Abbygails Abenteuer von yazumi-chan (Road to Lavandia) ================================================================================ Kapitel 123: Letzter Schachzug (Geständnisse) --------------------------------------------- „Was zur Hölle?“, murmele ich. Das letzte Mal, dass ich das Legendäre gesichtet habe, war vor fast einem halben Jahr in Teak City. Damals war es eindeutig nicht in der Verfassung, ein ausgewachsenes Gewitter heraufzubeschwören und es einmal über ganz Johto zu jagen. Einen kurzen Moment fürchte ich, dass ich damals einen riesigen Fehler begangen und Raikou wütend gemacht habe, sodass es jetzt Rache sucht. Dann schlägt ein dritter Blitz im Meer ein, so weit entfernt, dass der Donner erst kurz darauf folgt. Ich reiße mich aus den negativen Gedanken. Wenn Raikou Rache für seine Rettung wollte, hätte es mich schon dreimal sehr effektiv rösten können. „Ich glaube, es zeigt uns den Weg“, sage ich zu Hunter. Er krächzt euphorisch und schießt ein weiteres Mal mit Agilität davon. Trotz der plötzlichen Geschwindigkeit ist der Gegenwind nicht so stark wie noch zuvor. Die vielen Kämpfe, Luftattacken und Ausweichmanöver machen sich allmählich bemerkbar. Hunter wird müde. Und die Nacht ist noch lange nicht vorbei.   Fast erwarte ich, dass Raikou uns auf´s Meer folgen wird, aber als ich ein letztes Mal den Kopf drehe, steht das legendäre Elektropokémon noch auf festem Boden. Sein Brüllen hallt in meinen Ohren wieder, als wir uns weiter entfernen und den Blitzen auf das offene Meer folgen. Dukatia City ist nur noch ein fahler Lichtfleck am Horizont, als die M.S. Love endlich in Sicht kommt. Trotz der Handschuhe fühlen sich meine Finger steif und wund an und die Ränder meiner Flugbrille haben tiefe Kerben um meine Augen hinterlassen. Als ich mich auf diesen Tag vorbereitet habe, bin ich noch davon ausgegangen, auf dem Boden zu kämpfen, statt Stunden um Stunden in der Luft zu verbringen – und das fast nie in bequemem Gleitflug. Ich lenke Hunter weiter in die Höhe, inzwischen sicher, dass ich von Raikous Blitzen nichts zu befürchten habe. Als wir so weit oben sind, dass Melissa sich über mein lautstarkes Zähneklappern beschwert, aktiviere ich Priss´ Pokéball. „D-dein Dunkelnebel wäre jetzt s-super“, stottere ich und setze sie vor mich auf Hunters Rücken, wo ich trotz Kälte einen Arm um ihren glitschigen Brustkorb schlinge. „Aber mach ihn n-nicht zu dicht, ich will noch etwas sehen k-können.“ Priss gibt ein zustimmendes Grummeln von sich, das im rollenden Donner untergeht und beruhigend in meinen Fingern vibriert. Ich bin über jede Art von Beruhigung dankbar – meine Nerven liegen blank. Trotz der Kondensation um uns herum, die Hunter in einen düsteren Nebel hüllt und bei Nacht und Gewitter so gut wie unsichtbar macht, kann ich das Gefühl nicht unterdrücken, jeden Moment von einem der Rockets entdeckt zu werden. Mein Blick fällt auf das Schiff. Die „Matrosen“ schlittern über das Deck, rufen sich gegenseitig Warnungen zu und sind mit dem unnatürlichen Sturm eindeutig überfordert. Ich kann ein fieses Grinsen nicht unterdrücken. Sie sind eben Verbrecher, keine Seeleute. Vor mir aus darf die ganze Bande gerne etwas ins Schwitzen geraten, bevor der finale Kampf losbricht. Durch das Spektakel an Bord der M.S. Love ein wenig von meiner Paranoia abgelenkt, wage ich es, Hunter herabsinken zu lassen, um nach Chris und Louis Ausschau zu halten, auch wenn ich wette, dass sie genau wie ich den Schutz der Dunkelheit gesucht haben. „Louis“, frage ich in das Head-Set, erst leise, um nicht gehört zu werden, dann, als der Wind mir die Worte von den Lippen weht, lauter. „Louis, wo seid ihr?