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The Christmas Tree

Adventskalender - Türchen 2
von

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Erbärmlich. Dieses eine, kleine Wort brachte es wohl am besten auf den Punkt. Beschrieb damit alles um ihn herum. Natürlich war ihm bewusst, dass die Familie hier in ärmlichen Verhältnissen lebte. Doch bisher hatte er sich nicht einmal annähernd vorstellen können, wie ärmlich diese Verhältnisse tatsächlich waren. Das mickrige Feuer im Kamin schaffte es kaum, seine kalten Finger zu erwärmen, von anderen Körperteilen ganz zu schweigen. Seine Miene verzog sich zu einer Grimasse, als er seinen Gaumen ein weiteres Mal mit einem Schluck dieses billigen Landweins quälte, weshalb er das noch halb volle Glas anschließend einfach beiseitestellte.

Er machte ein paar Schritte hinüber zum Fenster und der Anblick, der sich auf der anderen Seite des beschlagenen Glases bot, machte seine Stimmung noch verdrießlicher, als sie ohnehin schon war. Schneefall, so dicht, dass es ihm nicht einmal möglich war, auch nur einen Baum des angrenzenden Waldes zu erkennen.

Stunden waren es bereits, seitdem das Wetter ihn dazu gezwungen hatte in diesem mehr als bescheidenen Häuschen Einzug zu halten.
 

Nur mit Muße und der Aussicht auf all die Vergnügungen, die ihn in der Stadt erwarteten, hatte er sich heute früh morgens aus dem Bett bemüht und wozu das Ganze am Ende? Für rein gar nichts. Er sah es beinahe schon bildlich vor sich. In allen Facetten, die sein gewohnter, ausschweifender Lebensstil zu bieten hatte. Wein, Weib und Gesang, das waren die wunderbaren Dinge dieser Welt, nach denen er Tag ein, Tag aus, strebte. Es war, als könnte er die milde Schärfe eines guten alten Sherrys auf seiner Zunge schmecken und er würde sich davon mehr als nur ein Gläschen gönnen. Frauen, wahre Schönheiten, die ihm willig zu Diensten waren und mit allen Spielarten der Liebe ihm Stunde um Stunde versüßten und im Anschluss dann sanfte Violinenklänge, die seinen Körper die wohlverdiente Ruhe brachten. Ein sehnsuchtsvolles Seufzen kam über seine Lippen und allen Widrigkeiten zum Trotz, nippte er ein weiteres Mal an dem scheußlichen Gesöff, das man ihm als Wein bezeichnend, dargeboten hatte. Ein Teil von ihm hoffte insgeheim, dass selbst dieses alkoholische Gebräu ihn irgendwann der Realität entfliehen lassen würde.

Das war er also, der 24. Dezember des Jahres 1895 und er, Kenneth Richard Eskil Granton, Lord of Stanfield, saß hier in einem kleinen Haus, mitten im Nirgendwo fest.

All seine Freunde waren hingegen damit beschäftigt den Weihnachtstag in vollen Zügen zu genießen, lachend durch all die Lasterhöhlen Londons zu ziehen, während er in die immer kleiner werdenden Flammen des Kaminfeuers starrte.

Seit Jahren schon, genauer gesagt seit dem Tod seines Vaters vor sieben Jahren, hatte er Weihnachten niemals woanders verbracht, als an der Seite all der wohlhabenden Dandys der Stadt und in den Armen von unzähligen Frauen. Doch dieser vermaledeite Schneesturm hatte ihm kurzerhand einen Strich durch die Rechnung gemacht, gnadenlos hatte er all seine Pläne einfach fortgeweht und ihn hier mit vier Fremden eingesperrt.
 

»Darf ich Ihnen noch etwas Wein bringen, Mylord?« Die freundliche und zugleich von tiefer Demut erfüllte Stimme riss ihn aus seinen wehmütigen Gedanken und brachte ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Da erst wurde ihm bewusst, dass er doch tatsächlich den ganzen Wein getrunken hatte, aber von dessen berauschender Wirkung verspürte er nach wie vor nichts.

»Nicht im Moment«, winkte er allerdings ab und überreichte der jungen Frau, ohne sie weiter zu beachten, dass leere Glas.

