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Akai Tsuki no mukou ~ Beyond the Red Moon

Eine Dir en grey-/Merry-/MUCC-/Kagerou-Story / Final chapter 24 uploaded!
von

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13. [Acala]

Seine Finger knackten als Inoue seine Hände ergriff und mit der Massage begann.

Die Beine von sich gestreckt hing der ältere Gitarrist vielmehr im Stuhl als dass er sass.

"Kommst du klar?".

Er wusste genau, dass Inoues Frage nicht auf Mitgefühl gründete. Und doch waren er und Tommy die einzigen, die regelmässig nach seinem Befinden fragten. War er den anderen so gleichgültig geworden?

Mit einem Nicken bedeutete er dem Manager, dass alles in Ordnung sei.

Dieser liess nun Kaorus rechte Hand sinken und griff nach der linken.

"Du machst echt Die Konkurrenz."

Sofort blickte Kaoru auf und musterte sein Gegenüber forschend.

"Inwiefern?".

"So kalte Hände hat sonst nur er."

"Kunststück - es ist eiskalt hier drin."

Der Gitarrist liess sich noch tiefer in den Stuhl sinken, um seiner Jacke so viel Wärme wie nur möglich abzutrotzen.

"Heizung ist defekt. Wir versuchen, ne kleine Wiedergutmachung vom Veranstalter zu kriegen."

Kaoru zog die Augenbrauen hoch. Na toll, das würde ihnen viel bringen.

Doch er nickte pflichtbewusst und brachte sogar ein gemurmeltes Danke über die Lippen.

"Warum sagst du den anderen eigentlich nicht, was los ist?".

Sieh an, Inoue hatte also doch Augen für das Wesentliche.

Ein Seufzen entrang Kaorus Kehle.

"Will sie nicht unnötig beunruhigen. Sie werden's schon noch erfahren. So schlimm ist es ja nicht...".

Er sah dem Manager an, dass er ihm dies nicht abkaufte. Sah ihm an, dass er wusste, dass dies bloss die halbe Wahrheit war. Doch in Inoues kleinen Schweinchenaugen stand auch die Erkenntnis, dass Kaoru ihm den Rest der Wahrheit vorenthalten würde. Auf einmal wirkte der Manager trotz seiner Körperfülle sehr klein und verletzlich. Dass Kaoru sich immer mehr von ihm abwandte, musste ihn höllisch schmerzen. Er ertrug es nicht, die Kontrolle zu verlieren. Hatte es nie ertragen. Aber Kaoru hatte sich vorgenommen, ihn diesen Kampf nicht gewinnen zu lassen.

Und auch dies wusste Inoue.

Irgendwann würde er sich grausam an ihm rächen, damit musste Kaoru rechnen. Blieb nur zu hoffen, dass dieser Zeitpunkt noch sehr fern war.

"In einer Viertelstunde ist Showtime."

Mit diesen Worten erhob sich Inoue und liess den Gitarristen allein zurück.
 

Aus der Garderobe nebenan ertönte Dies trockener Husten.

Kaoru hatte ihn die ganze Nacht über gehört, obwohl die Wände des neu gebauten Hotels angeblich sehr gut isoliert waren. Dass er nicht lachte.

Auf der Fahrt hierher hatte Dies Anblick ihn verfolgt. Wann immer er konnte, hatte er sich einen Platz weit weg von dem grossen, schlaksigen Gitarristen gesucht und war deswegen von Toshiya mit bösen Blicken gestraft worden.

Auch jetzt, als dieser wie aus dem Nichts plötzlich in der Tür auftauchte, stand in seinen Augen ein stummer Vorwurf.

"Warum hast du ihm die Tabletten nicht gegeben?".

Eiskalter Unterton.

Kaoru wusste, dass lügen zwecklos war. Also zuckte er nur die Schultern, stand auf und zog die Jacke aus. Er musste ein letztes Mal vor dem Auftritt sein Outfit checken.

"Egal, was zwischen euch ist, das hat er nicht verdient!".

