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Ein süßer Groupie

von

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Selbstzweifel

Nach dem Frühstück packte Kyo ein paar Sachen zusammen und verabschiedete sich von mir. Ich zog ihn in einen langen leidenschaftlichen Kuss und er grinste, als unsere Lippen aufeinander lagen.

„Bald bin ich wieder da, versprochen“, nuschelte er noch halb an mir hängend und riss sich los.

„Viel Spaß.“

Das Wetter draußen war ungemütlich, regnerisch und kalt. Ich mochte den Herbst nicht besonders, denn gerade in dieser eher düsteren Jahreszeit fiel es mir schwerer meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Außerdem kam hinzu, dass ich nicht gern allein war, weil ich es kaum mit mir aushielt. Immer wieder verfolgten mich diese beschissenen Erinnerungen und meine Gedanken schweiften zu tief ab. Deshalb beschloss ich Kyos Wohnung zu verlassen und mich unter Menschen zu mischen.

Mein zweites Wohnzimmer, die vertraute, leicht heruntergekommene Bar bot mir Schutz und hier war es mir möglich den Klauen meiner Vergangenheit zu entfliehen. Zumindest für eine Weile. Kurz überlegte ich Sota einen Besuch abzustatten, doch vermutlich war das nach unserem letzten Streit keine so berauschende Idee. Takashi lud mich auf einen Tee ein und begann zu plaudern. Komischerweise wollte er nicht wissen, warum ich mich die letzten Tage nicht hatte blicken lassen, doch eigentlich ging ihn das auch nichts an. Schließlich war das nicht in unserer mündlichen Vereinbarung festgelegt. Ich spielte, wenn ich Zeit dazu hatte, das war der Deal. Heute schien ein Tag wie jeder andere zu sein. Lahmes Publikum und nicht all zu viele Besucher in der Bar. Ich erledigte meinen Job trotzdem so gut ich konnte und hörte Kyos Stimme in meinem Hinterkopf flüstern, wenn ich mir mal einen Fehler erlaubte. Wahnsinn, dass er auch in seiner Abwesenheit mit einer derartigen Präsens glänzte. Seit langem gönnte ich mir nach dem Auftritt mal wieder ein Bier und machte mich anschließend auf den Weg in meine Wohnung.

Allerdings erwartete mich dort eine böse Überraschung. Ein Brief war unter der Tür hindurch geschoben worden und er stammte von meinem Vermieter. Das seltsame Ziehen in meinem Magen verstärkte sich. Mir war klar, dass ich mit der Miete etwas in Verzug war, doch bisher hatte ihn das auch nie gestört. Warum dann jetzt das plötzliche Interesse? Ich beschloss ihn am nächsten Tag anzurufen und das Missverständnis aus der Welt zu schaffen.

 

Nach dem ersten Klingeln nahm er ab und schlug vor sogleich vorbeizukommen. Ich schlüpfte schnell in meine Klamotten und da er nur zwei Etagen unter mir wohnte, ließ er nicht lange auf sich warten. Ich öffnete noch ein bisschen verpeilt die Tür und bot ihm einen Kaffee an, den er jedoch ablehnte. Seine schwarzen Haare waren streng nach hinten gestrichen und in der Anzughose, dem Hemd und dem Overall darüber wirkte er sehr spießig und dennoch respekteinflößend.

„Sie haben das Schreiben erhalten Herr Nakamura?“, fiel er sogleich mit der Tür ins Haus und ich nickte.

„Dann wissen Sie ja Bescheid. Leider ist das nicht das erste Mal, dass sie mit Ihrer Miete im Verzug sind, deshalb muss ich wohl oder übel härtere Geschütze auffahren.“

„Ich versichere Ihnen, dass ich das Geld bis zum Ende der Woche haben werde. Nur bitte werfen Sie mich nicht aus der Wohnung“, flehte ich meinen Vermieter an, doch seine Miene blieb hart wie Stein.