»Wie Sie wünschen, Mylord.« Aus dem Augenwinkel heraus sah er, dass sie ihren Kopf neigte und dann anschließend den Raum verließ. Vermutlich war sie nur wenige Jahre jünger als er selbst und wenn er es bei seiner Ankunft richtig verstanden hatte, lebte sie hier zusammen mit ihren drei kleinen Geschwistern, die er aber bisher kaum zu Gesicht bekommen hatte. Was ihm allerdings nur recht war, konnte er doch mit Kindern rein gar nichts anfangen. Sie waren im Grunde nur laut und zu nichts nutze, zumindest erschien es immer so, wenn seine zahlreichen Cousins und Cousinen mit ihrer Schar an Kindern zu Besuch waren. Ein weiterer, sehr entscheidender Punkt sogar, warum er es vermied Weihnachten zuhause auf dem Landsitz seiner Familie zu verbringen.

Wie jedes Jahr fiel seine Familie, einem Schwarm Heuschrecken gleich in Stanfield House ein, kaum dass sich das große Fest des Jahres näherte und im Endeffekt schien es ihnen sogar gleich zu sein, ob der Herr der Hauses nun zu gegen war, oder wie in seinem Fall, eben nicht. Zumindest hatte Kenneth diesen Eindruck bisher gewonnen. Er verspürte bei diesem alljährlichen Überfall stets den großen Drang zu fliehen und diesen ganzen Zirkus hinter sich zu lassen.
 

Sein Blick wanderte zum wiederholten Male durch den Raum und fast hatte es für ihn den Anschein, als würden die Wände mit jedem Mal ein Stück näher an ihn heranrücken. Das Zimmer war nicht einmal so groß wie die Eingangshalle seines Landsitzes und doch war es schon der geräumigste Wohnraum dieses Hauses. Er mochte sich nicht einmal vorstellen, wie es sein müsste, hier Tag um Tag sein Leben fristen zu müssen. Kopfschüttelnd wandte er den Blick zu Boden und begann damit, ein paar Schritte auf und ab zu gehen. Diese Langeweile brachte ihn noch um den Verstand. Zuerst wollte er gar nicht darauf reagieren, als das leise Quietschen der Tür erklang, doch da sich ihm anscheinend Schritte näherten, wandte er sich mit stoischer Miene und mit hinter dem Rücken verschränkten Händen, schließlich um. Aber anstatt wie erwartet der Hausherrin zu begegnen, musste er erst einmal seinen Blick tiefer wandern lassen, um sein Gegenüber betrachten zu können. Ein Mädchen, das vielleicht fünf Sommer zählte, blieb in einigem Abstand zu ihm stehen und wagte es kaum, ihn aus ihren leuchtend blauen Augen zu mustern. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht glich dem eines verschreckten Rehs, das sich plötzlich dem Jäger gegenübersah, ohne jegliche Möglichkeit einer Flucht.

»Ich …«, piepste die Kleine dann und schien ehrlich überrascht zu sein, in ihrem Zuhause so aus heiterem Himmel mit einem fremden Mann konfrontiert zu sein.

Doch noch bevor Kenneth überhaupt darüber nachdenken konnte, was er sagen sollte, ohne das Mädchen noch mehr zu verschrecken, eilte bereits die ihm bekannte Dame des Hauses mit eilenden Schritten herbei.

»Verzeihung, Mylord. Ich hoffe, sie hat Sie nicht mit ihrem manchmal etwas zu vorlautem Geplapper belästigt.« Mit einer tiefen Verbeugung entschuldigte sich die Älteste der vier Geschwister bei ihm und schob zu gleich ihre kleine Schwester sanft, aber mit Nachdruck zur Tür hinaus.

»Nichts dergleichen ist passiert«, gab er zur Antwort und schalt sich zugleich selbst dafür, dass ein Teil von ihm sogar neugierig darauf gewesen wäre, was das kleine Fräulein so von sich gegeben hätte, wäre ihr diese Möglichkeit zu Teil geworden.
 

~
 

Es war vollkommen lächerlich und doch konnte Susan das Zittern ihrer Hände nicht unterdrücken, als sie die Tür hinter sich zuzog. Dies hier war schließlich ihr Zuhause, aber trotzdem fühlte sie sich heute so, als wäre sie nur der Gast. Der Lord of Stanfield hatte eine ziemlich einschüchternde Wirkung auf sie, wie er da so stand, in dem kleinen, bescheidenen Wohnraum. Seine Präsenz hatte etwas Allumfassendes und sie fürchtete sich fast davor, ihm erneut gegenüber treten zu müssen. Es könnten bereits Tage sein und nicht erst einige Stunden, seitdem der hohe Herr in ihrem Haus verweilte, denn für sie fühlte es sich wie eine nicht enden wollende Ewigkeit an. Als sie heute Morgen die Tür öffnete, hielt sie es für ein bloßes Trugbild, dem Lord gegenüber zu stehen, der Einlass verlangte, doch mittlerweile war ihr natürlich klar, dass diese Begegnung keine Ausgeburt ihrer Fantasie war.