“ „Auf der anderen Seite vom Schiff“, erschallt seine gedämpfte Stimme. „Wir haben dich eben absinken sehe, aber das Gewitter hat uns abdriften lassen. Warte dort, wir kommen rüber.“ „Bleibt, wo ihr seid“, entgegne ich. „Wenn wir von zwei Seiten angreifen, habe wir eine bessere Chance, sie zu überrumpeln.“ Ich kann hören, wie Louis Luft zum Widerspruch holt, doch schließlich seufzt er nur ergeben. „Dieses Gewitter sieht wirklich übel aus. Aber warum regnet es nicht? Bei all den Wolken erwarte ich eine ausgewachsene Sintflut, nicht nur so ein komisches Geblitze.“ Grinsend verlagere ich meinen Sitz auf Hunter und lenke ihn weiter Richtung Schiff, um einen besseren Überblick zu erhalten. „Raikou hat das Gewitter heraufbeschworen“, erkläre ich, während ich gleichzeitig den Himmel nach Ho-Oh absuche und das Schiff im Auge behalte. „Keine Sorge, es will uns helfen. Glaube ich zumindest.“ „Glaube ich, sehr beruhi –“ Louis´ Stimme bricht ab, als ihm die Bedeutung meiner Worte bewusst wird. „Wo zur Hölle hast du jetzt auf die Schnelle ein Raikou aufgetrieben?“, fragt er perplex. „Warte, hast du ihm nicht in Teak City irgendwie das Leben gerettet? Will es jetzt in dein Team?!“ „Ha, als wenn“, lache ich. „Raikou hat einen besseren Trainer als mich verdient. Es wird seine Schuld begleichen wollen, schätze ich. Das Gewitter hilft uns in jedem Fall dabei, ungesehen auf das Schiff zu kommen. Die Rockets sind gerade mit ganz anderen Sachen beschäftigt.“ „Hat Ruth sich inzwischen wieder gemeldet?“, fragt Louis. „Nicht, dass ich mir Sorgen um sie mache, aber ein paar mehr Infos über ihre Mutter und die Pokémon wären echt hilfreich.“ "Bislang nicht", sage ich und runzele die Stirn. Auf dem Deck kann ich außer den Matrosen niemanden ausmachen, weder Ruth, noch ihre Mutter oder Athena. "Ich hoffe, es geht ihr gut." "Mach dir um sie keine Sorgen, Abby", murrt Louis. "Wir sind eindeutig in größerer Gefahr. Wenn du mit deinen Vermutungen Recht hast, bezweifle ich, dass Athena ihr etwas antun würde, selbst wenn sie sich gegen ihre Eltern stellt." "Ich weiß, ich weiß… Aber ich kann sie nirgends sehen." Louis schweigt, während ich langsam meine Runde drehe. Die Winde treiben Hunter vom Kurs ab und ich kann spüren, wie seine Flügelschläge immer träger werden. Lange wird er nicht mehr durchhalten. Das Training am Silberberg hat ihn gestärkt, aber die stundenlangen Flüge mit Ausweichmanövern und Geschwindigkeitsschüben haben ihn ausgelaugt. Plötzlich zieht Louis scharf die Luft ein. "Louis?", frage ich panisch und halte instinktiv nach ihm Ausschau, auch wenn ich weiß, dass Chris ihr Ho-Oh weiterhin versteckt hält. "Abby, was wenn… was wenn es eine Falle ist?" Es läuft mir kalt den Rücken runter. Mit einem Mal fühle ich mich sehr beobachtet, aber als ich den Kopf drehe, kann ich durch Priss´ Dunkelnebel kaum etwas ausmachen. "Was meinst du?" "Ruth hat dich angerufen, damit du herkommst, um sie zu retten. Was, wenn sie mit ihrer Mutter und Athena gemeinsame Sache macht und dich nur hierhergelockt hat, um dich umbringen zu lassen?" "Unsinn", sage ich automatisch, aber Louis´ Worte erwecken einen kleinen Keim des Zweifels in mir. Wäre Ruth zu so etwas fähig? Ich denke an all unsere Begegnungen zurück. Bei den letzten Treffen hatte ich das Gefühl, ihr näher gekommen zu sein, sie besser zu verstehen. War das alles gespielt? Ein Manöver, um mein Vertrauen zu gewinnen und mich in eine Falle zu locken? "Sie wollte dich in einem Brunnen einsperren, Abby, schon vergessen? Sie hätte dich dort unten verrotten lassen, wenn sie damit durchgekommen wäre!" "Wir wurden beide dort festgehalten", sage ich schwach. "Man hätte sie nicht gefangen genommen, wenn sie mit Team Rocket zusammenarbeiten würde." "Und du denkst wirklich, dass drei normale Mitglieder sie als Athenas Nichte erkennen würden? Sie war als Trainerin unterwegs, mehr oder weniger inkognito. Sie haben sicher nicht in Azalea City mit ihr gerechnet. Und hast du nicht erzählt, dass ihre Eltern ihr das Reisen sofort danach verboten haben?" Ich presse die Lippen aufeinander, starre in die Tiefe, versuche vergebens, durch den Stahl ins Innere des Schiffes zu schauen und Ruth ausfindig zu machen, so als würde der bloße Anblick mich von ihrer Unschuld überzeugen. Ich will nicht, dass sie beteiligt ist, dass ihr langsames Auftauen nur eine Fassade war. Aber Louis´ Argumente ergeben Sinn, zumindest hier, in diesem übernatürlichen Gewitter, über dem Feind, mit einem nagenden Gefühl im Nacken, beobachtet zu werden. Langsam drehe ich den Kopf. Kramshef stürzt auf uns herab, bohrt seine Krallen in Hunters Schulter und Rücken und reißt ihn aus seiner Flugbahn, nur um uns Richtung Schiff zu schleudern. Mein Schrei hallt durch die Nacht, Priss entgleitet meinem Griff und fällt kreischend in die Tiefe, Hunter fängt sich nach mehreren Überschlägen in der Luft, nur um wieder von Kramshef gepackt und zur Seite gerissen zu werden. Panisch klammere ich mich an ihm fest, versuche, irgendwie auf seinem Rücken zu bleiben, aber die nachtblaue Krähe hält uns in festem Griff und krächzt wild, während sie uns von einer Seite zur anderen wirbelt und schließlich mit voller Wucht Richtung Meer wirft. Aus den Augenwinkeln kann ich Athena entdecken, die in Golgantes´ Armen thront. Einen kurzen Moment bin ich überrascht darüber, dass der Golem fliegen kann, bevor mir schwarz vor Augen wird, als Kramshefs Nachtnebel uns verschlingt. Absolute Schwärze lässt mich blind werden, schreien. Hunter kommt abrupt zum Stillstand und krächzt kraftlos. Mir ist eiskalt. Die Nachtnebelattacke hat meinen ganzen Körper steif werden lassen, jede Gliedmaße brennt und pocht und ich fühle mich stark an meinen Sturz auf dem Eis zurückerinnert, als ich in Prismania City von den Trainern überrumpelt wurde. Benommen hebe ich den Kopf. Hunter schlägt verzweifelt mit den Flügeln, als Kramshef sich flatternd in sein Brustgefieder krallt und uns im Kreis wirbelt. Speiübel, wie mir von den schneller werdenden Umdrehungen ist, kann ich kaum noch oben von unten