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Another Note

The Los Angeles BB Murder Cases
von

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How to use it

Disclaimer:

Death Note © by Obata Takeshi & Ohba Tsugumi

Another Note © by Nishio Ishin
 

I do not own any copyrights for Death Note : Another Note.

I do not guarantee the correctness of the contents of this translation.
 

Beta: L Thanks for all your patience! >__<
 

EDIT: Nachdem die Novelle auf Englisch erschienen ist, habe ich leider viele Fehler in meiner Übersetzung gefunden, die daher kommen, dass die Fanübersetzung, an der ich mich zuerst orientiert habe, wohl doch nicht so das Wahre ist. Ich hab den Prolog und Kapitel 1 komplett noch mal überarbeitet und hoffe, dass es jetzt mehr Sinn macht. ;__;
 

~†~
 

DEATH NOTE : ANOTHER NOTE
 

How to use it
 

~
 

Beyond Birthdays dritter Mord war ein Experiment. Er wollte sehen, ob es möglich war, dass ein Mensch an inneren Blutungen starb, ohne dass die Organe verletzt wurden.
 

Er hatte sein Opfer sowohl mit körperliche Fesseln, als auch Medikamenten bewegungsunfähig und bewusstlos gemacht. Anschließend hatte er begonnen, uneingeschränkt auf den linken Arm einzuschlagen, stets darauf bedacht, dass die Haut nicht aufriss.
 

Er hoffte auf diese Weise, so starke innere Blutungen zu verursachen, dass das Opfer an Blutverlust starb, doch sehr zu seinem Bedauern scheiterte der Versuch. Blut staute sich unter der Haut und der Arm färbte sich lila-rötlich, doch das Opfer starb nicht. Es zitterte und zuckte mehrmals doch es blieb am Leben. Er war sich sicher gewesen, dass der entstandene Blutverlust ausreichen würde, um jemanden umzubringen, doch scheinbar hatte er die Sache unterschätzt. Selbstverständlich erachtete Beyond Birthday die Wichtigkeit eines solchen Mordes für relativ gering. Das Experiment als solches jedoch, obgleich Fehlschlag oder Erfolg, war äußerst unterhaltsam. Beyond Birthday zuckte nur mit den Schultern und holte ein Messer hervor...

Nein, nein, nein, nein, nein.
 

Solche Erläuterungen wird es nicht mehr geben. Solche Geschichten werde ich nicht mehr erzählen. Solch einen Erzählstil werde ich nicht die ganze Zeit über durchhalten. Je mehr ich es versuche, desto langweiliger wird mir und desto langsamer werde ich mit dem Schreiben vorankommen. Holden Caulfield würde im Detail wiedergeben, was Beyond Birthday getan hat und das passt nicht für meine Zwecke (auch, wenn er mir durchaus sympathisch ist). Die Vollständigkeit seiner Morde in sorgsam gewählten Sätzen wiederzugeben soll keinesfalls den Wert dieser Aufzeichnungen erhöhen. Dies ist weder ein Bericht, noch ein Roman. Sollte es am Ende doch als eines von beiden enden, werde ich damit sicher nicht glücklich sein. Ich hasse es solch abgedroschenen Zeilen zu schreiben, aber ich gehe davon aus, dass ich nicht mehr am Leben sein werde, wenn jemand einen Blick auf diese Worte wirft.
 

Ich muss den Leser wohl kaum an den gewaltigen Kampf zwischen L, dem größten Detektiv des Jahrhunderts und Kira, diesem grotesken Mörder, erinnern. Die Mordwaffe war etwas außergewöhnlicher als beispielsweise eine Guillotine, doch alles, was Kira damit erreichte, war eine weitere Schreckensherrschaft und eine mitleiderregende, kindische Denkweise. Wenn ich daran zurückdenke, kann ich nur vermuten, dass die Siegesgötter lachend auf ihn herabblickten. Vielleicht wollten diese Götter sogar eine blutgetränkte Welt voll von Verrat und falschen Anschuldigungen. Vielleicht geschahen die gesamten Vorfälle nur, um uns den Unterschied zwischen dem Allmächtigen und den Todesgöttern zu erklären. Wer weiß? Was mich angeht, so habe ich nicht die Absicht noch mehr Zeit damit zu verschwenden, über diese negative Reihe von Ereignissen nachzudenken.

Zur Hölle mit Kira.

Was für mich zählt ist L.

L.