„Seit einem halben Jahr bekomme ich Ihre Miete nun schon nicht zum vereinbarten Termin. Es tut mir leid. Sie haben bis zum Ende des Tages Zeit.“

„Bitte was? Aber wo soll ich denn dann wohnen?“

„Das ist nicht mehr mein Problem. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag Herr Nakamura!“

„Als ob ich den jetzt noch habe Sie Arschloch!“, rief ich ihm nach und feuerte meinen Rucksack in die nächste Ecke. Verfluchte Scheiße! Was sollte ich jetzt tun? Ich biss heftig auf die Unterlippe und der imaginäre Knoten in meiner Brust drohte mir die Luft abzuschnüren. Ich sank auf mein Bett und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Obwohl ich mit Kyo zusammen war, lief gerade alles andere in meinem Leben mehr als beschissen. Mit einem Seufzen und der bitteren Einsicht, dass ich ohnehin nichts ändern konnte, packte ich meine wenigen Habseligkeiten in meine kleine schwarze Reisetasche. Ein letztes Mal blickte ich mich in der winzigen Wohnung um und irgendwie hatte ich sie doch gemocht. Den Schlüssel warf ich bei meinem Vermieter in den Briefkasten. Auf dem Weg nach unten wäre ich fast mit Sota zusammengestoßen. Na super, auch das noch. Er nickte irritiert in Richtung Tasche.

„Willst du verreisen oder was?“

„Ne ausziehen“, gab ich kurz und knapp zurück. Jetzt schaute mich mein Freund geschockt an.

„Etwa zu deinem Kyo? Ist das dein ernst Kazu?“

Ich war heute ganz und gar nicht zum Streiten aufgelegt und mir fehlte auch jegliche Kraft dazu.

„Wenn du es genau wissen willst, ich wurde aus der Wohnung geschmissen und bin jetzt obdachlos. Lässt du mich jetzt bitte vorbei? Ich muss mich mit dem nächstbesten Penner um die gemütlichste Parkbank schlagen“, entfuhr es mir und irgendwie erstaunte mich mein schwarzer Humor selbst.

„Was? Aber wieso? Ich meine, du kannst auch bei mir pennen…“

„Nein schon gut…ich komm irgendwie klar. Zu dem wieso…konnte meine Miete nicht immer rechtzeitig bezahlen…ist scheiße gelaufen, jetzt muss ich damit klarkommen.“

„Verdammt Kazuki, draußen ist es arschkalt…jetzt sei nicht so ein Spinner und komm mit zu mir…ich werde dich auch sicher nicht anfassen, aber du holst dir den Tod“, entgegnete er und ich lächelte traurig.

„Tja, dann war es schön deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Vielleicht treffen wir uns in einem anderen Leben unter besseren Umständen wieder.“

Mein Freund schaute mich mitfühlend an, doch ich wollte sein Mitgefühl nicht.

„Kannst du nicht irgendwie zu seiner Familie gehen, zumindest übergangsweise?“, fragte er vorsichtig, weil er zu ahnen schien, dass dieses Thema wie ein rotes Tuch für mich war, auch wenn ich ihm nichts von dem Drama mit meinen Eltern erzählt hatte.

„Nein, das geht leider nicht…bis irgendwann Sota“, beendete ich unser Gespräch und zwängte mich an ihm vorbei. Er rief mir noch nach, doch ich tat so, als würde ich ihn nicht hören. Ich kaufte mir am nächsten Kiosk etwas zum Essen und eine Kaffee und schlug die Zeit im Einkaufzentrum tot. Mein Instrument stand noch sicher verwahrt in der Bar und dort würde ich später auch wieder hingehen, in der Hoffnung den Abend dort verbringen zu können, bis sich die Pforten schlossen. Diesen Plan setzte ich dann auch in die Tat um.

Takashi stellte keine Fragen, als ich am Schluss noch immer gefährlich schwankend am Tresen auf meinem Barsessel hockte und schon viel zu viel intus hatte. Meine Tasche und die Klampfe hatte ich sicher hinter der Bar verwahrt.