unterscheiden, geschweige denn Hunter helfen, der verzweifelt kreischt, als die Krallen sich tiefer und tiefer in seine Brust bohren, blutige Federn vom Wind davongerissen werden und er zusehends an Kraft verliert. Athenas erfreutes Lachen ringt in meinen Ohren, Kramshef lässt los und gemeinsam mit einem bewusstlosen Hunter stürze ich hinab in die tosende See. Das letzte, was ich wahrnehme, ist der gleißend weiße Blitz, der von ohrenbetäubendem Donner begleitet über Kramshef niedergeht und die Dunkelkrähe rauchend hinter uns her trudeln lässt. Dann waschen die Wellen über uns und das Meer verschlingt uns ganz. Dunkelheit drückt von allen Seiten auf mich ein, entzieht mir jedes bisschen Wärme, zieht mich tiefer, als Salzwasser sich in meine Jacke saugt, meine Hose, meine Schuhe, meinen Rucksack und ich immer schwerer werde, immer schwerer... Ich reiße meine Augen auf, nur um Hunter zu entdecken, der wie ein Stein in die unendliche Schwärze des Meeres sinkt. Meine Flugbrille muss von dem Aufprall abgesprungen sein, denn meine Augen brennen, aber ich halte sie weit geöffnet, um den Blickkontakt zu meinem Pokémon nicht zu verlieren. Mit tauben, steifen Fingern krame ich nach Hunters Pokéball an meinem Gürtel, ignoriere das Gewicht meines Rucksacks und meiner nassen Kleider, das mich stetig tiefer sinken lässt. Verzweifelt lasse ich den Rucksack von meinen Schultern gleiten. Ohne das zusätzliche Gewicht fällt es mir leichter, gegen das Wasser zu treten, auch wenn sich meine Brust schmerzlich bei dem Verlust eines Großteils meines Besitzes zusammenzieht. Der rote Lichtblitz des Pokéballs leuchtet dimm durch die Wogen und zieht Hunter zurück in das schützende Plastikgehäuse. Mit einer prüfenden Bewegung vergewissere ich mich, dass zumindest mein Pokégürtel von dem Tauchgang keinen Schaden davongetragen hat und alle Bälle noch dort sind, wo sie hingehören, da bricht eine Woge Luftblasen aus meiner protestierenden Lunge, die mit jeder vergehenden Sekunde mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Strampelnd kämpfe ich gegen den Sog an, aber neue Wellen schlagen über mir ein, bevor ich mich an die Oberfläche kämpfen kann und spülen mich kopfüber in die Tiefe. Der Reißverschluss meiner Jacke klemmt, als ich versuche, sie ebenfalls auszuziehen, meine Kehle streikt, kontrahiert zwanghaft, so als wolle sie mich zwingen, doch endlich einzuatmen, Luft zu holen, süße Luft, trockene Luft… Ohne Orientierung, ohne Kraft, kämpfe ich gegen die Bewusstlosigkeit an. Meine Beine treten automatisch, aber hinter den sonst so kraftvollen Schwimmbewegungen ist keine Energie, kein System. Meine Sicht verschwimmt, während ich durch die Stille dümpele. Schwärze legt sich über meine Augen – Ein scharfer Schmerz an meinem Handgelenk zerrt mich aus der Taubheit des nahenden Todes. Mein Blick flackert zu meinem Arm, an dem eine verzweifelt aussehende Priss sich festgebissen hat und mich mit kraftvollen Flossenschlägen und strampelnden Beinen durch die Strömung des Meeres zerrt, höher, höher… Luft. Ich huste, spucke, atme verzweifelt ein, alles gleichzeitig. Die kalte Nachtluft ist wie ein Schlag ins Gesicht, geschwängert mit einem seichten Nebel. Sie brennt in meinem Rauchen und meiner Kehle, eisig und