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Akai Tsuki no mukou ~ Beyond the Red Moon

Eine Dir en grey-/Merry-/MUCC-/Kagerou-Story / Final chapter 24 uploaded!
von

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23. [Hathor]

Die traute seinen Ohren kaum, als er auf den Gang raustrat und gerade noch Kaorus letzte Worte vernahm.

"Ja, genau, zwei Trauersträuße an diese Adresse. Geht das heute Nachmittag noch? Ja? Vielen Dank! Und ja, belasten Sie meine Kreditkarte."

Die hatte sich nicht näher auf Kaoru zu bewegt sondern war gleich bei der Tür zum Proberaum stehen geblieben, weshalb ihn sein Bandkollege erst sah, als er den Anruf beendete und sich zur Tür umdrehte.

"Oh...". Verlegen senkte der Ältere den Blick und wollte sich an Die vorbei durch die Tür stehlen, als dieser sich ihm in den Weg stellte.

"Ich dachte, das hätte Inoue schon veranlasst?"

"Nein, eben nicht. Er hat vorhin angerufen und mich gebeten, es nachzuholen."

Der jüngere Gitarrist runzelte skeptisch die Stirn. "Inoue hat es vergessen? Du machst Witze. Ganz unmöglich. Und vorallem, warum ruft er dich an? Hätte doch sonst wer erledigen können, oder?" Die stieß Rauch durch die Zähne aus.

Kaoru zuckte die hilflos die Achseln. "Frag mich was Besseres. Entweder hat ihn sein ihm angeborener Sadismus dazu getrieben, mir ein weiteres Mal mein Vergehen in Erinnerung zu rufen - als ob ich nicht auch so schon täglich dran dächte -, oder aber es liegt ihm daran, die Wogen zwischen Toshiya und mir zu glätten."

"Das glaubst du wohl selbst nicht?!".

Trauriges Lächeln. "Nein, nicht wirklich, aber diese Version gefällt mir besser. Toshiya tut mir unglaublich leid. Ich wollte ihm nie so wehtun, wie ich es getan hab."

"Das war aber zu erwarten, er hat Akiko geliebt, du Arschloch!".

"Ja, und ich liebe sie jetzt. Und sie mich auch!".

"Trotzdem. Warum hast du eigentlich zwei Sträuße bestellt?"

"Einen von uns, einen von Akiko. Ich dachte, wenn ich schon dabei bin...".

"Na, immerhin warst du rücksichtsvoll genug, keinen Strauss unterzeichnet von Akiko und dir zu schicken."

Empörtes Aufbegehren. "Na hör mal!".

"Hätte ja sein können...".

Verletzt senkte Kaoru den Kopf. "Danke, Die, das hat mir sehr geholfen."

"Von einem Arschloch erwartet man immer das Schlechteste."

Da wurde es Kaoru endgültig zu bunt. "Okay, Herr Saubermann, ja, ich hab Mist gebaut, sehr großen sogar. Und es ist mir klar, wie sehr ich Toshiya verletzt habe und dass es lange dauern wird, bis er und ich wieder so miteinander umgehen können, wie es vorher der Fall war. Wenn überhaupt."

"Vorher, wann vorher?"

"Verdammt, Die! Was soll das? Willst du mir alles in die Schuhe schieben, was schief gelaufen ist? So einfach geht das nicht. Und das weißt du. Einen Sündenbock zu haben, ist immer praktisch, so kann man wenigstens so tun, als sei man nicht selber Schuld, aber hey, das lasse ich nicht mit mir machen, ich nicht! Also lass hier nicht den großen Checker und Rächer raushängen. Vergiss nicht, wir sitzen nach wie vor im selben Boot. Es liegt an jedem einzelnen von uns, dass wir es uns so angenehm wie möglich machen."

Damit wandte sich der Ältere abrupt ab und verschwand im Proberaum, während Die perplex stehen blieb und ihm verdattert nachschaute. Da war der Schuss wohl nach hinten losgegangen. Er hatte Kaoru provozieren und vor den Kopf stoßen wollen - nun war er selbst derjenige, der sein Fett noch viel mehr wegbekommen hatte. Eines musste er dem Bandleader lassen: Er wusste sehr genau, wie er diejenigen angreifen und verletzen konnte, die ihn angriffen. Da hatte Tommy gute Arbeit geleistet, alle Achtung.