„Schließt du noch ab Junge? Ich weiß nicht was los ist, aber du kannst auf dem Sofa hier übernachten. Schlaf gut.“

Mit diesen Worten verabschiedete er sich und löschte das Licht. Ich wankte zu dem abgewetzten Ledersofa, welches mich kalt und unwürdig empfing. Nur meine Jacke diente mir als Decke und wärmte nicht besonders gut. Irgendwann erwachte ich, weil mich ein unangenehmes Ziehen in meinem Magen weckte. Na klasse. Ich torkelte zu den Toiletten und eckte dabei bestimmt an allen Tischen oder Stühlen an, die sich auf dem Weg dorthin befanden. Ich beschleunigte meinen Schritt, als ich merkte, wie sich mein Mageninhalt ziemlich schnell seinen Weg ins Freie suchte. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich die Kabine, riss den Deckel nach oben und übergab mich. Nach einer Weile hatte sich mein Magen beruhigt und erschöpft sank ich an der Wand in einen Dämmerschlaf, bis zur nächsten Übelkeitswelle.

Ich musste wohl wirklich eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal erwachte, schien helles Licht in den kleinen Raum. Ich kam mir schäbig und einfach nur widerlich vor. Aus meiner Tasche, die ich holte, kramte ich meine Zahnbürste hervor und putzte mir die Zähne, spritzte mir noch ein bisschen Wasser ins Gesicht und beschloss diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Konnte ich dem alten Mann jeh wieder unter die Augen treten? Beschämt kritzelte ich ein paar dankende Worte auf einen Zettel, nahm meine Tasche und die Gitarre und verschwand. Ausgelaugt von der letzten Nacht und das schwere Gepäck, das mich beim Laufen behinderte, schlurfte ich wie Zombie durch die nahezu leeren Straßen. Im Gegensatz zu sonst schien heute nicht so viel in der Stadt los zu sein. Menschen rauschten an mir vorbei, schenkten mir jedoch keinerlei Beachtung.

Nach Essen war mir nicht zumute, aber schlafen und duschen wäre jetzt nicht übel. Eher unbewusst griff meine Hand nach dem Schlüssel in meiner Hosentasche. Sollte ich zurück in Kyos Wohnung? Schließlich hatte er es mir ja angeboten oder? Verunsichert war ich trotzdem, denn es kam mir vor, als würde ich so in seine Privatsphäre eindringen. Meine Hände waren mittlerweile so steif von der Kälte, dass es mir Schwierigkeiten bereitete meine Tasche zu halten. Ich musste mich aufwärmen und kehrte wieder im Einkaufscenter ein. Dort hockte ich mich auf eine Bank und wollte meine Mails checken, da fiel mir das schwarze Display auf. Schön, mein Handy war tot, kein Akku mehr. Egal, wer würde mich auch erreichen wollen? Am liebsten würde ich schreien. Tolle Karriere. Mit Anfang dreißig keinen ordentlichen Job und obdachlos. Nur ein verträumter Musiker, der gehofft hatte irgendwann Erfolg zu haben. Ich beobachtete all die fröhlichen Gesichter in der Vorweihnachtszeit. Wie frustrierend, noch zwei Wochen und dann stand dieses verhasste Fest schon vor der Tür. Meine Erinnerungen schweiften zehn Jahre zurück. Von meinem ersten Lohn hatte ich mir eine Gitarre gekauft, eben diese, die ich auch heute noch bei mir trug und die stets meine treue Begleiterin war. Mein Zimmer im Haus meiner Eltern befand sich damals ganz oben im Dachgeschoss, sodass ich mir in Ruhe das Spielen beibringen konnte. Es störte sich ja ohnehin niemand daran, denn wen interessierte schon, was der schwule Versager der Familie trieb? Wenn meine Eltern unsere Familie über die Feiertage einlud, schlich ich mich immer aus dem Haus. Die ersten Male, als ich dann doch erwischt wurde, weil ich mitten in der Nacht völlig betrunken zurück kam, prügelte mich mein Vater grün und blau. Und immer wieder bleute er mir ein, dass ich meine nächtlichen Streifzüge unterlassen solle, denn schließlich könnten unsere Nachbarn davon Wind bekommen. Natürlich ließ ich es nicht bleiben.

