Sonne, Strand und ein Meer aus funkelnden Diamanten auf sie zu.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Votani
2021-11-07T20:31:07+00:00 07.11.2021 21:31
Endlich auch das letzte Kapitel gelesen und es ist toll. :D Die ganze Szene in der Dusche war sehr erotisch und passt einfach zu dem Ship. Ich mag es sehr, wenn man Reiju in FFs so umsorgt sieht. ;o; Auch das Ende hat super gepasst und es war spannend, wie du es praktisch schon am Ende festgelegt hast, dass Nami nach dem Diebstahl eh die Stadt verlassen wird. Da hat es natuerlich einfach gepasst, dass Reiju sie begleitet, um der Charlotte-Familie zu entgehen und stattdessen irgendwo ein neues Leben anzufangen. :D (Armer Sanji, dass er so zurueckgelassen wird, aber Reiju haette wirklich nichts fuer ihn machen koennen...)

Die Geschichte war sehr toll. Ich hoffe, du schreibst noch sehr viel mehr zu OP und zu Crackships. *-*
Antwort von: Kassiopeia
08.11.2021 08:15
*___*
Schön, dass ich dich bis zum Ende begeistern konnte.^^

Naja, OP wird immer in meinem Herzen sein, da kann es leicht passieren, dass mir noch die eine oder andere Geschichte dazu einfällt. xD


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