Doch noch immer verstand er nicht, was Inoue damit bezweckt hatte, Kaoru den Kondolenzstrauß der Band bestellen zu lassen. Kaoru hatte recht: Es war nicht nötig, ihm das alles immer wieder unter die Nase zu reiben, er litt so schon genug darunter. Vielleicht hoffte der Manager tatsächlich, Toshiya würde eher wieder auf Kaoru zugehen, wenn er mitbekäme, dass dieser die Blumen geordert hatte.

Da kannte er den Bassisten aber schlecht. Die wusste haargenau: Bis dieser den ersten Schritt machte, würden Monate vergehen. Toshiya war an sich ein Mensch, der nie lange böse und sich auch nicht zu schade war, jemanden um Verzeihung zu bitten, wenn er wusste, dass er unrecht hatte. Doch hier lag die Sache anders. Kaoru würde sich noch so oft entschuldigen können, Toshiya würde es nicht hören wollen. Er brachte es fertig, ihre Beziehung so lange auf einer rein geschäftlichen Ebene zu halten, bis er tatsächlich so weit war, seinem Widersacher verzeihen zu können.
 

Wütend und frustriert schlug Die mit der flachen Hand gegen die poröse Wand. Es tat weh, und ein paar kleine Blutstropfen quollen aus der hellen Haut.

Am liebsten hätte der Gitarrist sich nach Hause verzogen und wäre dort geblieben, bis wieder bessere Zeiten anbrachen. Doch in drei Tagen startete ihre Tournee. Es gab noch ein paar Sequenzen, die einfach nicht klappen wollten und die sie üben mussten, bis sie saßen. Dementsprechend ungelegen war Toshiyas Abwesenheit gekommen, aber wenn man ihn nicht an den Bestattungsriten für seine Großmutter hätte teilnehmen lassen, wäre er zusammengebrochen, bevor er beim Eröffnungsgig überhaupt den Fuß auf die Bühne gesetzt hätte. So ungern Tommy den Bassisten hatte nach Hause fahren lassen, es gab Dinge, denen widersetzte nicht einmal er sich. Im Gegenteil, er hatte richtig traurig und bedrückt gewirkt, als er vom Tode der alten Frau erfahren hatte. Vielleicht bestand ja die Chance, dass sein Herz noch nicht ganz erkaltet war.
 

Trotzdem war Die in dem Moment ums Heulen. Um sich und sein Unvermögen, zwischen den zerstrittenen Parteien zu schlichten. Über die Unmöglichkeit, die Zeit zurückzudrehen in die Jahre, wo alles noch in Ordnung gewesen war und sie alle ihren Spaß gehabt hatten. Was hätte er darum gegeben, wenn alles noch immer so einfach gewesen wäre wie damals.
 

Was hatte Toshiya einmal auf seinem Bass stehen gehabt? Where am I going? Und was noch? Da war mehr gewesen, aber Die konnte sich die Sätze beim besten Willen nicht mehr in Erinnerung rufen.
 

Wenn Toshiya gewusst hätte, dass er hier ankommen würde, hätte er sich je auf den Weg gemacht?
 

* * *
 

"Nun sagen Sie mir: War es Absicht?" Tatsurou drehte sein Weinglas abwartend zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger und schaute sie an. Er hatte zwanzig Minuten mit sich gerungen, ehe er sich endlich getraut hatte, die Frage zu stellen. Aber er wollte seine Vermutung endlich aus ihrem Mund bestätigt hören.
 

Eigentlich hatte er vormittags schon in der Praxis vorbeischauen wollen, doch dann hatte er es sich anders überlegt. Angenommen, sie wäre tatsächlich die Inhaberin des Umschlags. Und wiederum angenommen, der Inhalt eben dieses wäre wichtig und sie würde darauf bestehen, ihm sowas wie einen Finderlohn zu geben, könnte er sie dann nicht fragen, ob sie ihn wohl, gesetzt den Fall, sie hätte nach der Arbeit nichts vor, zum Abendessen begleiten würde?
 