Der Bassist versuchte, seine Stimme nicht zu laut werden zu lassen. Die Aufmerksamkeit der Crew auf sich zu lenken, war das Letzte, was sie beide wollten.

Der Gitarrist betrachtete sich eingehend im Spiegel, zupfte an seinem Hemd, richtete seine Krawatte, überprüfte ein letztes Mal sein Makeup.

"Ich habe eure Gleichgültigkeit auch nicht verdient. Von Die vielleicht, aber nicht von euch anderen."

Damit drängte Kaoru sich am Bassisten vorbei raus auf den Gang, wo einige der Crewmitglieder schon nervös rumwuselten und somit die Bandmitglieder ebenfalls ganz kirre machten.
 

Um Toshiya die Gelegenheit zu nehmen, noch weiter auf ihn einzureden und ihn mit Fragen zu löchern, steuerte der Leader geradewegs auf Kyo zu, der an die Wand gelehnt dastand und seine Taschen nach Zigaretten absuchte, die bestimmt in irgend einer Garderobe vergessen rumlagen.

Wortlos hielt der Gitarrist ihm eine hin und steckte sich ebenfalls eine an, nachdem der Sänger nach dem ihm offerierten Nikotinspender gegriffen hatte.

"Freust du dich auf die Pause?".

Kyo nickte lächelnd.

"Ja, doch.".

"Schon seltsam, wie sich alles ändert, sobald zuhause jemand auf einen wartet, was?!".

Kaoru schenkte ihm ein Grinsen und zog an seiner Mild Seven.

Der Sänger fühlte sich ertappt und sein Lächeln wurde nervös.

"Ach, ich werd sie wohl erst übermorgen sehn - sie meinte, ich solle mich erst ausruhen."

"Wie uneigennützig von ihr...".

Anzügliches Zwinkern.

"Baka!".

"Noch 5 Minuten!"

Inoues Stimme hallte durch die Gänge. Die Crew machte immer mehr den Eindruck als seien sie als Menschen getarnte Ameisen.

Doch Kaoru und Kyo waren durch jahrelange Bühnenerfahrung zu abgebrüht, um sich davon ernsthaft nervös machen zu lassen.

Stattdessen standen sie weiter ganz cool da und rauchten in aller Ruhe ihre Zigaretten zuende.

Eine der vielen Türen öffnete sich und Toshiya trat in Begleitung eines sehr blassen Die heraus. Durch die schwarz umrandeten Augen kam die fahle Haut noch besser zur Geltung. Bei genauerem Hingucken erkannte Kaoru auch die feinen Schweissperlen auf der Stirn des Gitarristen.

Hastig schmiss er seine Zigarette zu Boden, trat sie mit dem rechten Fuss aus und machte sich auf zum Bühnenaufgang.

Der Anblick des kranken Die verursachte ihm Übelkeit.
 

* * *
 

Das Geschrei der Fans war ohrenbetäubend.

Es drang durch jede einzelne Faser seines kleinen Körpers und pushte ihn zu immer grösseren Anstrengungen.

Heute forderte er seiner Stimme alles ab. Er durfte. Vor ihnen lagen 4 Tage Pause. Genug Zeit, sich zu schonen. Hier und jetzt konnte und wollte er alles geben.
 

Er schrie als ginge es darum, damit sein Leben zu retten.

Pures Adrenalin jagte durch seine Adern.

Seine Brust war feucht von Schweiss und Blut. Er wusste, dass seine immer wieder von Neuem aufgekratzten Wunden nach dem Konzert brennen würden wie die Hölle, doch noch kümmerte ihn dies nicht.
 

In den zwei Stunden, wo sie auf der Bühne standen, fühlte er sich wie ein göttliches Wesen, das den Menschlein da unten die Erleuchtung bringen sollte.

Also bemühte er sich, sie nicht zu enttäuschen, und überbrachte ihnen seine Botschaften.
 

Zu seiner Rechten malträtierte Toshiya seinen Bass. Selbstvergessen. Auch er in seiner eigenen Welt. Und doch ein Teil von ihm, während sie hier oben standen und ihre Musik spielten.
 