Tagsüber schaute ich mir Videos oder Tutorials an und spielte diese nach. Schließlich keimte in mir der Wunsch endlich vor Menschen zu musizieren. So landete ich dann in der Bar von Takashi und lernte dort auch Sota kennen, der mir später die Wohnung vermittelte. Ich hatte meine Familie nie darüber in Kenntnis gesetzt, was meine Pläne betraf und nachdem ich meinen Schulabschluss in der Tasche hatte, war ich ohne sie zu fragen ausgezogen. Ab und zu liefen wir uns noch über den Weg, doch sie ignorierten mich. Für meine Familie war ich wie Luft, schlimmer noch, denn Luft hätte wenigstens einen Sinn, da man diese zum Atmen brauchte. Ich war nichts. Nicht existent und ihnen war es vollkommen egal, ob ich mein Leben auf die Reihe bekam oder nicht. Dieser Gedanke zerfraß mich innerlich, weil es irgendwann mal anders war. Doch wann kam es zu dieser Wendung? Ich wusste es genau, doch genau diese Erinnerung blieb die schlimmste von allen und ich verdrängte sie so oft wie möglich. Wenn es mir denn gelang, aber wie bereits erwähnt, in dieser kalten Jahreszeit hatte ich meine Gefühle kaum unter Kontrolle.

 

Irgendwie verspürte ich ein leichtes Hungergefühl, doch sobald ich an Essen dachte, es in meinem Kopf Gestalt annahm, zog sich mein Magen wieder zusammen. Dann also nicht. Ich zog den Schlüsselbund erneut aus meiner Hose heraus und mir fiel auf, dass das da auch die Schlüssel für den Proberaum dran hingen. Plötzlich kam mir ein Gedanke und meine Euphorie schien langsam ihren Weg zurück zu mir zurück zu finden. Ich sprang schon fast gut gelaunt auf, als ich jemanden meinen Namen rufen hörte. Verwirrt drehte ich mich um und schon sackte meine Laune wieder in den sprichwörtlichen Keller. Vor mir standen eine Frau mittleren Alters und ein Mädchen, das jetzt ungefähr 19 oder 20 sein müsste. Beide wirkten sehr gepflegt und man sah ihnen an, dass sie der gehobeneren Gesellschaft angehörten. Zwei Augenpaare starrten mich unentwegt an und schon war mir wieder kotzübel. Ich setzte meine Tasche auf der Bank ab.

„Kazuki? Bist du das?“, fragte mich die Frau.

„Bedauerlicherweise ja…ich bin noch am Leben, sicher hätte dich ein anderer Tatbestand mehr gefreut“, entfuhr es mir. Nein, Nettigkeit ihr gegenüber war schon lange nicht mehr meine Stärke.

„Du siehst furchtbar aus…und was sind das für Kratzer auf deiner Brust?“

Da mein Shirt unter der Kapuzenjacke sehr tief ausgeschnitten war, gab es meine Narben preis. Ich bekam ihre Hand noch gerade so zu fassen.

„Wage es nicht mich anzufassen!“, fuhr ich sie an und ihr erschrockener Blick fixierte mich kurz, als würde sie doch so was wie Mitleid empfinden. Doch dann spiegelte sich die gewohnte Gleichgültigkeit darin. Auch das Mädchen warf mir einen verachtenden Blick zu. Ihre kalten Augen musterten mich von unten bis oben und allein diese Geste bewirkte, dass ich mir wie das letzte Stück Dreck vorkam.

„Ich fasse es nicht, wie kannst du dich in deinem Zustand hier an einem so öffentlichen Platz herumtreiben? Was sollen denn die Eltern mit ihren Kindern denken? Die bekommen es ja mit der Angst zu tun. Hast du getrunken oder womöglich Drogen konsumiert?“

Ich schüttelte mit dem Kopf.

„Keine Drogen…warum redest du überhaupt mit mir? Hast du nichts Besseres zu tun?“

„Doch, hab ich. Deine Schwester und ich gehen jetzt ein Kleid für ihre Silvesterparty kaufen.“

„Wie kannst du es wagen sowas zu sagen Mama. Ich habe keinen Bruder, schon vergessen!“, entgegnete dieses kleine fiese Miststück und brach mich, wie schon so viele Male davor. Nicht mehr lange und ich verlor meine Selbstbeherrschung.

„Ich muss dann auch los…viel Erfolg beim Kleider shoppen…“, versuchte ich dennoch freundlich zu sagen.

„Halt doch die Klappe, du schwänzelutschender Wiederling…danke, dass du mir jetzt den Tag vermiest hast.“

Ich schluckte die Beleidigung runter wie immer.