Also war er erst kurz vor 17 Uhr vorbei gegangen und hatte am Empfang mit vor Aufregung feuchten Händen den Umschlag mit einer kurzen Schilderung des Sachverhalts abgegeben.

Als die junge Empfangsdame ihn gebeten hatte, doch kurz Platz zu nehmen, Frau Takahara hätte bereits nach eben dieser Sendung gesucht, sie würde sich bestimmt persönlich bei ihm bedanken wollen, hatte sein Herz einen freudigen Sprung getan.

Noch immer war nicht sicher, dass sie Emi Takahara war, aber irgendetwas sagte ihm, dass es nicht anders sein konnte.

Und doch wurde er noch nervöser, als sie dann tatsächlich vor ihm stand und ihm mit einem strahlenden Lächeln für seine Mühe dankte. Da müsse sie wohl sehr unachtsam gewesen sein, dass ihre eigene Post den Weg in seine Infounterlagen gefunden habe. Sie bitte ihn vielmals um Entschuldigung für all die Umstände.

Alles sehr förmlich, aber in ihren Augen blitzte der Schalk, fast so, als lache die junge Frau wegen der doch sehr ungewöhnlichen Szene in sich hinein.

Oder war sie aus einem anderen Grund so erheitert? War es ein Lachen des Stolzes auf sich selbst? War sie zufrieden mit sich, dass ihr Plan funktioniert hatte? Ja, fast so kam es Tatsurou vor, doch noch immer wagte er nicht wirklich an diese Möglichkeit zu glauben.

Vermutlich amüsierte sie sich darüber, wie blöd er war und wie einfach es ihr gelungen war, ihn dazu zu bringen, hinter ihr herzulaufen. Vielleicht hatte sie ja eine Wette mit dem Mädchen am Empfang laufen - das guckte schon ganz gespannt zu ihnen rüber.

Als sie dann aber gesagt hatte, sie wäre eigentlich gerade am Gehen gewesen, sie hätte jetzt nämlich Feierabend, ob er denn wohl schon etwas gegessen hätte oder ob sie ihn einladen dürfe, hätte er vor Freude einen Luftsprung gemacht. Sie hatte die Führung übernommen und ihm die Peinlichkeit erspart, sie fragen zu müssen.

Nicht ganz so begeistert, wie er sich tatsächlich gefühlt hatte, hatte er zugesagt, und nun saßen sie beide also in dieser trendigen Lounge und sein Kopf fühlte sich unglaublich leer an und beduselt vom Wein.

Vom Wein? Unmöglich, er hatte erst drei oder vier Schlucke getrunken. Was war mit ihm los, verdammt?
 

Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte Emis Lippen und sie nahm sich für seinen Geschmack viel zuviel Zeit zum Antworten. Als sie es dann tat, glaubte er zu hören, dass ihre Stimme zitterte, war sich jedoch nicht ganz sicher, ob er aufgrund des Beats der Musik einer Täuschung unterlag.
 

"Was wollen Sie hören? Ein Märchen oder die Wahrheit?" Sie nippte an ihrem Cosmopolitan und sah dabei, Tatsurou konnte kaum den Blick von ihr abwenden, ganz hinreißend aus.

"Wie wär's mit beidem?" Nun war es auch endlich mal an ihm, sie herauszufordern. Schließlich war er der Mann.

Emi biss sich kurz auf die Unterlippe. "Okay, die eine Geschichte ist: Gestern hatte ich meinen schlechten Tag, ich habe das so alle paar Wochen mal, und war so durch den Wind, dass ich den Umschlag völlig unbeabsichtigt zu Ihren Unterlagen gelegt habe. Eigentlich ist es mir jetzt auch total unangenehm mit Ihnen hier zu sitzen, denn ich finde Sie unsympathisch und ich bin nur nett zu Ihnen, weil ich Ihnen was schulde. In circa einer halben Stunde, wenn dieses Glas leer ist, werde ich aufstehen, Ihnen einen schönen Abend wünschen und für immer aus Ihrem Leben verschwinden."
 

Mit einem kurzen Blick auf den jungen Mann prüfte sie seine Reaktion auf das Gesagte, doch er ließ sich nichts anmerken.
 