Egal, was vor den Konzerten war, sobald sie vor ihren Fans standen, wurden sie zu einer untrennbaren Einheit. Verschmolzen durch Jahre der Freundschaft, des Zusammenhaltens, des gemeinsamen Erschaffens. Zusammengeschweisst durch viele Tiefs und schwere Stunden.
 

Brüder - für immer und ewig.
 

Egal, was kommen mochte.
 

Selbst die ganzen angestauten Probleme, unausgesprochenen Vorwürfe, zwischenmenschlichen Differenzen verwandelten sich während seiner Ekstase zu Tand.
 

Das Erwachen danach war meist schrecklich.
 

Die Wahrheit war etwas, das er gerne weiter verdrängt hätte.
 

Doch er wusste, sie holte sie alle immer wieder ein.
 

Nicht daran denken. Jetzt noch nicht. Ja nicht die Einheit zerstören.
 

Kaoru headbangte mit geschlossenen Augen vor sich hin. Als wäre sein Kopf für ihn Ersatz eines Taktstocks. Seine Finger glitten über die Saiten, brachten mit traumwandlerischer Sicherheit die richtigen Töne hervor.
 

Ab und zu hob er den Kopf, schenkte Kyo und Toshiya ein kurzes, kaum wahrnehmbares Lächeln, warf einen prüfenden Blick nach links, wo Die sich bemühte, seinen Job so gut wie möglich zu machen.
 

An einigen Blicken der Fans in den vorderen Reihen erkannte Kyo, dass auch ihnen nicht verborgen blieb, dass der Gitarrist zu seiner Linken nicht ganz auf dem Damm war. Er hatte einige der Gesichter erkannt. Mädchen und junge Frauen, die schon seit Jahren zu ihren Konzerten kamen. Sie mussten es wissen. Ganz besonders die eine da.
 

Kein Wunder, dass sie ohne weiteres erkannt hatten, wie schlecht es Die ging.
 

Irgendwann, mitten in einem Song, setzte Toshiya sich in Bewegung und gesellte sich zu Die. Aus den Augenwinkeln konnte Kyo sehen, wie der Bassist Die den Arm um die Schulter legte und ihm ein "Daijoubu?" ins Ohr schrie, während die laute Musik und Shinyas Rhythmus immer noch durch ihrer aller Blutbahnen pulsierte.
 

* * *
 

"Wie mach ich mich?", brachte der kranke Gitarrist zwischen zwei Hustenanfällen hervor und trank gierig das ihm angebotene Wasser.

Der Glanz in seinen Augen und die Gänsehaut, die seine sehnigen Arme bedeckte, zeugten von dem Fieber, das in ihm brannte.

"Super, du machst das super!".

Toshiya trat von hinten an ihn ran und gab ihm einen sanften Klaps auf die Schultern.

Der Gitarrist schenkte ihm ein dankbares Lächeln und spülte zwei Pillen runter, die hoffentlich sein Fieber senken würden.

"In fünf Minuten müssen wir wieder raus...", informierte ihn der Bassist, bevor er auf den Gang raustrat und sich zu Kaoru gesellte.

"Nun, schenkt es dir Genugtuung, ihn so zu sehen?".

"Toshiya, ich...".

"Ich versteh dich nicht! Das hat er nun wirklich nicht verdient...".

"Meine Tabletten hätten ihm wohl eh nicht helfen können...".

"Darum geht's nicht! Es geht ums Prinzip."

Toshiya sah ihm fest in die Augen, während er ihm dies sagte.

"Es tut mir leid...".

Beinahe unhörbar.

"Wie war das?!".

Der Bassist beugte sich zu dem Gitarristen runter und nahm seinen Blick noch fester gefangen.

"Es tut mir leid!".

Lauter.

"Das solltest du nachher ihm sagen. Er braucht dich, Kaoru. Nicht dein Mitleid, nicht deinen Trost - sondern schlicht und einfach dich. Zieh dich nicht vor ihm zurück...".

"Weiss er...?".

"Was? Dass du ein Arschloch bist? Dass die Tabletten in deinem Koffer vor sich hingammeln und du sie ihm aus Gehässigkeit nicht gegeben hast?".