„Mei, es reicht. Nicht solche Worte in der Öffentlichkeit! Tschüss…“

Noch bevor sich meine Mutter von mir verabschieden konnte, rannte ich aus dem Einkaufszentrum. Stürzte zur Metrostation und fuhr zum Proberaum.

Mit zittrigen Händen zündete ich mir eine Zigarette an und um den Tag wirklich beschissen perfekt werden zu lassen, begann es jetzt auch noch zu regnen. Nicht nur en leichter Nieselregen, nein, es schüttete wie aus Eimern. Es dauerte eine Weile, bis ich den passenden Schlüssel aus dem Bund gefingert hatte und leicht durchnässt ließ ich mich auf das Sofa sinken, wo ich mir eine neue Zigarette anzündete. Besonders warm war es hier nicht und mein Körper zitterte ein bisschen in den feuchten Klamotten. Außerdem konnte ich wirklich langsam eine heiße Dusche vertragen, denn mich beschlich das Gefühl, dass ich ein bisschen streng roch. Also doch zu Kyo?

Ich zuckte panisch zusammen, als ich hörte, wie hinten auf dem Klo die Spülung betätigt wurde. Verdammt, wer konnte dass sein? War jemand eingebrochen? Schon wollte ich aufspringen, als sich die Tür öffnete und der Mann, der mich da anschaute war mindestens genauso perplex wie ich. Seine verstrubbelten braunen Haare hingen ihm ein bisschen ins Gesicht und seine dunklen Augen, die mich schon fast ein wenig an die von Kyo erinnerten, fixierten mich neugierig. Die letzten beiden Knöpfe seines schwarz-violett karierten Hemdes standen offen und entblößten seine helle Haut minimal. Die enge Hose mit der großen Gürtelschnalle in Form eines Kreuzes hing schon fast unverschämt weit unten. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl diesen Mann zu kennen. Er stand noch immer da und beobachtete mich.

„Nanu, was für eine nette Überraschung. Aber wie kommst du in den Proberaum von Dir en Grey?“, fragte er mich mit tiefer Stimme und kam näher auf mich zu.

„Dasselbe könnte ich dich auch fragen“, gab ich etwas kleinlaut zurück und zündete mir eine zweite Zigarette an.

„Aber ich hab zuerst gefragt. Also?“

„Wie denn schon, natürlich mit nem Schlüssel. Zufrieden?“

Der Typ kratzte sich am Kinn und schaute nachdenklich zur Decke.

„Mhh,…Tooru hat einen Schlüssel, Shinya und Kao…doch der hat mir seinen geliehen, bleiben also nur noch zwei…Shini vielleicht?“, überlegte er. Moment, was tat der Kerl mit dem Proberaumschlüssel des Diru Leaders? Und warum war er so daran interessiert, von wem ich meinen Schlüssel hatte? War das nicht egal? Ich hatte eben einen. Basta! Ich zog meine Jacke enger um mich. Er wartete noch immer auf eine Antwort. Doch ich tat nicht dergleichen, weil ich keinen Bock hatte mit irgendwelchen komischen Typen zu reden. Ich wünschte mir Kyo her, mehr als alles andere auf der Welt. Wollte in seinen Armen liegen und die letzten zwei Tage einfach vergessen.

„Naja, sehr gesprächig scheinst du ja nicht zu sein. Stört es dich, wenn ich ein bisschen Bass spiele?“

Ich schüttelte nur den Kopf und schaute im Kühlschrank nach einer Flasche Wasser, welches ich dort auch fand. Dann kribbelte es mich doch in den Fingern und auch ich packte meine Gitarre aus. Hörte dem Bassisten zu und versuchte einzusteigen. Als dieser bemerkte, dass ich ihn begleitete, staunte er nicht schlecht. Wir lieferten uns ein kleines Battle, was mich zumindest für einen kurzen Augenblick vergessen ließ. Als er sein Tun stoppte, begann ich meine eigenen Songs zu spielen und zu singen. Das schien auch den anderen Musiker mächtig zu beeindrucken.

„Nicht übel…sag mal, du bist aber nicht zufällig Kazuki oder?“

Mit weit aufgerissenen Augen musterte ich den Fremden. Woher zur Hölle wusste er, wer ich war?

„Ähm…doch, aber woher weißt du das?“

Jetzt lächelte der andere Bassist und winkte mit der Hand ab.