"Die andere Geschichte wäre diese: Der Tag gestern war scheiße, wirklich. Am liebsten hätte ich mich zuhause verkrochen und wäre gar nicht erst aufgestanden. Wie bereits erwähnt, geht's mir ab und zu so. Es wäre allerdings schade gewesen, wäre ich gestern zuhause geblieben, denn irgendwann im Laufe des Nachmittags kam ein Patient, der - das klingt peinlich, aber es war nun mal so -, mir so gefallen hat, dass ich vom ersten Moment an wusste: Den will ich kennenlernen. Nur, wie anstellen? Es ist uns im Normalfall nicht erlaubt, Patienten privat zu treffen. Was also sollte ich tun? Wie ich so ein paar Rezepte ausstellte und nebenbei Unterlagen für ihn , sah ich diesen Brief in meinem Fach liegen und irgendwie, beinahe ohne mein Zutun, war er schon unter die ganzen Broschüren gerutscht. Ganz seltsam, fast so, als hätte er mein Dilemma gespürt und sich selbstständig gemacht. Nachdem ich dem jungen Mann die Unterlagen ausgehändigt, mich von ihm verabschiedet und ihn durch die Tür verschwinden gesehen hatte, fühlte ich mich leer. Fast so, als wäre etwas, das zur Vervollständigung meines Seins beitragen konnte, da gewesen und mir gewaltsam wieder entrissen worden. Ja, so fühlte sich das an. Kennen Sie dieses Gefühl? Und diese Sicherheit? Genau zu wissen, dass ein bestimmter Mensch nur für einen ganz allein da ist?"
 

Wie in Trance nickte Tatsurou und nahm einen weiteren Schluck Wein. Das konnte doch alles nicht wahr sein. "Sie meinen, diese Elektrizität, die im Körper Funken sprüht?"
 

Emi strahlte.

"Ja, ja, genau die! Witzig, ich habe bisher nicht viele Menschen getroffen, die sie auch kennen. Bei den meisten bedarf es genauerer Erklärung. Wie dem auch sei, als ich gestern nach der Arbeit zuhause war, musste ich nonstop an den Kerl denken. Können Sie sich das vorstellen? Ich hatte den gerade mal eine Viertelstunde meines Lebens in meiner Nähe gehabt und schon hatte er mich voll und ganz in seiner Gewalt. Als ich mich, wie ich im Bad saß, fragte, was genau an ihm mir denn so gefallen hatte, fand ich keine Antwort. Alles - und auch nichts, hätte sie wohl im besten Falle gelautet."
 

Nach einem weiteren Schluck beugte sie sich in geräumigen Ledersessel vor und zwinkerte Tatsurou verschwörerisch zu.
 

"Schon im Bad musste ich anfangen, mich selbst zu befriedigen. Es ging nicht anders. Wenn ich es nicht getan hätte, wäre ich wohl gestorben. So sehr wünschte ich mir, er wäre in dem Moment bei mir."
 

Geschockt zog der Sänger die Augenbrauen hoch. Er saß hier in einer Lounge, die sich immer mehr mit jungen, schönen, gut angezogenen Menschen füllte, mit einer Frau, die er gerade mal einen Tag kannte und die ihn wahrscheinlich um den Verstand bringen würde, und hörte sich an, wie sie vom Onanieren sprach. Wahnsinn. Surreal, denn etwas in ihm wollte noch immer nicht wahrhaben, dass er derjenige war, der...aber verdammt, es war geil!
 

"Letzte Nacht hatte ich drei Orgasmen! DREI! Gemessen an der Tatsache, dass ich es mit meinem Lieblingspartner auf grad mal zwei nacheinander gebracht hab und das auch nur einmal in den ganzen fünf Jahren, sind drei Orgasmen, die man ohne Partner durch pure Fantasie erlebt doch eigentlich...", hier machte sie eine Denkpause und suchte nach Worten, "...ganz außergewöhnlich, oder?!"
 

Tatsurou konnte nicht mehr als zustimmend nicken.

"Hören Sie, diese Geschichte klingt zu schön um wahr zu sein. Aber wenn es Sie beruhigt, ich bin letzte Nacht auch ein paar Mal gekommen."

Hier grinste er nur frech und jungenhaft und blinzelte.
 