Augenblicklich hatte sie das schlechte Gewissen geplagt, war sie mit der Pacht für ihr kleines Häuschen gut zwei Monate im Rückstand und im ersten Moment hatte sie tatsächlich geglaubt, der hohe Herr wäre gekommen, um das fällige Geld einzutreiben. Aber kaum, dass ihre wirren Gedanken sich wieder geklärt hatten, wurde ihr natürlich bewusst, dass der Lord of Stanfield niemals höchstpersönlich erscheinen würde, um Schulden einzutreiben. Vermutlich wusste er noch nicht einmal, welche seiner Pächter nicht pünktlich bezahlt hatten. Daher hatte sie alles in ihrer Macht stehende getan – und das war bekanntlich leider nicht sehr viel – um es ihm in ihrem bescheidenen Heim bequem zu machen. Zumindest ihre Kochkünste waren mehr als nur annehmbar, zumindest wenn man den Worten ihrer Geschwister traute. Aber auch der eine oder andere Nachbar hatte sich bis dato schon löblich über ihr Essen geäußert und die hatten weiß Gott keinen Grund dazu, ihr einfach so zu schmeicheln.

Was das Futter für den edlen Vollbluthengst des Lords betraf, so musste sich dieser wohl oder übel, die letzte, noch verbliebene Ladung Heu mit der hauseigenen Milchkuh teilen, wo er sich ansonsten gewiss nur vom Feinsten ernährte. Sie bemühte sich, ihre Gedanken zurück auf das Wesentliche zu lenken, denn mehr konnte sie ohnehin nicht tun, außer vielleicht noch dafür beten, dass das schlechte Wetter endlich ein Ende nehmen würde.

»Und du bleibst ab sofort bitte bei Archie und Ted oben in euren Zimmern.« Sie verpasste ihrer jüngsten Schwester einen zarten Klaps auf den Hintern, woraufhin diese mit einem Kichern zur Treppe hopste.

»Der Mann sieht echt seltsam aus«, zwitscherte sie dann noch fröhlich vor sich hin und Susan konnte darüber nur seufzend den Kopf schütteln. Es sollte sie nicht überraschen, dass jemand, der elegante, schwarze Kniehosen, ein blütenweißes Hemd und eine weinrote Weste aus feinstem Brokat trug, von dem schweren, hochwertigen Ledermantel mit passendem Dreispitz, die in der Garderobe zum Trocknen hingen ganz zu schweigen, Sophie seltsam erscheinen mochte, denn sie war es schließlich nur gewohnt mit Landarbeitern oder einfachen Bauern Kontakt zu haben.

Ein Glück nur, dass sie ihre Meinung nicht gleich dem Lord höchstselbst mitgeteilt hatte, denn dies wäre äußerst blamabel gewesen. Auch wenn es nur die belanglosen Worte eines Kindes waren, so mochte Susan sich nicht ausmalen, wie der Lord womöglich darauf reagiert hätte. Er machte auf sie nämlich keineswegs den Eindruck, ein recht heiterer Geselle zu sein, der stets zu Scherzen aufgelegt war.

Ein Blick nach draußen raubte ihr sogleich jegliches, noch so kleine Fünkchen Hoffnung, der hohe Herr würde heute noch weiter reiten können, denn der Schneefall wütete nach wie vor erbarmungslos und ein Ende war nicht in Sicht. Ein resigniertes Murmeln kam über ihre Lippen, ehe sie sich ihren wollenen Umhang enger um die Schultern zog und sich auf den Weg in die Küche machte. Das war es also, das erste Weihnachten, ohne ihre Eltern und sie musste ihre Geschwister dazu verbannen in ihren Zimmern auszuharren, nur damit der Lord of Stanfield sich nicht gestört fühlte. Hatte sie in den letzten Monaten nicht alles dafür getan, um ihrer kleinen Familie ein einigermaßen erträgliches Leben zu bieten? Und doch hatte es den Anschein, als wäre es trotzdem nie genug, was sie tat. Sie blinzelte mehrmals, um das Brennen in ihren Augen zu unterdrücken, und schob dann einen der Stühle so energisch zu sich heran, dass ein lautes Quietschen die Folge davon war, das sie geflissentlich ignorierte. Aus einem großen Karton zog sie vorsichtig zwei unfertige Kleider heraus und setzte sich dann damit an den Tisch. Sie hatte noch drei Tage bis zum Ball der Kingstons, dann mussten die beiden Kleidungsstücke fertig sein. Ein Gähnen unterdrückend schob sie die einzige Kerze, die ihr Licht spendete näher heran und nahm ihre Arbeit mit Nadel und Faden wieder auf.
 

