Delusive Society von Gepo (Dritter Teil der DS-Reihe) ================================================================================ Kapitel 78: Genialität und Wahnsinn ----------------------------------- Kurz zum letzten Kapitel: Wenn Yamis Monolog nicht direkt klar und verständlich war, ist das GANZ NORMAL. Die Erklärungen kommen erst noch ^.- Do not worry. Viel Spaß beim Lesen! P.S.: Habe jetzt ein Praktikum in einer Redaktion. Habe heute meine ersten zwei Artikel geschrieben ^.^ ________________________________________________________________________________________________ Er stemmte seine Beine gegen den Sessel. Tränen rannen aus seinen Augen. Mit einem Schrei und schierer Gewalt zog er seine Finger aus dem schraubstockartigen Griff und wich zurück. Heftig atmend, die Hand schützend an seine Brust gepresst, kroch er hinter das Sofa. Er konnte das Wimmern ob der heftigen Schmerzen nicht unterdrücken. Scheiße … warum musste Seto immer aggressiv werden, wenn er unsicher wurde? Das wäre ein passenderer Moment gewesen, um in Tränen auszubrechen. Katsuya biss die Zähne zusammen. Yami, noch immer Seto im Blick habend, rückte zu Katsuya ans Ende des Sofas und flüsterte: „Geht es?“ Katsuya atmete tief, um den Schmerz unter Kontrolle zu bringen. Nach einigen Momenten konnte er die Hand vorsichtig von seinem Körper wegziehen und hielt sie Yami hin. Er hatte mehr Ahnung von so etwas. „Beobachte Seto für mich“, wies dieser ihn an und wagte erst dann, den Blick abzuwenden. Er legte eine Hand unter Katsuyas als Widerlager. Mit der anderen tastete er sehr vorsichtig über den Handrücken, drückte praktisch gar nicht sondern legte nur die Finger auf die Haut. Die Finger tastete er ab, indem er mit zwei Fingerspitzen seitlich gegen die Glieder drückte. Katsuya zog immer wieder scharf die Luft ein, aber er war beruhigt, dass sich unter der Haut keine Knochenteile zu bewegen schienen. Seto schien das alles nicht einmal zu bemerken. Wenn man seinen Blick genau verfolgte, sah er dahin, wo Yami zuerst gesessen hatte – am anderen Ende der Couch. Er schien die Bewegung um sich herum nicht wahrzunehmen. Katsuya blieb dennoch aufmerksam. „Es muss geröntgt werden, aber vorerst fühlt es sich nicht gebrochen an. Aber es ist möglich, dass einige Gelenkkapseln gerissen sind. Das wird sicherlich stark anschwellen und weh tun.“ „Das tut es jetzt schon“, presste Katsuya zwischen seinen Zähnen hervor. „Habe ich dir weh getan?“ Yami und Katsuya, der einen Moment lang auf seine Hand gesehen hatte, zuckten simultan zusammen und wandten den Blick zu Seto. Dieser lehnte sich vor, die Lider leicht geweitet. Da war kein Funken Aggression in seinem Gesicht. Sorge, ein Hauch von Angst. Eine Menge Unsicherheit, denn sein Blick huschte über ihre Gesichtszüge und Körper. „Wie heißt du?“, fragte Yami nach und legte einen Arm um Katsuya. „Was … wie? Seto natürlich“ Die braunen Augenbrauen wurden zusammen gezogen. „Okay, ehrlich … ich glaube, mir fehlt gerade ein Teil meiner Erinnerung. Was immer ich getan habe, tut mir Leid. Ich wollte niemanden verletzen.