Mit einem erlösten Lachen hob sie ihr Glas und prostete ihm zu. "Okay, dann denke ich, wäre es jetzt an der Zeit, dass wir zum Du übergehen und du mir Näheres zu deinen Fantasien und deren Ursache erzählst...".
 

* * *
 

"Und, wie lief's? Wie geht's Yumi?"

Am Seufzen ihrer Freundin konnte Chieko die Antwort schon erahnen, bevor sie kam.

"Ihr geht's gut. Aber sie wollte mich nicht sehen - auch nicht als Freundin."

"Das tut mir leid." Chieko wusste nicht recht, was sie sagen sollte, ergriff jedoch, als Akiko schwieg, doch wieder das Wort. "Ich hab sie falsch eingeschätzt, sorry. Ich dachte wirklich, sie würde sich trotzdem freuen, wenn du ihr gratulieren würdest. Aber jetzt, wie ich so drüber nachdenke, merke ich, wie dumm das war."

"Ach, vergiss es, ich hätte auch drauf kommen können, schließlich kenne ich Yumi schon ein paar Jahre. Es war völlig respektlos von mir, anzunehmen, dass sie mich sehen will. Mich, die blöde Schlampe, die ihr Kaoru ausgespannt hat."

Kyos Freundin am anderen Ende der Leitung suchte wieder nach geeigneten Worten, um zu widersprechen, als sie hörte, dass Akiko gar keinen Widerspruch hören wollte.

"Gib dir keine Mühe, es ist schon okay. Ich verdiene es, zu leiden."

Dies klang so bestimmt und endgültig, dass Chieko beschloss, nicht mehr weiter auf das Thema einzugehen.

"Aber dem Baby geht's gut? Hast du es gesehen?"

"Ja, Kaoru hat mir seine Aiko gezeigt. Er ist so stolz. Und sie ist ein ganz außergewöhnlich hübsches Kind. Wirklich. Ich glaube, sie wird Yumis Augen haben. Und vielleicht Kaorus Nase." Jetzt klang Akikos Stimme zärtlich, und Chieko wurde klar, wie lieb ihre Freundin die Tochter ihres neuen Liebhabers haben musste, jetzt schon, wo sie doch gerade erst auf die Welt gekommen war.

"Chieko, hast du dir je gewünscht, Kinder zu haben?"

"Nein, bisher nicht. Aber das kann ja noch kommen."

"Ich wünschte, Aiko wäre Kaorus und meine Tochter."

"Bist du sicher, dass es das ist, was du willst? Vielleicht ist es ganz gut so, dass du noch keine Kinder hast. Du fühlst dich doch nie wohl, wenn du an einem Ort sesshaft werden musst."

"Was hat sesshaft sein mit Kinder haben zu tun?"

"Ich weiß nicht, vielleicht bin ich altmodisch, aber...ich finde, wenn man eine Familie hat, sollte man bereit sein, seine Wünsche hinten anzustellen und nur noch für die Kinder da zu sein."

"Willst du damit sagen, ich wäre keine gute Mutter?" Akikos Stimme klang auf einmal bedrohlich ruhig.

"Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht solltest du mit dem Familie gründen warten, bis du beruflich das erreicht hast, was du willst. Ich denke, es ist ganz gut, dass du in Zukunft mit Kaoru zusammen auch mal für die Kleine sorgen kannst - es könnte dir helfen, herauszufinden, was du tatsächlich willst."

"Ja, vielleicht hast du recht. Sorry. Ich bin wirklich empfindlich im Moment."

"Musst dich nicht entschuldigen, ich versteh dich doch. Einen Mann zu teilen, ist nie einfach."

"Da sagst du was. Ich wünschte mir wirklich, ich hätte Kaoru für mich."

"Hast du doch eigentlich auch."

"Sollte man meinen. Aber Yumi ist die Mutter seiner Tochter, er war so lange mit ihr zusammen, so schnell kann er sie nicht vergessen."

"Klar, aber er hat sich für dich entschieden, oder?"

"Ja, schon. Aber warum fühle ich mich dann trotzdem so unsicher?"

"Weil dir klar ist, dass es nicht richtig war, Toshiya und Yumi dermaßen zu verletzen. Aber ihr könnt es nicht mehr ändern. Warum also weiter immer und immer wieder dran denken? Dass es euch beschäftigt, ist gut so. Vermutlich würde etwas mit euren Gewissen nicht stimmen, wenn's nicht so wär. Aber genießt doch nun einfach euer Zusammensein." Wer weiß, wie lange es hält , fügte die junge Frau in Gedanken an.