~
 

Obwohl er längst wieder allein im Raum war, starrte er noch immer auf die etwas schäbig wirkende Holztür hinter der die beiden, vor etlichen Minuten vermutlich schon, verschwunden waren. Schließlich löste er sich aus diesem sinnlosen Starren ins Nichts und begann erneut damit, auf und ab zu gehen. Er fragte sich unwillkürlich ob die vier wirklich so ganz allein, ohne einen Mann im Haus lebten, oder besagter Hausherr nur derzeit nicht zu gegen war. Doch wer ließ seine Familie schon ausgerechnet an Weihnachten alleine? Eine boshafte Stimme in seinem Inneren erinnerte ihn daran, dass er genau das tat, weshalb er seine Gedanken eiligst auf etwas anderes konzentrierte. Bereits im Laufe des Vormittags hatte er sich die wenigen Bücher auf dem oberen Regal zu seiner Linken angesehen und darunter gerade einmal zwei Werke gefunden, die sein Interesse zumindest ein wenig wecken konnten. Der Rest war eine Ansammlung an Liebesromanen und schwülstigen Gedichten, die einst seine Mutter zweifellos zu schätzen gewusst hätte. Sie war eine Frau gewesen, die stets einen Hang zur Romantik verspürte, womit sie seinen Vater und auch ihn selbst, oftmals fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Die beiden Abhandlungen über die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts hatten ihn aber am Ende ebenfalls nach nur wenigen Kapitel gelangweilt, da er das meiste ohnedies bereits wusste, da sein Privatlehrer damals besonderen Wert auf alle wichtigen, geschichtlichen Ereignisse gelegt hatte. Mathematisches und physikalisches Wissen hingegen, waren für ihn nur Begleiterscheinungen gewesen, die nicht näher thematisiert werden mussten. Somit setzte Kenneth seinen Rundgang fort und der ohnehin schon reichlich in Mitleidenschaft gezogene Teppich, wurde durch sein stetes Auf- und Abschreiten keinesfalls besser.
 

Wie bereits auch schon einige Male zuvor verweilte sein Augenmerk deutlich länger auf zwei großen Kisten, die rechts neben dem Kamin standen und seine Neugier ein aufs andere Mal neu entfachten, sobald er sie wieder ansah. Was konnte sich schon so dermaßen Verwerfliches darin befinden, dass es ihn nicht gestattet sein sollte, einen Blick hinein zu werfen? Kurzerhand trat er näher und schob den Deckel der Kartonagen beiseite. Den einzigen Kerzenleuchter, der sich in diesem Raum befand und zweifelsohne seine besten Zeiten schon hinter sich hatte, stellte er neben sich auf den Boden, um besser sehen zu können, was sich ihm nun offenbarte. Kleine Päckchen stapelten sich darin übereinander und als er das oberste öffnete, offenbarten sich ihm eine Vielzahl an Strohsternen, jeder einzelne davon mit einem roten Bändchen versehen.

Und da erst wurde ihm so richtig bewusst, was es war, das ihm die ganze Zeit über gefehlt hatte. Es gab hier keinen Weihnachtsbaum. Denn wo, wenn nicht hier in diesem Wohnraum nebst Kamin, an dem unübersehbar vier selbst gestrickte Socken hingen, sollte der Baum sonst seinen bevorzugten Standort haben? Und was war Weihnachten ohne einen wunderschön geschmückten Tannenbaum, unter dem die Geschenke lagen und um den sich herum am kommenden Morgen die ganze Familie versammelte und beglückwünschte?

Das waren seine schönsten Kindheitserinnerungen, auch wenn sie nach dem frühen Tod seiner Mutter ein jähes Ende nahmen. Das herzliche Lachen seiner Mutter, der liebevolle Blick in den Augen seines Vaters und er mittendrin, wie er mit vollem Eifer die unzähligen Geschenke öffnete. Doch hier drinnen war nichts von der ihm so bekannten und geliebten Weihnachtsstimmung zu sehen. In Gedanken versunken, durchstöberte er noch das eine oder andere kleine Schächtelchen und stieß dabei sogar auf einen prunkvollen, goldenen Stern, der unverkennbar die Spitze des Weihnachtsbaumes hätte krönen sollen.

Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf seine Züge, als er noch einmal gedanklich in die Vergangenheit zurückkehrte und all die schönen Momente mit seinen Eltern zusammen nochmals vor sich sah.