Pause.

Kaorus Atem ging schneller, während er drauf wartete, dass Toshiya fortfuhr.

"Nein, nein, er weiss es nicht. Das solltest du ihm schon selbst sagen - wenn du dich traust!".

Die Härte in den Augen des Bassisten liess das Blut in Kaorus Adern gefrieren.
 

* * *
 

Zieh dich nicht vor ihm zurück...

Das solltest du ihm schon selbst sagen - wenn du dich traust!
 

Toshiyas Worte klangen in ihm nach, als er wieder auf der Bühne stand und seiner Gitarre die Töne entlockte, die die Fans unter ihnen in Hysterie ausbrechen liessen.
 

Wenn es doch nur so einfach wäre.

Es war so vieles passiert die letzten Monate und Jahre und niemals hatten sie drüber geredet. All dies liess sich nicht einfach in wenigen Stunden aus der Welt schaffen.

Aber wenigstens einen Anfang konnten sie wagen.

Auch wenn Die fieberte und wohl gleich nach dem Konzert pennen wollte, wusste Kaoru, dass er noch heute mit ihm reden musste. Schon morgen würde er wohl nicht mehr den Mut dazu haben.
 

Verzeih mir, Die, bitte verzeih mir!
 

* * *
 

Um 22 Uhr, als die Bandmitglieder sich alle abgeschminkt, geduscht und ihre Sachen zusammengepackt hatten, verliess der Night Liner Hiroshima. Wenn sie ohne grössere Staus und Probleme durchfahren konnten, würden sie am frühen Vormittag bereits in Tokyo sein.
 

Ihre Roadies waren immer noch dabei, die Bühle abzubauen, sie würden erst am nächsten Tag abfahren und die Nacht noch in Hiroshima verbringen. Auch einige andere Crew-Mitglieder hatten sich wegen des Platzmangels im Night Liner entschlossen, diese Nacht doch lieber im Hotel zu übernachten.
 

Die Bandmitglieder jedoch hatten das Privileg, zusammen mit ihren Managern, den Leuten von der Security und den beiden Mädels von [aknot] im grossen Bus zu fahren und wussten dies sehr wohl zu schätzen. Vermutlich hätten auch sie eine ruhigere Nacht im Hotel verbracht, denn an schlafen war in dem Bus, trotz allem Komforts, kaum zu denken. Aber sie alle freuten sich darauf, in nur wenigen Stunden bereits in Tokyo zu sein und sich dann dort so richtig entspannen zu können, bevor sie sich auf den zweiten Teil dieser Tour begeben mussten.
 

Kaoru hatte es sich in seinem Sitz gemütlich gemacht und starrte hinaus in die vorbeiziehende Dunkelheit.

Er war müde, doch er er vor Mitternacht noch etwas zu erledigen hatte. Er musste nur noch den richtigen Zeitpunkt abwarten.
 

Zwei Reihen vor ihm säuselte Shinya irgendwelche Worte in sein Keitai. Die Fahrgeräusche des Busses waren zu laut, als dass Kaoru Einzelheiten hätte raushören können, doch er konnte sich lebhaft vorstellen, was der Schlagzeuger seiner Liebsten zuflüsterte.
 

Er selbst hatte Yumi bereits während des Soundchecks am Nachmittag angerufen, um seine früher als erwartete Ankunft in Tokyo anzukündigen.
 

Vorgesehen war gewesen, dass sie diese Nacht alle noch in Hiroshima verbringen würden - doch dann hatten sie alle einstimmig beschlossen, dass es doch besser wäre, Die in seinem Zustand so rasch wie möglich nach Hause zu bringen.
 

Kaoru blickte sich um.

Hier vorne sassen nur er, Shinya, Inoue, Tommy und Emiko, eine der Fanclub-Angestellten. Kyo sass gemeinsam mit den Security-Jungs und Aya, dem zweiten [aknot]-Mädel, vorne an der Playstation und spielte. Auch wenn der Sänger berühmt dafür war, sofort und problemlos an allen möglichen Orten einschlafen zu können, nach Konzerten war auch er oft noch viel zu kribbelig und aufgedreht dafür. Erst musste sich das beim Gig ausgetretene Adrenalin wieder verflüchtigen, dann vielleicht, irgendwann lange nach Mitternacht, würde Kyo endlich schlafen.
 