“ „Das willst du nie“, murmelte Katsuya leise und wandte den Blick ab. Scheiße! Das konnte doch nicht wahr sein! Er presste die Lider zusammen. Die Tränen vom Schmerz mischten sich mit denen der Verzweiflung. Es reichte langsam. Konnte Seto nicht wenigstens auf einem Stand einer Krankheit bleiben? Wenigstens vorerst? Bis er selbst etwas heiler war? Musste er plötzlich alle möglichen Symptome auf einmal entwickeln? Es reichte langsam, verdammt! Das war nicht fair. Das war alles nicht fair. Er machte ja jeden Scheiß mit Seto mit, aber langsam wurde es echt zu viel. Er schluchzte auf und legte die Arme um sich selbst. Das schmerzhafte Pochen seiner Hand war kaum mehr schlimmer als der Schmerz in seiner Brust. Es reichte. Bakuras und Setos Streit, seiner Schwester Setos Krankheit erklären, die anderen über seine eigene Krankheit aufklären und dann noch plötzlich Bakuras ernste, schon fast reflektierte Seite – das war genug für einen Tag. Es brauchte jetzt nicht auch noch einen Anfall von Seto! „Warte mal bitte einen Moment, ja?“ Zwei Arme legten sich um ihn und Yamis warmer Körper drückte sich in seine Seite. „Hey, Kats … komm her. Na komm“ Die Arme drehten ihn in der Umarmung und zogen seinen Kopf an Yamis Schulter. „Ganz ruhig, Kleiner … Seto, du bleibst da sitzen“ Der letzte Halbsatz war ziemlich scharf gesprochen. Bei allen Göttern … Seto. Der war auch noch im Raum. Er konnte es sich nicht leisten, hier so rumzuheulen. Seto ging es schlecht. Und er könnte jederzeit wieder aggressiv werden. Er musste sich zusammen reißen! Aber es ließ ihn nur noch mehr schluchzen. „Was hat er?“, fragte Seto leise. „Akute Überforderung“ Yami hielt ihn einfach und machte ein paar beruhigende Laute. „Ich glaube, dass ist das erste Mal, dass er weint statt aggressiv zu werden“ Eine Hand strich durch das blonde Haar. „Ist gut, Kats … ruhig. Beruhige dich bitte.“ Die Schluchzer, die langsam abebbten, versiegten nach einer halben Minute wieder und gingen in ein tiefes, beherrschtes Atmen über. Atmen half immer. Gegen Schmerz, gegen Verzweiflung und gegen Dissoziationen. Einfach atmen. Katsuya sagte sich selbst im Kopf den Rhythmus vor. Nachdem auch sein Atem sich langsam wieder beruhigte, setzte er sich auf und sah mit müden Augen erst zu Yami, dann zu Seto, aber im Endeffekt doch wieder zu Yami. „Willst du schlafen gehen?“, fragte dieser mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Katsuya schüttelte nur den Kopf und zeigte auf Seto. Seine Stimme würde gerade nicht mitmachen, das wusste er. Also doch Dissos. Na ja, egal, besser Dissos als heulen. „Na gut. Aber bei Überlastung ist mehr Stress nicht gut.“ Katsuya seufzte und hob eine Augenbraue. „Ich mach' ja schon“ Yami schüttelte lächelnd den Kopf. „Okay, Seto … was ist deine letzte Erinnerung?“ „Uhm … der Abwasch?“ Seto schluckte. „Ich glaube, wir sind danach ins Wohnzimmer gegangen, aber … ich weiß nicht, warum.“ „Du wolltest mich fragen, warum bei dem Streit mit Bakura deine EP raus gekommen ist.“ „Beim … ach so, ja, heute Nachmittag. Ja, das interessiert mich. Aber … warum habe ich gerade eine Amnesie?“ „Weil wir auf ein Thema kamen, was dir nicht recht war. Katsuya hat deine Hand gehalten, aber die hast du ihm ziemlich gequetscht. Der Arzt sollte das bei eurem Termin morgen röntgen.“ Seto nickte nur und entschuldigte sich erneut. Katsuya interessierte es nicht wirklich. Yami sollte seinen Teil sagen, Seto das akzeptieren und dann schlafen gehen. Mehr wollte er heute nicht mehr. „Mittlerweile vermute ich, dass dein Kopf auch ohne dein Bewusstsein recht geniale Pläne aufstellt“ Yami lehnte sich zurück und legte einen Arm auf die Couchlehne. „Du warst dir vollkommen sicher, dass Bakura dich ablehnen würde. Egal, was du sagen würdest. Stimmen wir so weit überein?