Heute war er ein Mann, ohne feste Bindungen, der sein Leben in vollen Zügen genoss, was so viel bedeutete, dass er über die Weihnachtsfeiertage durch die Spielsalons, Klubs und Bordelle Londons zog, alles was ihm Amüsement bot und ihn aus seinem sonst eher langweiligen, routinierten Leben riss. Das genaue Gegenteil von jenen Weihnachtsfesten, die er als Kind so geliebt hatte, doch irgendwie war mit dem Tod seines Vaters auch dieses familiäre Gefühl des Beisammenseins endgültig gestorben und er sehnte sich seitdem einfach nach etwas anderem. Ein letzter Blick, dann schloss er die Kisten wieder und zugleich auch das Fenster zu seinen Erinnerungen an alte Zeiten.
 

Und wieder erfasste ihn das altbekannte Gefühl der Langeweile, die ihn unruhig durch das Zimmer trieb. Kenneth war es leid, in diesem für ihn stets beengter werdenden Raum wie ein Tier im Käfig Auf- und abzulaufen, deshalb entschied er sich einfach dazu, einen weiteren Teil des Hauses zu erkunden. Der Flur lag, als er hinaus trat, im Dunkeln und so setzte er seine Schritte mit Bedacht und wandte sich schließlich nach rechts, denn zu seiner Linken konnte er nicht weit entfernt die Umrisse der Eingangstür erkennen und dorthin wollte er im Moment ganz gewiss nicht.

Je weiter er ging, desto deutlicher vernahm er leise Töne, so als würde jemand eine Melodie vor sich Hinsummen. Die Tür zur Küche war nur angelehnt, weshalb ein blasser Lichtschimmer bis auf die alten Holzdielen des Flurs fiel und so richtete er seine Schritte ganz wie von selbst dorthin.

Er kannte die Melodie, welche die Dame des Hauses vor sich hin summte. Es war ein altes Kinderlied, das seine Mutter ihm oft vorgesungen hatte. Lauschend verharrte er in der offenen Tür. Sie hatte seine Gegenwart offensichtlich noch nicht bemerkt, da sie tief versunken in ihrer Arbeit war; das Nähen von Kleidern wie er bemerkte. Die Kerze, welche neben ihr stand war schon so weit herunter gebrannt, dass sie kaum noch Licht spendete. Es verwunderte ihn, dass die junge Frau überhaupt noch in der Lage war, zu erkennen, wo genau sie die Nadel ansetzen musste.
 

»Mit einem halben Dutzend Kerzen müssten Sie sich nicht so abmühen.«

Seine Stimme ließ Susan erschrocken zusammen zucken und zu allem Überfluss stach sie sich auch noch mit der Nadel in den Finger. Einen Fluch unterdrückend legte sie ihr Nähzeug beiseite und stand auf.

»Verzeihung. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu erschrecken.« Er trat näher und betrachtete den kleinen, roten Blutstropfen auf ihrer Fingerspitze.

»Nicht der Rede wert, Mylord. Derartige Missgeschicke sind mir schon des Öfteren passiert, auch ohne Ihr Zutun.« Sie schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln, als sie kurz zu ihm aufblickte. Da es wirklich nur ein winziger Piks gewesen war, reichte es völlig aus, die winzige Wunde mit einem sauberen Tuch abzuwischen, was sie auch sogleich tat. Froh darüber, sich mit etwas beschäftigen zu können, versuchte sie ihren hämmernden Herzschlag wieder zu beruhigen, denn das plötzliche Auftauchen des Lords hatte sie ziemlich aus der Fassung gebracht. Sie war es einfach nicht gewohnt, sich allein mit einem fremden Mann in einem Raum aufzuhalten, und schon gar nicht mit einem so vornehmen. Dazu wirkte der hohe Herr wirklich vollkommen deplatziert in ihrer kleinen Küche und er selbst schien auch nicht zu wissen, was genau er nun tun sollte, seiner leicht irritierten Miene nach zu urteilen.
 

»Sie sind also Schneiderin?«, versuchte sich Kenneth schließlich an einer Konversation und strich bedächtig über den edlen, blassblauen Satinstoff, der am unteren Rocksaum von einer zarten, weißen Spitze umschlossen wurde.