Toshiya und Die waren nirgends zu sehen.

Was bedeutete, dass der Gitarrist sich vermutlich auf dem Sofa im hinteren Teil des Wagens hingelegt hatte und der Bassist ihm Gesellschaft leistete.

Also hiess es noch warten. Kaoru wollte unbedingt alleine mit Die reden.
 

Der Bandleader wühlte in seiner Umhängetasche und brachte schliesslich seinen Discman zum Vorschein. Wenn er schon warten musste, konnte er dazu wenigstens gute Musik hören.
 

Shinya telefonierte immer noch.

Was zum Teufel hatte er Akemi wohl zu sagen, das nicht bis morgen warten konnte?!

Hatten sie am Ende Telefonsex?

Bei dem Gedanken wäre Kaoru am liebsten in lautes Lachen ausgebrochen, doch er konnte sich zurückhalten.
 

Die Stimme von Johnny Cash drang aus den Kopfhörern an sein Ohr.

So sehr er im allgemeinen Rockmusik liebte, je härter desto besser, manchmal mochte er es doch ruhig. Besonders jetzt, wo er seine Gedanken sammeln und zur Ruhe kommen musste.
 

Well, you're my friend

And can you see

Many times we've been out drinking

Many times we've shared our thoughts

But did you ever, ever notice

The kind of thoughts I got?
 

Well you know I have a love

A love for every one I know

And you know I have a drive

For life I won't let go
 

But can you see this oposition

Comes rising up sometimes

This terrible imposition

Comes blacking in my mind
 

And then I see a darkness

And then I see a darkness

And then I see a darkness

And then I see a darkness
 

Did you know how much I love you

Yes I know that somehow you

Can save me from this darkness
 

Well I hope that someday buddy

We'll have peace in our lives

Together or apart

Alone or with our wives

And we can stop our whoring

And draw the smiles inside

And light it up forever

And never go to sleep

My best unbeaten brother

This isn't all I see
 

Oh no I see a darkness

Oh no I see a darkness

Oh no I see a darkness

Oh no I see a darkness
 

Did you know how much I love you

Yes I hope that somehow you

Can save me from this darkness...
 

Eine Hand auf seiner Schulter liess ihn aufschrecken.

Toshiya.

Sofort schaltete er das Gerät aus und puhlte die Kopfhörer aus seinen Ohren.

Fragender Blick.

"Er schläft noch nicht, wenn du magst...ich glaube, jetzt wär's ideal...".

"Danke, Toshiya."

Aufmunterndes Lächeln.

"Ganbatte. Ihn macht die Situation auch nicht glücklich, also...".

Der Bassist ging nach vorn, von wo Kyos und Ayas Gelächter erklang.
 

Der Gitarrist atmete einmal tief durch, erhob sich und wandte sich nach hinten.

Während er den Gang abschritt, fühlte er, wie jemand ihn beobachtete.

Tommy? Inoue? Shinya?

Es spielte keine Rolle.

Ohne sich umzudrehen ging er weiter und hob den Vorhang, der das Séparée mit den ausziehbaren Sofas vom Rest des Busses trennte.
 

Dahinter empfing ihn abgedunkeltes Licht. Nur eines der Sofas war ausgezogen worden - und darauf lag Die in der Embryostellung, eine dünne Decke um den schlanken Körper geschlungen.

"Toshiya meinte, du würdest vielleicht vorbeikommen - das ging ja schnell."

Sehr heiser. Und leise, um die Stimme nicht noch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

Kaoru setzte sich auf eines der Sofas gegenüber von Dies Bettstatt, wühlte in den Taschen seines Kapuzenpullis und brachte schliesslich zwei weisse Packungen zum Vorschein.

Dies Augenbrauen wanderten in die Höhe.

"Nein, das hast du nicht...?".

Der Bandleader senkte beschämt die Augen.