„Kao hat das letztens Mal erwähnt…mh, wie war sein genauer Wortlaut? Das wirst du mir nicht glauben, aber ich glaube Tooru ist doch noch nicht verloren…er hat da gestern diesen echt schnuckeligen Nachwuchsmusiker mit in den Proberaum gebracht….und der kleine hat’s echt drauf.

Kaoru? War das vielleicht Kaorus Freund?

„Schön und mit wem habe ich die Ehre?“, fragte ich noch immer reserviert. Er streckte mir seine Hand entgegen.

„Verzeih, wo bleiben meine guten Manieren. Ich bin Zero“, stellte sich der braunhaarige vor. Zero? In meinem Hirn begann es zu rattern.

„Freut mich“, gab ich zurück und meinte es auch so. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt wurde mir auch klar, woher in den anderen kannte. Oh mein Gott. Augenblicklich hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich ihm gegenüber so unfreundlich verhalten hatte. Naja, zu spät.

„Na, hat es klick gemacht?“, amüsierte sich der D’espairs Ray Bassist.

„Sorry…heute ist nicht gerade mein Glückstag.“

„Schon okay…aber vielleicht solltest du langsam mal aus den nassen Klamotten raus. Sonst bist du morgen krank. Das würden mir die Jungs sicher nicht verzeihen.“

„Ist vielleicht echt nicht die schlechteste Idee.“

Ich kramte saubere Kleidung aus meiner Tasche und zog mich bis auf die Unterhose aus. Die Anwesenheit von Zero störte mich nicht und seiner Reaktion nach zu urteilen war auch ich nicht der erste Mann, den er halbnackt zu Gesicht bekam.

Mit den trockenen Klamotten wurde mir tatsächlich ein bisschen wärmer. Ein Blick in meine Kippenschachtel ließ mich seufzen. Nur noch drei Zigaretten, na toll. Ich zündete mir eine an. Kalt war mir noch immer.

„Sag mal, bist du auf der Flucht oder was soll die Reisetasche?“

Und schon kippte meine ausgelassene Stimmung wieder. Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„So was in der Art…lange Geschichte.“

„Mh verstehe, du magst nicht drüber reden. Ist vollkommen okay. Verstehst du dich gut mit den Jungs?“, wechselte Zero das Thema und ich war ihm ausgesprochen dankbar dafür.

„Schon. Manchmal ist es irgendwie noch ein bisschen komisch, weil…naja, sie ja so berühmt sind…aber Kyo scheint ernsthaftes Potenzial in mir zu sehen.“

„Da kann ich ihm nur beipflichten.“

„Danke…sowas bekomme ich nicht all zu oft zu hören.“

„Dann warst du bisher wohl mit den falschen Leuten zusammen. Ich muss dann auch los. Soll ich dich irgendwohin fahren?“

Ich schluckte und überlegte kurz, doch ich kam zu keiner besseren Alternative.

„Weißt du wo Kyo wohnt?“

Zero schaute mich mit einer Mischung aus „bist du völlig irre“ und „vielleicht hast du dich doch verkühlt“ an. Ich ignorierte es.

„Du meinst das ernst oder?“

Ich nickte und er schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Gemeinsam verließen wir den Proberaum und stiegen ins Zeros Auto, welches er um die Ecke geparkt hatte. Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen, im Gegenteil. Zero musste vorsichtig fahren, da das Wasser auf den Straßen stieg und seine Scheibenwischer über die Windschutzscheibe flitzten.

„Das heißt, du hast auch Kyos Wohnungsschlüssel?“, fragte der Bassist dann nach einer Weile. Klar, wenn er mit dem Diru Leader befreundet war, wusste er sicher auch, dass sich die Jungs gerade in Tokio befanden.

„Sieht so aus.“

„Das ist echt verrückt. Ich meine ich kenne die Jungs schon eine Weile, doch ich habe  noch nie mitbekommen, dass Tooru jemanden mit zu sich nimmt. Sogar seine Freunde…naja abgesehen von Shinya, nimmt er nicht all zu oft mit in seine privaten Gemächer und dann dich?...Oh tut mir leid, das sollte nicht so rüberkommen…“

„Schon okay, ich verstehe auch nicht, was er an mir findet. Immerhin könnte er jeden haben.“

Plötzlich entfuhr Zero ein übertriebenes Lachen.