»Nur ein paar einfache Arbeiten, nichts, dass dem Können der Schneiderinnen Londons auch nur nahekommt, Mylord. Einige ältere Damen in der näheren Umgebung sind froh darüber, wenn sie wegen eines neuen Abendkleides nicht bis in die nächste Stadt reisen müssen. Und doch reicht es kaum, um für meine Familie zu sorgen.« Erst nachdem die Worte ihren Mund verlassen hatten, wurde ihr bewusst, dass dies den Lord wohl kaum interessieren würde und sie biss sich, peinlich berührt, auf die Unterlippe.

Er sah sich keinesfalls als Experte in Sachen Damenmode, doch selbst seinem ungeschulten Auge war klar, dass die beiden Kleider vor ihm exzellent gearbeitet waren. Schließlich hatte er in den vergangenen Jahren mehr als nur einem Kleiderkauf beigewohnt, wann immer seine Tanten darauf bestanden hatten. Ihnen ging es im Grunde nur darum, dass er bei einem dieser Besuche womöglich eine elegante, alleinstehende junge Dame kennenlernen könnte und sie dann im Geiste bereits das Aufgebot bestellten. Doch am Ende war es glücklicherweise immer nur bei ein paar netten Worten und einer Einladung zum Tee geblieben, die er schlussendlich niemals wahrgenommen hatte.

»Sieht für mich recht ordentlich aus«, antwortete Kenneth ihr schließlich und wandte sich von den Kleidern ab, da sie sich anscheinend unwohl zu fühlen schien, mit ihm ihre Tätigkeit näher zu erörtern.
 

»Wünschen Sie noch etwas zu speisen? Oder vielleicht einen Brandy, bevor Sie zu Bett gehen?« Sie blickte ihm abwartend entgegen. Es erleichterte ihn, zu wissen, dass sie ebenfalls schon zu der Erkenntnis gekommen war, dass er auch über Nacht bleiben müsste, da sich das Wetter um keinen Deut gebessert hatte. Natürlich war es nicht schicklich, zusammen mit einer jungen, vermutlich unverheirateten Frau, ihm war aufgefallen, dass sie keinen Ring trug, hier allein zu übernachten. Doch er war sich gewiss, dass weder sie, noch er selbst dieses Wissen mit jemand anderem teilen würden.

»Einen Brandy wüsste ich sehr zu schätzen.«

Und wie nicht anders von ihm erwartet, bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. So schritten sie, in einvernehmlichem Schweigen über den Flur, die Kerze in ihrer Hand stand mittlerweile wirklich kurz davor endgültig zu erlöschen.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Mylord.« Auffordernd deutete sie auf den wuchtigen, wenn auch schon ziemlich in die Jahre gekommenen, Ledersessel, direkt gegenüber des Kamins.

Susan konnte den Blick des Lords in ihrem Rücken förmlich spüren, als sie den Brandy aus der Karaffe in ein Glas goss. Sie hoffte nur, er bemerkte das Zittern ihrer Hand nicht, als sie ihm den Drink überreichte, den er mit einem knappen Nicken entgegennahm. Ihr Blick streifte dabei den seinen, weshalb sie sich schnell abwandte, da sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Was war nur mit ihr los, warum benahm sie sich bloß wie ein kleines, dummes Kind dem Lord gegenüber? Um Fassung bemüht konzentrierte sie sich auf etwas anderes und da blieben ihre Augen auf den Weihnachtssocken am Kamin hängen. Da der hohe Herr sichtlich mit seinem Brandy und seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, machte sie ein paar Schritte zum anderen Ende des Raumes, wo die alte Kommode ihrer Großmutter stand, und zog die mittlere Schublade auf. Dort im Inneren bot sich ihr ein erbärmlicher Anblick. Gerade einmal drei Christmas Cracker lagen in der Schublade, je ein Stück für ihre Geschwister. Für sie selbst lag daneben bloß ein Paar Handschuhe, die sie bereits vor Wochen genäht hatte. Der Gerber im nahe gelegenen Dorf hatte ihr im Gegenzug dafür, dass sie für seine Frau zwei wirklich hübsche Kleider angefertigt hatte, ein gutes Stück weiches Leder überlassen, worüber sie ihm ausgesprochen dankbar war. Denn seit letzten Winter schon, war das letzte Paar Handschuhe, dass sie besessen hatte völlig durchlöchert. Doch ab sofort konnte sie wieder all die Einkäufe nach Hause tragen, ohne, dass ihre Finger vor Kälte taub wurden.

Der Schmerz der Enttäuschung darüber, dass sie ihrer Familie nicht mehr bieten konnte, legte sich wie eisige Klauen um ihr Herz, als sie nach den Christmas Crackern griff und diese dann fein säuberlich in die jeweiligen Socken steckte. Ein großes Stück Schokolade verbarg sich in jedem Cracker, wusste sie doch, wie sehr ihre Geschwister Süßes liebten.
 