süß und mein Husten klingt mit jeder Sekunde an der Oberfläche ab. Priss hält mich über Wasser. Meine Arme und Beine fühlen sich noch immer an wie Gummi, absolut nutzlos. Ihr Dunkelnebel verdeckt die Sicht, doch von weiter oben kann ich wütende Schreie und Athenas herrische Stimme vernehmen. Mir wird mit einem Schlag bewusst, dass ich nur etwas länger als eine Minute unter Wasser gewesen sein kann. „Danke“, flüstere ich heiser und fahre mit zittrigen Fingern einmal über Priss´ Kopf. „ABBY! ABBY?!“ Louis Stimme ist panisch. Schrill. Ich hebe den Kopf und entdecke ihn durch einen schmalen Riss im Dunkelnebel, der den Blick auf den Luftraum über uns freigibt. Wir müssen abgedriftet sein, denn die M.S. Love ist lange nicht mehr so weit entfernt wie noch zuvor. Louis hat sich auf Ho-Ohs Rücken halb aufgerichtet und scheint drauf und dran, mir hinterherzuspringen. Einzig Chris Hand hält ihn zurück, die ihn festhält und nicht loslässt, während der Phönix und Athenas fliegendes Golgantes sich bedrohlich im Himmel umkreisen. Mit zwei Passagieren ist Ho-Oh eindeutig benachteiligt, seine Flugangriffe schlagen fehl, denn trotz seiner Masse bewegt sich der Golem erstaunlich agil. Tief Luft holend tauche ich unter und lasse mich von Priss weiter Richtung Schiff ziehen. Mit ihrer Hilfe dauert es kaum eine Minute, bis wir dem metallischen Schiffsrumpf so nah sind, dass ich den Sog spüre. „ABBY!“ Wieder widme ich meine Aufmerksamkeit Louis, der wie von Sinnen nach mir schreit. Ich schlucke einmal schwer und blicke hinauf zum Schiff. Wenn wir heil aus dieser Sache herauskommen wollen, müssen wir den Luftraum verlassen. Ohne Hunter bin ich dort oben zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich taste nach den letzten Gegenständen, die mir geblieben sind. Plötzlich bin ich froh, meine Jacke nicht losgeworden zu sein, denn in der Tasche stecken noch mein Handy und der S-Com. Das Handy hat dem Salzwasser natürlich nicht standgehalten, aber der Com ist noch einwandfrei, wie von Ryan versprochen. Hoffnungsvoll taste ich nach dem Head-Set, das aus meinem Ohr gerutscht ist und atme erleichtert auf, als das Stimmengewirr nach einigem Antippen knackend wieder beginnt. Louis´ Schreie haben ganz Team Shadow in Aufregung versetzt. Das allgemeine Chaos ist durchsetzt mit Kampfgeräuschen, Schüssen und verwirrten Fragen. „Louis, schrei weiter“, sage ich mit schwacher Stimme, aber laut genug, um zu ihm durchzudringen. Einige Sekunden lang herrscht absolute Stille, dann erklingt sein lautes „ABBY!“ von neuem. Erleichtert atme ich durch und bringe mich zu einem Lächeln. Priss faucht leise, als ein Pokémon sich aus den Tiefen nähert, aber als nur Momente später Louis´ Garados Ethan sanft durch die Oberfläche bricht, tätschele ich erleichtert seinen Kopf und lasse mich auf dem breiten Rücken nieder. Louis muss ihn heruntergeschickt haben, um mich zu retten, auch wenn Priss schneller war. „Abby, geht es dir gut?“, fragt Dark. „Wir dachten, du wärst…“ „Nicht ganz“, entgegne ich und widme mich gedanklich wieder dem Geschehen vor Ort. „Louis, hör zu. Wenn Athena merkt, dass ich nicht ertrunken bin, tötet sie mich sofort. Du musst ein bisschen für mich schauspielern, kriegst du das hin?