"Tut mir leid, ich bin ein Arschloch."

"Das kann man wohl sagen. Weißt du, wie mies ich letzte Nacht gepennt hab?! Weißt du, wie scheisse es mir heute ging?!".

Die richtete sich langsam auf und blickte Kaoru aus traurigen Augen an.

"Ich sagte, es tut mir leid."

"Ja, passiert ist passiert. Mehr als dir verzeihen kann ich nicht, oder?!".

Kaoru zuckte die Schultern.

"Ich schätze, für die Tabletten ist es jetzt zu spät, aber...die Schlaftabletten müssten eigentlich dafür sorgen, dass du durchschlafen kannst, bis wir in Tokyo sind...".

"Brauchst du sie nicht selbst?!".

Der bissige Ton in seiner Stimme verriet Kaoru, dass Die noch immer sehr aufgewühlt war. Zurecht.

"Nein, hab sie nur während der Aufnahmen gebraucht. Und weil...wegen Yumi...".

Verständnisvolles Nicken. Trotz allem.

"Danke. Wie geht's ihr?!".

"Gut. Soweit keine Komplikationen. In drei Tagen begleite ich sie zum Arzt.".

"Nervös?"

"Und wie! Es ist alles so neu - und kam völlig unerwartet...".

Die hustete und schenkte Kaoru ein aufmunterndes Lächeln.

"Hey, keine Angst. Du wirst einen wunderbaren Vater abgeben - davon bin ich überzeugt."

Bei diesen Worten aus dem Mund seines schon längst verloren geglaubten Freundes wurde dem Bandleader warm ums Herz.

"Danke. Manchmal fühle ich mich schon sehr überfordert - und bin so froh, dass wenigstens Yumi cool bleibt."

Grinsen.

"Sie ist die Mutter, was erwartest du?! Und du gewöhnst dich auch noch dran - du konntest doch immer so gut mit Kindern...".

Kaoru nickte nur und blickte ins Leere.

Wenn er Die doch nur irgendwie hätte sagen können, wie glücklich ihn seine Worte machten. Doch er traute sich nicht. Noch nicht.

Stattdessen goss er ihm ungefragt Wasser nach und lehnte sich vor.

"Die, was auch immer zwischen uns war und immer noch ist - es tut mir leid. Es ist wohl ein denkbar schlechter Zeitpunkt, das alles besprechen und aufarbeiten zu wollen, aber...

Der Gitarrist schüttelte bloss den Kopf und sah Kaoru an.

"Ja, ist es, ich bin müde und mein Kopfweh killt mich. Aber es ist schön, dass du hier bei mir bist. Weißt du, dass dies wohl bei weitem das längste Gespräch ist, das wir seit Wochen geführt haben?".

"Und auch bei weitem das persönlichste."

"Wenn es mir besser geht, müssen wir länger reden. Ich denke, es gibt einiges zu sagen."

Seine Stimme war nur noch ein Krächzen, doch er schien nicht gewillt zu sein, jetzt schon mit Reden aufzuhören.

"Aber Kaoru, was ich wissen muss...was ist mit dir los? Und red dich nicht raus, du weißt genau, was ich meine...".

Der Bandleader lehnte sich mit einem Stöhnen zurück und fuhr sich durch die Haare.

Dann beugte er sich wieder nach vorn und verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln.

"Wenn du mich dies früher gefragt hättest, hätte ich dir gestern die Pillen gegeben...".

"Du stolzes Arschloch!". Bitteres Lachen. "Und ich habe die ganze Zeit drauf gewartet, dass du irgendeinen von uns einweihst - und das hätte nicht mal ich sein müssen. Wie konntest du Tommy und Inoue einweihen und uns nicht?".

"Oh Die...ich wollte euch nicht belasten. Wir hatten so schon genug Stress."

Husten.

"Ich fass es nicht. Wirklich nicht...".

"Ich sagte schon, es tut mir lied. Und diese Entschuldigung beinhaltet alles, was die letzten Monate, vielleicht sogar Jahre zwischen uns war."

"Ich weiss - aber so einfach wird es trotzdem nicht...".