»Sie führen wohl heute Abend die Arbeit von Father Christmas aus, wie ich sehe. Doch es wundert mich ehrlich gesagt sehr, dass es nicht einmal einen Weihnachtsbaum in diesem Haus gibt.« Er hatte sie bisher schweigend dabei beobachtet, wie sie die bescheidenen Geschenke verteilte und auch wenn es ihn vermutlich nicht kümmern sollte, so interessierte es ihn doch, wieso es keinen Baum gab.

Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihre Züge und dann wanderte ihr Blick wie von selbst zu den Kisten.

»Es bricht mir das Herz, meine Geschwister enttäuschen zu müssen, aber der Müllerbursche, der mir versprochen hatte, einen Baum für uns zu besorgen liegt seit fünf Tagen krank im Bett, deshalb bleibt dieser Platz hier zum ersten Mal leer.«

Gedankenverloren trat sie an die Stelle, wo ansonsten immer ein Weihnachtsbaum gestanden hatte, seitdem sie ein kleines Kind war. Und wieder hatte sie ihm, ganz ungewollt ihr Herz ausgeschüttet.

»Wirklich schade.« Mehr wusste Kenneth beim besten Willen nicht, was er noch dazu sagen konnte. Daher trank er den letzten Rest des Brandys aus und stellte das nun leere Glas auf den kleinen Beistelltisch.
 

Eine unbehagliche Stille bereitete sich zwischen den beiden aus und Susan überlegte fieberhaft, zum welchem unverfänglichen Thema sie das Wort ergreifen konnte. Doch da nahm ihr der Lord die Entscheidung bereits ab.

»Ich denke, ich werde mich dann für die Nacht zurückziehen.«

»Wie Sie wünschen. Folgen Sie mir bitte, Mylord.«

Außer dem Knarzen der Stufen war nichts zu hören, als sie die Treppe nach oben stiegen und Susan ihm schließlich die erste Tür auf der rechten Seite öffnete. Es war das größte Zimmer in der oberen Etage, das ehemalige Schlafzimmer ihrer Eltern, das seither unbenutzt geblieben war. Aber da es das geräumigste Bett und als einziges Zimmer einen, wenn auch nur kleinen, Kamin besaß, das Beste, was sie einem Lord zu bieten hatte. In weiser Voraussicht hatte sie den Raum einigermaßen auf Vordermann gebracht, nachdem sie dem Lord sein Mittagsmahl offeriert hatte.

Ohne darüber nachzudenken warf sie noch ein paar Reisigzweige in das offene Feuer und erst als ihr bewusst wurde, was sie da tat, hielt sie abrupt in ihrer Bewegung inne. Doch der hohe Herr schien gar nicht darauf zu achten, was genau sie da tat. Denn eigentlich war es verboten, Reisig in den Wäldern ringsum zu sammeln, denn alles was dort wuchs, gehörte nun einmal dem Lord und seiner Familie. Das Abholzen eines Baumes, ohne die ausdrückliche Erlaubnis der Herrschaften, konnte mitunter bedeuten, dass man eine Hand verlor für sein Vergehen. Und auch wenn Reisig nur Abfall war, der auf dem Boden lag, so war es trotzdem nicht gestattet, es sich einfach so zu nehmen. Da jedoch das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, hatte sie es schließlich vor zwei Tagen gewagt, gleich einen ganzen Korb voll davon zu sammeln, auch wenn es natürlich nicht so gut brannte, aber Brennholz war nun mal teuer.

Aber dem Lord schien es einerlei, weshalb Susan noch schnell ein dickes Holzscheit nachlegte und sich dann wieder erhob. Vermutlich war er mit seinen Gedanken schon wieder wo anders, wie etwa bei der Erkenntnis, dass er sich heute Abend ganz allein seiner Kleidung entledigen musste und nicht ein Kammerdiener ihm dabei zur Hand ging.

»Dann wünsche ich Ihnen noch eine geruhsame Nacht, Mylord. Sollten Sie doch noch etwas benötigen, finden Sie mich am Ende des Ganges.« Mit einer angedeuteten Verbeugung trat sie den Rückweg an und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
 

Kaum, dass die Dame des Hauses das Zimmer verlassen hatte, ließ sich Kenneth auf dem Bett nieder. Ein Gefühl der Bewunderung für diese junge Frau regte sich in seiner Brust. So ganz allein für ihre kleinen Geschwister verantwortlich zu sein, war gewiss keine leichte Aufgabe, abgesehen davon, kam er nicht umhin zu bemerken, dass das Geld offensichtlich sehr knapp war. Vielerorts in diesem Haus gäbe es einiges das dringend einer Reparatur oder Erneuerung bedurfte und die Auswahl an Weihnachtsgeschenken zeugte ebenfalls davon, wie bescheiden die Verhältnisse sein mussten, mit denen die junge Frau zu kämpfen hatte. Nach wie vor voll angekleidet, ließ er sich zurück in die Kissen sinken, auch wenn er schon jetzt vermutete, dass er höchstwahrscheinlich keinen Schlaf finden würde.
 