„Oh mein Gott, sag bloß ihr habt was miteinander?“

Na toll, was sollte ich darauf schon wieder antworten?

„Wüsste nicht, was dich das angeht. Schließlich frag ich auch nicht, ob du mit Kaoru vögelst“, rutschte es mir raus und ich sollte dringend schlafen, denn irgendwie schien ich nicht mehr so ganz unter Kontrolle zu haben, was ich sagte.

„Ja tue ich und wir machen daraus auch kein Geheimnis. Er ist süß und toll…manchmal ein bisschen verrückt…keine Sorge ich sag es keinem. Schließlich weiß ich, wie Kyo austicken kann. So da wären wir.“

Zero parkte vor dem Haus. Ich bedankte mich und verabschiedete mich von ihm.

Endlich duschen, den Dreck und diese Erinnerungen der letzten Tage loswerden. Ich kauerte in der Dusche und das heiße Wasser prasselte auf meinen Körper herab. Jetzt da ich wieder alleine war drangen diese unschönen Gefühle wieder empor. Ich zitterte, trotz des warmen Wassers und schluchzte, denn keine Minute länger hätte ich diese Welle der Emotionen zurückhalten können. Doch war ich alleine damit, niemand, der mir gerade Beistand leisten konnte oder mich davor bewahrte, mich selbst zu verletzen. Meine Fingernägel krallten sich auf diese gefährliche Art in meine Oberarme. Ich biss mir heftig auf die Unterlippe und die Tränen liefen unentwegt meinen Wangen hinab. Ich kippte zur Seite und fand Halt an der kalten Fliesenwand. Mein Körper war am Limit angekommen und so allmählich begann meine Haut zu schrumpeln, deshalb rappelte ich mich mit aller Kraft auf und trocknete mich ab.

Erschöpft und müde brach ich auf dem Sofa zusammen. Ich trug keine Klamotten und kuschelte mich in die Decke ein. Meine Augen brannten vor Müdigkeit, doch ich fand keinen Schlaf, zu sehr war mein beschissenes Gehirn damit beschäftigt mir diverse Szenen der letzten Tage immer und immer wieder zu zeigen. Lief es nun doch auf Selbstverletzung hinaus? In der Dusche hatte ich es wie auch immer abwenden können, doch nun überkam mich dieser Drang erneut. Und dieses Mal war die Versuchung heftiger. Mein Körper sehnte sich nach Schlaf und Befriedigung. Schlimm genug, wenn man sowas als befriedigend ansah, aber ich konnte es nicht ändern. Oder doch? Meine Fingernägel waren zwar nicht lang, aber dafür würde es reichen. Ich fuhr mit der spitzen Seite meines Nagels unterhalb meiner Rippen entlang. Einmal. Es blieb nur ein Kratzer zurück. Zweimal. Die gereizte Haut schwoll ein bisschen an. Dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal. Endlich erreichte ich mein Ziel und das Blut sickerte aus der Wunde. Wieder flossen die Tränen und der Schmerz zerfraß mich noch immer. Ohne wirklich zu wissen, was ich tat, erhob ich mich und schwankte völlig kraftlos in Richtung Schlafzimmer. Die Luft hier drin war kühler als im Wohnzimmer. Ich öffnete den Kleiderschrank und kramte ein T-shirt von Kyo heraus, zog es mir über den Kopf und kuschelte mich ins Bett. Es roch nach ihm. Nach seinem Parfum, seinem Schweiß und ich vergrub mein Gesicht in dem Kissen. Und als wäre das die Linderung für all meine Sorgen, umfing mich dieser Geruch wie ein schützender Schleier. Ich vergrub mich noch tiefer in der Bettwäsche. Keine zwei Sekunden später fielen mir die Augen zu und ich schlief ein.


Nachwort zu diesem Kapitel:
So, hier ein neues, recht düsteres Kapitel. Muss ja auch Mal wieder sein nach diesem ganzen Schnulzen zuvor XD. Hoffe euch gefällt es trotzdem und man erfährt ein bisschen mehr über Kazukis Vergangenheit. Komplett anzeigen

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