"Das ist mir klar...".

"Also, was ist jetzt mit dir?".

"Eigentlich nichts Schlimmes, ich muss nur aufpassen. Der Arzt meinte, es seien nervöse Magenbeschwerden, wahrscheinlich hervorgerufen durch den ganzen Stress. Erst hatte ich Schiss, ich hätte ein Magengeschwür, aber das war's dann zum Glück nicht."

"Aber wenn du nicht aufpasst, könnte sich doch noch ein Geschwür entwickeln?!".

"Vermutlich, ja...".

Die räusperte sich und spülte die Trockenheit in seinem Hals mit Wasser weg.

"Wenn du uns Bescheid gesagt hättest, hätten wir dir einiges abnehmen können. Das weißt du. Verdammt, warum willst du immer die Kontrolle haben?!".

Schulterzucken.

"Wenn man mal die Führung hat, ist es schwer, diese wieder abzugeben."

"Aber darum geht's doch nicht - auch wenn wir dich unterstützen, bist du immer noch der Leader. Manchmal denke ich, du machst dir dein Leben absichtlich schwer. Nicht mal die Sache mit Yumi hast du mit uns geteilt. Auch da mussten wir uns das Meiste selbst zusammenreimen."

"Du weißt, wie ungern ich euch mit meinem Mist belaste."

"Ja, aber ich hatte gehofft, du hättest die letzten Jahre gelernt, doch ab und zu mal etwas von deinem Ballast auf uns abzuwälzen. Habe mich wohl getäuscht."

"Ich werde dran arbeiten...".

Stirnrunzeln.

"Das hoffe ich für dich, sonst könnte es sein, dass wir die Vernunft in dich reinprügeln!".

Die beiden jungen Männern brachen in Gelächter aus, wobei Dies in einem Hustenanfall endete.

Kaoru stand auf und streckte sich.

"Ich schlage vor, dass du jetzt ne Schlaftablette nimmst und etwas schläfst - so fertig hab ich dich noch selten gesehn..."

Die nickte und befolgte widerstandslos Kaorus Vorschlag.

Bevor der Schlaf ihn übermannte, schenkte er seinem älteren Freund ein Lächeln und murmelte ein Danke.

Kaoru stand noch eine Weile da und betrachtete die schlafend daliegende Gestalt, die in Zukunft wieder sein Freund sein würde, wenn sie beide sich Mühe geben würden, sich einander wieder anzunähern und einander das Vertrauen zu schenken, das verloren gegangen war.
 

+ + +
 

[Lyrics: "I see a darkness" © Bonnie 'Prince' Billy, gesunden von Johnny Cash]
 

So, mein Wochenend-Schreibmarathon ist zuende - zwei Kapitel innerhalb von 24 Stunden, nicht schlecht! XD
 

Würde mich über Kommis freuen - es interessiert mich, wie euch die Entwicklung meiner Geschichte gefällt. ^.^
 

[Edit]
 

Es gibt jetzt auch nen Zirkel zu dieser Fanfic, offen für alle eure Fragen, Anregungen und Diskussionen zu dieser Geschichte: http://animexx.4players.de/community.php/akaitsuki/



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Kommentare zu diesem Kapitel (3)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  serialhorrorshow
2005-06-20T10:07:11+00:00 20.06.2005 12:07
Fesselnd...absolut fesselnd!!!

Ich bin ganz gierig von Luculus Part 1 bis jetzt durchgegangen oder sollte ich sagen,ich hab es durchlebt...wie ein gutes Buch das man nicht mehr aus der Hand zu legen vermag..weil es einen förmlich aufrist und man ganz begiering darauf ist zu erfahren wie's weiter geht!

Das die zwei Mädels sich wiedergefunden haben freut mich und ich bin auch froh das Chieko sich Akiko anvertraut hat,es ist doch eine imense Hilfe wenn einen Freunde mit Tips und Rat zur Seite stehen ohne einen gleich zu verurteilen.Trotzdem macht mir der Gedanke Angst wie wohl Kyo darauf reagieren wird wenn er es,ich hoffe doch von Chieko selbst, erfährt *seufz*.