"Ja, das möchte ich ja auch. Nur war er heute den ganzen Tag beim Proben und jetzt ist er im Krankenhaus. Morgen und übermorgen wird's genau gleich sein - und danach ist er weg. Toll, oder?"

"Aber das war doch mit Toshiya auch so."

"Nein, Toshiya war nicht Vater geworden und er kam abends meistens nach Hause."

"Es wird Zeit, dass du wieder arbeitest - du bist ja schon ganz verbittert."

"Nächste Woche."

"Na siehste. Und für die Zeit bis dahin kannst du dich ja auch mal wieder mit deinen Freundinnen verabreden."

"Soll dies ein Wink mit dem Zaunpfahl sein?" Akiko klang belustigt.

"Wohl eher einer mit nem Betonpfeiler. Was meinst du? Wir waren schon so lange nicht mehr zusammen weg. Wir können ja auch Yoshie fragen. Und Sachi. Und alle nehmen ihrerseits noch ein paar Leute mit."

"Klingt verlockend."

"Wenn uns unsere Kerle allein lassen, müssen wir uns halt selbst was einfallen lassen."

"Stimmt. Kannst mir ja dann sagen, wo und wann und so, ja?"

"Klar. Sag mal, fast hätt ich's vergessen, hast du Toshiya angerufen? Wegen seiner Großmutter, meine ich?"

"Nein, aber Kaoru hat heute Blumen in meinem Namen geschickt. Glaube kaum, dass Toshiya jetzt mit mir reden will."

"Ja, verständlich. Armer Kerl."

"Allerdings. Mein erster Impuls war, zu ihm nach Hause zu fahren und ihn zu trösten. Dann fiel mir ein, dass ich ja gar nicht mehr mit ihm zusammen bin. Ganz schön blöd, was?".

Chieko gab ein zustimmendes "Hmmm" von sich. "Irgendwie bestätigt sich damit einmal mehr die Theorie, dass, wenn denn schon mal was schief läuft, gleich alles schief läuft."

"Ich hoffe, dass sein Leben bald wieder besser wird. Sowas hat er nicht verdient."
 

* * *
 

Es war lange nach Mitternacht und er tigerte immer noch durch das Haus. Sein Zuhause. Hier war er aufgewachsen. Hier fühlte er sich sicher und geborgen. In allen Zimmern standen noch dieselben Möbel wie vor gut zehn Jahren, als er ausgezogen war. Ein paar neue Bilder Aquarellbilder hatte seine Mutter sich zugelegt und im Wohnzimmer hing eine nagelneue Gebetsrolle. Aber sonst hatte er noch nicht viel Neues entdeckt.
 

Zärtlich strich er im Vorbeigehen über die Kommode aus Kirschholz. Vor der Gebetsrolle brannten immer noch die Kerzen. Sie würden die ganze Nacht brennen.
 

Toshiya kniete sich vor den Schrein.
 

Die Zeremonie kam ihm schon so weit weg vor, dabei hatte sie vor gerade mal zwölf Stunden stattgefunden.
 

Es war so unwirklich, dass er Oma nie mehr wiedersehen würde.
 

Am späten Nachmittag, nachdem die Gäste gegangen und nur noch enge Familienmitglieder im Haus gewesen waren, hatte er sich mit seiner Mutter in die Küche zurückgezogen und dort mit ihr geweint. Hauptsächlich um die Verstorbene, aber auch um sich selbst. Und um sein verlorenes Glück mit Akiko.
 

Wie hatte er so viel Pech auf einmal verdient? Was hatte er falsch gemacht? Was wollte ihm das Schicksal damit sagen?
 

Mit Tränen in den Augen erhob er sich, verließ das Wohnzimmer und machte sich durch die dunklen Räume auf zurück in sein altes Zimmer. Auch hier war noch alles so, wie er es damals verlassen hatte. Er hatte seinen Eltern immer gesagt, sie könnten das Zimmer räumen und neu einrichten, er brauche es ja doch nicht mehr. Aber in dem Moment war er froh, sich in diese vertrauten vier Wände zurückziehen zu können, wo alles noch nach seiner Kindheit roch, selbst nach all den Jahren.
 