“ Statt einer Antwort wird Louis´ Schrei nach mir immer verzweifelter. Ich schiele empor und kann sehen, wie er auf Ho-Ohs Rücken zurückgesunken ist, Gesicht in seinen Händen vergraben. „Sprich mir nach. Laut genug, dass Athena dich hören kann. Und halt dich an meine Anweisungen.“ Während ich zitternd meine Befehle durchgebe, verfolge ich das Gespräch über mir mit pochendem Herzen. Das letzte Mal, als Louis lügen musste, hat Rose ihn schnell durchschaut, auch wenn letztlich alles gut gegangen ist. Dieses Mal ist Athena diejenige, die es zu überlisten gilt. Ich kann nur hoffen, dass Louis´ Schauspielkünste sich verbessert haben. Er enttäuscht mich nicht. „Sie ist tot“, sagt er taub. „Du hast sie umgebracht. Du hast meine Freundin umgebracht!“ Mein Herz schlägt schneller. Ich presse den Lautsprecher fester in mein Ohr, um auch keine Nuance der Unterhaltung über mir zu verpassen. Athena lacht süffisant. „Ach Schätzchen, ich hatte sie gewarnt, dass Team Rockets Angelegenheiten eine Nummer zu groß für sie sind. Du musst dich nicht über dieses tragische Ereignis wundern.“ Es fällt mir schwer, Athenas Stimme auszumachen, aber sie muss nah genug sein, dass ich sie durch Louis´ Mikrofon hören kann. Ich schließe die Augen, versuche, mich zu konzentrieren. „Was ist euer Ziel?“, frage ich und lausche Louis´ Wiederholdung, während ich weiterspreche. „Es geht euch doch nicht nur um das Geld und die Pokémon, oder? Die könnt ihr auch woanders bekommen. Das war den Aufwand nicht wert.“ „Du bist klüger, als du aussiehst“, stimmt Athena gelassen zu. „Hast du dir schon einmal die Gästeliste dieser Kreuzfahrt angesehen, hm? Hochrangige Geschäftsleute, Multimilliardäre, politische und wirtschaftliche Größen. Sobald sie unseren Forderungen nachgegangen sind, erwartet sie ein Gratisurlaub in der Tiefsee. Einwegtickets, versteht sich.“ „Ist deine Schwester deshalb noch nicht auf dem Deck aufgetaucht? Weil sie die Pokébälle einsammelt? Wirst du sie auch in die Luft sprengen?“ „Minerva wird vorher natürlich das Schiff verlassen. Sie war eine ganz entzückende Hilfe, auch wenn es eine Weile gedauert hat, ihre moralischen Zweifel aus dem Weg zu räumen. Aber wenn unsere Mitglieder erst einmal in die freigewordenen Positionen geschleust wurden, erwartet auch sie eine hübsche Belohnung. Ich kenne meine Schwester. Sie kann diesen Gelegenheiten nur schwerlich widerstehen.“ „Also sprengt ihr die M.S. Love so oder so in die Luft“, sage ich wütend und vergesse dabei glatt, dass ich nicht persönlich mit Athena rede. „Ihr spielt mit den Ängsten und Leben ganzer Länder und jetzt wollt ihr auch noch in die Politik einsteigen, um euer krankes Treiben fortzusetzen? Das lassen wir nicht zu, Athena. Niemals.“ Louis schmettert meine Worte Athena entgegen, die herzlich lacht, doch ich bin schon damit beschäftigt, auf Louis einzureden. „Chris, flieg zum Schiff“, befiehlt er, als ich geendet habe. „Wir schalten die Pokémon aus. LOS!