“ Seto nickte nur stumm. Er sah immer noch ein wenig überfahren aus. Nein, eher als würden gerade riesige Mengen Informationen auf ihn einprasseln. Na ja, vielleicht war das auch so. Katsuya fühlte sich zu müde, um wirklich darüber nachzudenken. „Aber Bakura hat eine Schwäche und das weißt du.“ „Ryou?“ Setos Stirn legte sich in Falten. „Und alles, was ihn an Ryou erinnert. Kinder, Weinen, Ängstlichkeit, ein Gefühl von Zerbrechlichkeit … das heißt, du konntest die Situation nicht zufrieden stellend lösen, aber deine Kinderpersönlichkeit schon. Also hat dein Kopf gegen deinen bewussten Willen Klein-Seto raus geworfen. Und wie du siehst, hat das ja auch funktioniert. Du hast Bakura völlig aus dem Konzept gebracht.“ Katsuya schloss die Lider. Raffiniert. Sehr raffiniert. Aber auch sehr berechnend und vollkommen gegen Setos bewusste Ansicht, dass seine anderen Persönlichkeiten eher weggeschlossen gehörten. Das hörte sich so gar nicht nach Seto an. Katsuya kniff die Lider zusammen und drückte sich innerlich gegen Müdigkeit und Dissoziationen, die ihm seine Gedanken rauben wollten. Es klang nicht nach Seto. Es klang danach, als würde jemand bewusst die Personen ins Bewusstsein schicken, die mit der Situation am besten fertig werden konnten. Sogar das TI und seine Aggression könnten berechnet sein. Nicht immer, aber manchmal. Es klang, als würde da noch jemand Viertes hinter Seto sitzen und puppenspielerartig das Bewusstsein lenken. Ohne, dass ANP-Seto davon irgendetwas wusste. Er schüttelte langsam den Kopf. Vielleicht sah er Gefahren und Probleme, wo gar keine waren, aber bei Seto konnte man nie wissen … wer sagte eigentlich, dass es nur drei Persönlichkeiten gab? Es gab nur drei, die sie bisher kannten. Das alles hatte Yami vorhin innerhalb von einer Minute realisiert, als er über Setos Verhalten nachdachte. Dass die vielen neuen Seiten, die Seto langsam zeigte, einfach nicht mit dem übereinstimmten, was sie bisher wussten. Was sie bisher dachten. Katsuya hatte die drei von Anfang an als verschiedene Persönlichkeiten wahr genommen, die sich manchmal überlappten. Nicht als eine Person mit ziemlichen Extremen im Verhalten. Nein, als drei. Also warum nicht auch mehr? Er öffnete müde die Lider und legte seinen Blick auf Seto. Dissoziative Identitätsstörung also. Er sollte Yami bei seinem nächsten Besuch bitten, ihm die Krankheit zu erklären. Auch wenn er es jetzt in diesem Moment lieber gar nicht wissen wollte, morgen würde es ihn sicher brennend interessieren. Er schnaubte. Warum machte er all diesen Mist mit? „Tja … klingt ziemlich genial“ Seto lächelte halbherzig. „Und scheint ja auch funktioniert zu haben.“ Es ließ Katsuya doch noch mal den Blick heben. Selbst in seinem mittlerweile halb vernebelten Hirn wusste er, dass diese Worte ihn irgendwie beunruhigen sollten. Oder so. Irgendetwas war falsch, auch wenn er gerade keine Lust mehr hatte, darüber nachzudenken, was das sein könnte. „Richtig“ Yami legte eine Hand auf Katsuyas Schulter. „Es hat funktioniert. Dafür mussten wir zwar Shizuka deine Krankheit erklären, aber sie hat es sehr gut aufgenommen. Jetzt wissen es alle deine Freunde und keiner lehnt dich ab.