Im Gästezimmer eine Tür weiter, ratzte Inoue vor sich hin. Er konnte ihn durch die dünnen Wände hören. Ein Eindringling in dieser schönen, heilen Welt. Tommy hatte es sich nicht nehmen lassen, Toshiya den Manager als Aufpasser mitzuschicken. Es hätte ja sein können, dass der Bassist auf einmal gleich da blieb und die Tour platzen ließ. Haha.
 

Toshiya schüttelte den Kopf. Dass er die lange Zugfahrt nicht alleine hatte bestreiten müssen, war ihm nicht ungelegen gekommen, aber warum Inoue? Okay, er musste zugeben, die Reise war dann doch angenehmer gewesen, als er es sich vorgestellt hatte. Inoue hatte sich allergrößte Mühe gegeben, sich mit ihm zu unterhalten. Auf ihn einzugehen. Ihn auf andere Gedanken zu bringen. Aber woher konnte er wissen, ob das Interesse tatsächlich echt gewesen war oder nur ein weiteres Täuschungsmanöver?
 

War es nicht schrecklich, dass man sich, egal, mit wem aus dem Management oder der Crew man sich unterhielt, fragen musste, ob diese Person mit offenen Karten spielte oder nicht?
 

Toshiya schaltete das Licht ein und setzte sich auf den Futon.

Auf dem Tisch neben dem Fenster standen die Blumensträuße, die für ihn gekommen waren. Einer von der Band. Einer von Akiko.
 

Er vermisste sie so sehr. Sie hätte ihm die Trauer um seine Großmutter zwar nicht nehmen, aber doch wenigstens erleichtern können. Sie hätte an Inoues Stelle mit ihm hier sein sollen. Stattdessen lag wie wohl grad in Kaorus Bett.
 

Schnell stand Toshiya wieder auf, war in zwei großen Schritten beim Fenster, riss es auf und inhalierte tief die frische Luft, bevor sich noch mehr Hass und Groll in ihm breit machen konnten. Nach zehn Atemzügen war sein Kopf wieder leer. Er durfte nicht mehr an Akiko denken. Er musste vorwärts blicken und vergessen, was gewesen war.
 

Als er vom Fenster zurücktrat und die Flügel gerade wieder schloss, fiel sein Blick auf die Ecke zu seiner Linken. Dort stand sein alter Bass. Irgendwann hatte er ihn bei einem Besuch mit hierher genommen und gleich da gelassen, weil er sich ein neues Instrument zugelegt hatte.
 

Der junge Mann streckte den Arm aus und umfasste zärtlich, beinahe ehrfürchtig den schlanken Hals und hob den Bass aus der Halterung. Warum hatte er ihn nicht in eine Hülle gesteckt? Er war ganz staubig. Bestimmt würden die Saiten platzen, sobald er sie anschlug.
 

Vorsichtig wischte Toshiya den Staub weg, bis das Instrument wieder glänzte. Dabei entdeckte er an der Hinterseite des Halses etwas, woran er schon gar nicht mehr gedacht hatte.
 

You told me a lie and like killing me softly

Let me destroy all the reward to you!

Let me finish myself...

So, where am I going?!
 

Er hatte diesen Spruch vielleicht vor zwei Jahren geschrieben. Nach einer Auseinandersetzung, die die Band mit Tommy gehabt hatte. Umso mehr erschrak er sich nun, als ihm auffiel, wie gut die Worte auch zu seiner jetzigen Situation mit Akiko passten.
 

Where am I going?
 

Dies fragte er sich auch jetzt wieder - und fand keine Antwort.

Er wusste nur, dass es weitergehen würde. Irgendwie. Und dass der Schmerz weg sein würde. Irgendwann.
 

* * *
 

"Emi?!" Tatsurou trat beiseite und ließ seine neue Freundin eintreten. Es war fast Mitternacht, was sollte das? Verwirrt blickte er seinen Gast an.

Strahlend näherte sich die junge Frau, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und schwenkte ein A4-Blatt vor Tatsurous Nase hin und her.

"Was denkst du, was ich hier habe?"