Also die Sache zwischen Kaoru und Die hat mich auch ziemlich mitgenommen,als er dann den Song von Johnny Cash gehört hat hab ich echt mit den Tränen gekämpft weil ich die beiden vor mir und es total auf die Situation zwischen den beiden bezogen sah...[eury,das war toll einfach genial..wie du das eingebaut hast].

Ich meld mich jetzt schon mal wegen dem "soundtrack"..das ist eine gute Idee ^.~
Und du solltest die komplette Fanfic als Buch herraus bringen,das wär toll.XD

Ich liebe deinen Schreibstil <3 und bin schon ganz aufgeregt die Story weiter zu erleben!!
Von:  Poo
2005-01-22T09:15:15+00:00 22.01.2005 10:15
Wie die Entwicklung deiner Geschichte uns gefällt?

*tränen wegwisch*

Danke!
Ich glaube, wenn die beiden sich noch länger angezickt hätten, wär' ich verrückt geworden.
Die Szene im Bus war so herzzerreißend - da ist mir echt die Gänsehaut gekommen.
Ich bin heilfroh, dass das jetzt scheinbar langsam wieder ins Reine kommt; als hätte ich mich selbst mit meiner besten Freundin gestritten. *drop*

Du hast prima beschrieben, wie scheisse es den beiden geht und in welchen inneren Konflikt sie sind, zwischen Stolz und Verletzt sein.
Um an einer Situation etwas zu ändern, muss man halt eben auch mal über seinen eigenen Schatten springen und seinen Stolz vergessen. Das hast du gut rübergebracht.

Die Krise zwischen Die und Kaoru hat mir bei deiner Geschichte ja am meisten zu schaffen gemacht!
Vielleicht, weil für mich halt wie gesagt Freundschaft wirklich eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.
Da kann mal in der story gerne ein Chara sterben - aber Freundschaft, die auseinander geht, finde ich viel schrecklicher! ;___;

Du glaubst gar nicht, wie happy ich war, als ich den letzten Absatz deines Kapitels gelesen hab. ^_____^ *strahl*
Und was Kaoru für gesundheitliche Probleme hat, ist jetzt auch aufgeklärt. Wobei man sich ja ein bissl davon denken konnte.

Bin gespannt, wie es mit Die und Kaoru weitergeht und auch wie der Rest der Band darauf reagiert. Ob die Versöhnung auch die anderen ansteckt?!

*eurydike-Fähnchen schwenk*


Edit: eine winzige Kleinigkeit gab es doch, die mich ein bisschen gestört hat.
Das war das Wort > demonstrationslos< . Gibt es dieses Wort überhaupt?
Ich weiß nicht, aber irgendwie passt es hier in diesem Zusammenhang nicht. Denn er demonstriert hier ja nichts und wenn man nichts demonstriert, ist es doch auch nicht erwähnenswert.
Vielleicht würde hier eher ein "wortlos" oder "widerstandslos" passen...
Nur so ein Vorschlag.


^^Poo
Von: abgemeldet
2005-01-19T20:37:22+00:00 19.01.2005 21:37
wooooooah. lang! so unglaublich lang! ich hab jetzt beide kapitel gelesen und isses okay wenn ich hier für beide was schreib?
also echt. kaoru hat wirklich komplexe, dass er nicht selbst draufkommt dass sie wollen dass ER was sagt. und dass die nicht draufkommt dass kao will dass ER was sagt... hach, kompliziert. ich finds sehr nett dass chieko akiko jetzt die ganze geschichte erzählt, mir würds sehr schwer fallen einem gerade wiedergewonnenen menschen so viel vertrauen entgegenzubringen, aber bei denen isses ja schließlich was besonderes.
ja, also ich bin echt begeistert dass du gleich SO VIEL hochgeladen hast und dann auch noch so postitives zeug, das macht mich glücklich. ein bisschen fröhlichkeit hab ich jetzt eh dringend nötig.
ich freu mich also wenns wieder weitergeht und bis dahin lg. und nochmal danke fürs in-den-zikel-einladen. *g*


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