“ Das Windrauschen nimmt abrupt zu, als Ho-Ohs Flügelschläge kräftiger werden und er sich mit der Geschwindigkeit eines wahren Legendären durch die Lüfte katapultiert. „Ethan, heb mich hoch“, sage ich und klettere weiter auf seinen Kopf, wo ich mich mit den Füßen zwischen seinen abstehenden Schuppen festhake. Die Seeschlange reckt sich aus den aufbrausenden Wellen, der Schädel bedrohlich schwankend. Blitze zerteilen den schwarzen Himmel in tausend Splitter und krachen nicht allzu weit von Athenas Golgantes in die Wogen, das überrascht ausweichen und seine Verfolgung von Ho-Oh unterbrechen muss. „LOUIS!“, schreie ich über die neuen Hintergrundgeräusche hinweg. „HOL MICH AUF´S SCHIFF!“ Ho-Oh ist noch nicht richtig gelandet, da materialisiert sich schon Louis´ Sarzenia Harley und reckt mir seine Ranken entgegen, die mich um die Taille packen und von Garados Nacken reißen. Einen Moment sieht es so aus, als würde ihre Kraft nicht ausreichen und mich geradewegs in die Reling krachen lassen, doch in einer letzten Kraftanstrengung zerrt Harley die Ranken empor und lässt mich haarscharf über das Geländer schrammen. Mit wackligen Knien komme ich zum Stillstand, stolpere und lande geradewegs in Louis´ Armen, der von Ho-Oh gesprungen und auf mich zugesprintet ist. Tränenspuren auf seinen Wangen glänzen im gelegentlichen Schein der Blitze, doch seine Augen sprühen vor neu entfachtem Elan. „Der zeigen wir´s“, knurrt er. Ich nicke grimmig, schiebe ihn von mir und torkele in Richtung Chris. „Worauf wartest du noch?“, frage ich zornig. „Du musst die Pokémon finden und ausschalten, bevor sie explodieren können. Wenn der Plan gefährdet wird, ist es Athena doch egal, ob Minerva noch da unten ist oder nicht!“ Chris Blick huscht zu Golgantes, das einem weiteren Blitz ausweicht und sich wieder in unsere Richtung aufmacht. Athena scheint lautstark auf jemanden einzureden. Wahrscheinlich steht sie in Kontakt zu ihrer Schwester. „Ihr könnt nicht gegen sie gewinnen“, sagt sie bestimmt. „Ich muss-“ „Was wir nicht können, ist Pokémon auf Level 50 mit einer einzigen Attacke ausschalten!“, fauche ich sie an. „Geh runter, bevor es zu spät ist!“ Chris zögert nur noch eine Sekunde, dann springt sie von Ho-Ohs Rücken, wirft mir einen ihrer Pokébälle zu und sprintet zu einer Tür, die ins Innere des Schiffes führt. Ich fange den Ball mit beiden Händen und starre ihn an. Eins von Chris Pokémon als Verstärkung, sowie Ho-Oh, das bei Athenas Näherkommen bedrohlich die Flügel spreizt. Vielleicht können wir die Nacht tatsächlich überleben. „Bereit?“, frage ich an Louis gewandt. Er nickt. Seine Augen glühen. „Wir müssen zusammenarbeiten“, fahre ich fort, während Athena und Golgantes immer näher kommen. „Athena darf auf keinen Fall gewinnen. Wenn wir verlieren, war´s das für Kanto und Johto.“ Von unten kann ich die ersten Schreie hören, gefolgt von lautem Rumpeln und einem Beben. Chris muss auf Widerstand gestoßen sein. „Wir schaffen das“, sagt Louis und drückt kurz meine Hand, während ein weiterer Blitz den Himmel entzwei teilt. „Und Abby?“ „Hm?“, frage ich und greife nach Skus und Gotts Bällen. „Ich liebe dich.“ Kurz erstarre ich. Dann breitet sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus, so breit, das meine Wangen schmerzen. Mein Herz pocht stärker als die gesamte Nacht, als ich den Kopf in seine Richtung drehe und ihm in die Augen sehe. Einige Meter entfernt landet Athena mit Golgantes und greift nach ihren Pokébällen. „Ich dich auch.“ Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)