Das Herz des Sängers tat einen Sprung. Jetzt schon? Er hatte erst in zwei Tagen mit dem Ergebnis gerechnet. Sofort wollte er ihr das Papier aus der Hand reisen, doch sie war schneller und versteckte es hinter ihrem Rücken.

"Was meinst du: Würde ich um die Zeit hier auftauchen, wenn ich schlechte Nachrichten hätte?"

Ganz verdattert schüttelte Tatsurou den Kopf und sah entgeistert zu, wie Emi das Blatt los ließ und anfing, ihren langen, roten Mantel aufzuknöpfen.

Was darunter zum Vorschein kam, sorgte dafür, dass der Sänger für drei Sekunden den Mund nicht zukriegte.

"Komm, zur Feier des Tages lasse ich deine Fantasien wahr werden...".
 

+ + +
 

Gedicht © Toshiya
 

Anmerkung: Ich bin nicht sicher, ob das Gedicht tatsächlich von Toshiya persönlich stammt. Viele behaupten dies, und bis vor kurzem habe ich es auch geglaubt, aber dann habe ich irgendwo gelesen, dass die Worte angeblich aus EVANGELION stammen. Vielleicht kann jemand Licht ins Dunkel bringen?



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Kommentare zu diesem Kapitel (5)

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Von:  Stormborn
2006-03-22T09:55:47+00:00 22.03.2006 10:55
*ggg*
Ich mag Emi XD~ Das is ne Frau für Tata-sama *lol*
Dir en Grey tun mir Leid...*seufz*
Aber es ist wieder einmal ein tolles Kapitel <3
Die Interaktion zwischen deinen Charakteren ist so lebensnah geschrieben und man kann die Reaktionen der einzelnen gut nachvollziehen ohne das du in irgendwelche Klischees abrutscht.
Und irgendwie werd ich die Geschichte vermissen wenn sie vorbeit ist.
*knuddel*
Tolles Kapitel <3
Von: abgemeldet
2006-03-17T21:47:11+00:00 17.03.2006 22:47
haham ich mag diese ärztin/arzthelferin! eine wirklich sympatische frau^^
eigentlich habe ich nur noch mitleid mir dir en grey- aber das ist im wahren leben auch nicht anders..denn ich denke tatsächlich, dass sie nicht mehr die freude beim musizieren empfinden, wie noch vor ein paar jahren, eine auszeit täte vielleicht ganz gut T_T

und ich sehe gerade...hast du heute das letzte kapitel hochgeladen??? so schnell...ich-ich habe nun wirklich...oh nein, ich mag gar nicht dran denken...
Von: abgemeldet
2006-03-17T21:11:00+00:00 17.03.2006 22:11
ich liebe die stelle als emi tatsurou sagt, dass sie wegen ihm DREI orgasmen hatte, hahaha = genial :3

ansonsten wieder ein wunderbares kapitel, ich liebe die story immer mehr.
Von: abgemeldet
2006-03-17T12:18:35+00:00 17.03.2006 13:18
*nich weiß was sagen soll*
*drop*
Hach Eury.... das Kapi is mal wieder.. ganz toll geworden...>_<
Auch wenns traurig is wenn man sieht wie sich die Mitglieder immer weiter von einander entfernen....
*seufz*
Aber~ ich gönn Tata-sama sein Glück XD Die Überraschung is Emi wohl wirklich gelungen! *kicher*
Nya~ bin mal gespannt.. was weiter passiert...
Is ja bald zuende.... *schnüff*

Ah~ und zu dem Gedicht... o.O Is mir nich aufgefallen.. ich hab so fast alle Folgen von EVANGELION grad erst gesehen gehabt... mir fehlen nur noch zwei xD
Von: abgemeldet
2006-03-16T19:53:20+00:00 16.03.2006 20:53
ich wusste bis jetzt noch gar nicht dsa toshiya diese worte auf seinen bass stehen hat ^^'
hachja vV *schnüff*... zu dem diru debakel sag ich lieber gar nix mehr vV .. wenn ich mir vorstell dass es dsa wirklich geben 'kann' denk ich shcon schlimme sachn ^^'
diese emi is mir suspekt xD... na ja vllt findet er ja sein glück in ihr ....


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