~
 

Draußen brach eben erst die Morgendämmerung an, als Susan die Treppe nach unten stieg, um das Frühstück vorzubereiten. Sie wollte keinesfalls, dass der Lord einen schlechten Eindruck bekam. Unerwarteterweise hatte sie wohl die ganze Nacht tief und fest geschlafen und als sie nun den Wohnraum betrat, hätte sie vor lauter Schreck beinahe die brennende Kerze in ihrer Hand fallen lassen. Sie musste träumen, denn ansonsten konnte sie sich das ihr bietende Bild wirklich nicht erklären. Wunderschön geschmückt und mit einer Spitze, die bis unter die Decke reichte, stand ein prachtvoller Weihnachtsbaum vor ihr. Voller Unglauben trat sie näher heran, befühlte vorsichtig, so als würde der Baum womöglich verschwinden, wenn sie ihn anfasste, einen der Äste und dann strichen ihre Finger bedächtig über eine dunkelrote Kugel. Es war wahrlich kein Traum, dessen war sie sich jetzt völlig sicher.

Sie fühlte, wie wieder einmal Tränen in ihren Augen brannten, doch dieses Mal hielt sie sie nicht zurück. Freudentränen liefen über ihre Wangen, während sie ihren Blick nicht von dem wundervollen Baum lösen konnte und ihr der so vertraute Duft nach Wald in die Nase stieg.

Auch wenn sie bereits wusste, was sie erwarten würde, so eilte sie doch gleich die Treppe nach oben und öffnete das große Schlafzimmer, wo sie nur gähnende Leere empfing. Susan wollte soeben wieder gehen, da entdeckte sie einen Zettel auf dem Bett.

Ich hoffe, Sie sind mit meiner Auswahl zufrieden. Frohe Weihnachten.

Lord S.

Als wäre es pures Gold, presste sie das Stück Papier gegen ihre Brust, während ein von Herzen kommendes Danke über ihre Lippen kam. Weihnachten war gerettet.
 

~
 

Die Hufe seines Hengstes flogen geradezu durch den Schnee, als Kenneth zurück zu seinem Landsitz und nicht wie ursprünglich geplant nach London, galoppierte. Seit Langem hatte er sich nicht mehr so frei und auch glücklich gefühlt. Wie erwartet hatte er des Nachts keinen Schlaf gefunden und dabei hatte ihm ein Blick aus dem Fenster verraten, dass der Schneesturm sich gelegt hatte und sogar an und ab das bleiche Licht des Mondes auf die nun dicke Schneedecke fiel.

Es war ein spontaner Gedanke gewesen, dem er ohne zu zögern nachgegeben hatte. Ein paar Axtschläge später hatte er den perfekten Baum gefällt und es glich wohl einem kleinen Weihnachtswunder, dass niemand der Hausbewohner sein Tun bemerkt hatte. Er war sich sicher, dass die Dame des Hauses den Weihnachtsbaum mittlerweile entdeckt hatte und sie hoffentlich so viel Freude dabei empfand, wie er sie verspürt hatte, als er ihn schmückte.

Es war ein wunderschöner, klarer Weihnachtsmorgen und nach Jahren des Lasterlebens würde er dieses Mal an der Seite seiner Tanten, Cousins und Cousinen, so wie deren Kinder sein, wenn die Geschenke verteilt würden.

Die Begegnung mit der jungen Frau und ihrem bescheidenen Leben hatten ihm deutlich gemacht, dass es an der Zeit war, Weihnachten endlich wieder einmal woanders zu verbringen, nämlich dort wo er hingehörte, an der Seite seiner ihm noch verbliebenen Familie. So hätten es seine Eltern gewiss immer gewollt.

Mit einem Grinsen auf den Lippen ritt er weiter und versuchte sich dabei das Gesicht seiner herzensguten Gastgeberin vorzustellen, wenn sie neben dem Paar Handschuhe auch noch einen dicken Beutel, voll mit Geld, in ihrem Weihnachtsstrumpf finden würde.



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