“ Das Lächeln auf Setos Lippen wirkte mit jedem Wort etwas echter. Er schlug in die Hände, stand auf und streckte sich mit den Worten: „Perfekt … dann werde ich jetzt wohl mal Katsuya ins Bett scheuchen. Er sieht aus, als würde er gleich von Sofa kippen.“ Katsuyas Stirn legte sich in Falten, wenn auch nur leicht. Irgendetwas stimmte so gar nicht … aber es wollte ihm nicht auffallen, was. Viel zu müde. Er schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit heraus zu kriegen. Aber natürlich wich sie nicht. „Könntest du seinen Schlafanzug holen? Er sieht nicht so aus, als wäre er noch groß zu etwas fähig“ Yami zwinkerte Seto zu. Dieser zuckte nur mit den Schultern und verließ den Raum. Nach wenigen hörbaren Schritten auf der Treppe kniff Yami Katsuya plötzlich in den Arm – ziemlich schmerzhaft. Zumindest, wenn er nicht fast in Dissos versunken wäre. In seinem Zustand ließ es ihn nur blinzeln und aufsehen. „Hörst du mir zu?“, zischte Yami hastig. Katsuya nickte. Zuhören. Konzentrieren. Nicht der Müdigkeit nachgeben. Nicht den Dissoziationen nachgeben. Aufpassen. „Er kann sich nicht mehr erinnern. Das mit der Krankheit war zu viel für ihn, deswegen hat sein Kopf es ihn vergessen lassen. Mittlerweile weiß er wahrscheinlich nicht einmal mehr, dass er irgendetwas vergessen hat. Wahrscheinlich hat sein Kopf die verlorene Zeit mit irgendwelchen falschen Erinnerungen gefüllt.“ Katsuyas Stirn legte sich in Falten. Moment mal … Seto hatte vergessen, dass er etwas vergessen hatte? Verhielt er sich deshalb so … ach so. Deshalb fragte er nicht nach, warum er etwas vergessen hatte. Warum er jetzt diese Amnesie hatte, obwohl ihn Yamis Worte jetzt überhaupt nicht aufregt hatten. Deswegen ging er ganz normal mit Katsuya um, obwohl er ihm gerade fast die Hand gebrochen hatte und sich eigentlich noch immer schuldig fühlen müsste. Er hatte vergessen, dass er etwas vergessen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, dass er eine Amnesie erlitten hatte. Er konnte sich nicht erinnern, dass er Katsuya weh getan hatte. Nicht einmal, dass sie danach darüber sprachen, dass er etwas vergessen und Katsuya weh getan hatte. Denn wüsste er das, würde er darüber nachdenken, warum er die Amnesie hatte. Würde er darüber nachdenken, würde er nachfragen. Würde er nachfragen, würde er das, was seinen Kopf anscheinend überforderte, hören müssen. Also lieber so viel wie möglich unter Amnesie stellen und mit anderen Erinnerungen füllen. Oder ihn vergessen lassen, dass überhaupt Zeit vergangen war zwischen dem Hinsetzen und Yamis Erklärung über heute Nachmittag. Genial. Äußerst genial. Und äußerst krankhaft. Katsuya schloss die Lider und seufzte. Er murmelte leise: „Und was mache ich jetzt?“ „Dich wie immer benehmen. Das wird er auch. Ich erkläre es dir übermorgen, wenn du bei mir bist, ja? Und sag dem Arzt morgen, dass er deine Hand röntgen soll. Das wird Seto wahrscheinlich auch vergessen haben.“ Bei allen Göttern. Katsuya ließ sich nach vorne sinken, im klaren Vertrauen, dass Yami ihn auffangen und halten würde. Natürlich tat er das auch. Von der Treppe her konnte er Schritte hören. Bei allen Göttern … Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)