Der größte Detektiv des Jahrhunderts. In Anbetracht seiner atemberaubenden mentalen Begabung starb er zu früh und vor allem eines unangemessenen Todes. Allein öffentlichen Angaben zur Folge löste er über 3.500 schwierige Fälle und brachte drei Mal so viele Verbrecher hinter Gitter. Er verfügte über unglaubliche Fähigkeiten, konnte jedes Ermittlungsbüro der Welt mobilisieren und erntete für seine Mühen großzügigen Applaus. Und während all dieser Zeit zeigte er niemals sein Gesicht. Ich will seine Worte so genau wie möglich wiedergeben. Und ich will sie hinterlassen, damit sie jemand findet. Jemand, dem die Möglichkeit gegeben wurde, in seine Fußstapfen zu treten. Gut, ich mag vielleicht nicht dazu in der Lage gewesen sein, ihn zu übertreffen, doch ich will dies hier hinterlassen. Was Sie also nun lesen, sind meine Notizen über L. Es ist eine Sterbebotschaft, weder für mich selbst, noch für die Welt. Die Person, die dies wahrscheinlich zuerst lesen wird, ist wohl... dieses überhebliche Balg, Near. Aber sollte es so sein, dann werde ich ihm nicht sagen, dass er diese Seiten zerschreddern oder verbrennen soll. Wenn es ihm missfällt, zu erfahren, dass ich Dinge über L wusste, die er nicht gewusst hat, dann ist das gut so. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Kira dies hier lesen wird... und ich hoffe er tut es. Wenn diese Notizen dazu dienen, dem Mörder, der nur mit Hilfe eines übersinnlichen Todesnotizbuchs und einem idiotischen Todesgott (und das war er unter den gegebenen Umständen) etwas erreicht hat, zu sagen, dass er nicht einmal den Dreck unter Ls Schuhen wert ist, dann erfüllen sie ihren Zweck.
 

Ich bin eine der wenigen Personen, die L jemals getroffen haben. Wann und wo... das ist die einzige, wertvolle Erinnerung, die ich habe und ich werde es nicht hier niederschreiben, doch bei diesem Anlass damals erzählte L mir von drei seiner Fälle. Die Geschehnisse um Beyond Birthday sind einer davon. Offensichtlich kam niemals heraus, dass L und vor allem das Wammy’s House, wo ich bis zu meinem 15. Lebensjahr aufgewachsen bin, mehr mit dem Fall zu tun hatten, aber tatsächlich hatten sie das. Was L anging, so nahm er nie einen Fall an, der nicht mehr als zehn Opfer gefordert hat oder für den er nicht mindestens eine Million Dollar bekam und das ist der wahre Grund, warum er sich erst spät, schließlich aber dynamisch mit diesem kleinen Fall, der nur drei oder vier Opfer aufwies, beschäftigt hatte. Ich werde auf den später folgenden Seiten noch näher darauf eingehen, aber aus diesem Grund war der Los Angeles BB-Fall ein Wendepunkt für L, für mich und sogar für Kira. Es war für uns alle ein monumentales Ereignis. Warum?

Weil es der Fall war, indem L sich zum ersten Mal Ryuzaki nannte. Also überspringen wir all die ermüdenden Beschreibungen davon, was Beyond Birthday dachte, wie er sein drittes Opfer ermordete, denn mich interessiert das überhaupt nicht und wo wir schon einmal dabei sind, lassen Sie uns das zweite und erste Opfer ebenfalls überspringen und uns nicht die Mühe machen, auf diese frühen Morde zurückzublicken. Stellen wir die Zeiger der Uhr auf den Morgen danach, den strahlenden Moment, wo L, der größte Detektiv des Jahrhunderts begann, erstmals in dem Fall zu ermitteln.

Oh, das hätte ich fast vergessen. Für den Fall, dass jemand anderer als dieser Angeber, Near, oder der heuchlerische Mörder diese Aufzeichnungen liest, sollte ich wenigstens eine gewisse Grundhöflichkeit zur Schau stellen und mich am Ende dieses Prologs kurz vorstellen. Ich bin ihr Schreiber, Navigator, Märchenerzähler. Für jeden außer diesen beiden ist meine Identität nicht von Belang, doch ich bin der Zweitplatzierte der damaligen Zeit der Stilvollste von allen, der wie ein Köter starb, Mihael Keehl. Ich nannte mich selbst einst Mello und war unter diesem Namen bekannt, doch das ist lange her.

Meine Erinnerungen sind lebendig, doch voll von Albträumen.
 

~†~
 

Nachwort: Ich hoffe, nach der Korrektur ist es besser als die erste Fassung. >< Richtiger auf alle Fälle!

Die Nachricht

Die LA BB Serienmordfälle – ein äußerst einprägsamer Titel. Doch der Fall wurde nicht von Anfang als solcher bezeichnet. Während des Geschehens sprach man von den Strohpuppenmorden oder von den LA Serienmorden hinter verschlossenen Türen. Oder von ganz anderen grauenvollen Namen. Diese Tatsache widerstrebte Beyond Birthday – dem Täter des besagten Falls – zweifelsfrei. Ich hingegen denke, dass diese Titel eine genauere Beschreibung davon liefern, was genau vorgefallen war.
 

Wie dem auch sei. Der Morgen nach Beyond Birthdays drittem Mord war der des 14. Augusts 2002. Es war 8:15 Uhr, FBI-Agentin Naomi Misora blinzelte gerade verschlafen und sah sich von ihrem Platz im Bett aus in ihrer leeren 1-Zimmer-Wohnung um. Sie trug die gleiche dunkle Lederjacke und die dazu passende Hose, wie am Tag zuvor, da sie einen Großteil der Nacht damit verbracht hatte, in der Innenstadt umherzuwandern. Als sie zurückgekommen war, hatte sie ihr Motorrad draußen abgestellt und war, ohne auch nur geduscht zu haben, erschöpft ins Bett gefallen. Und nun wachte sie, die den ausschlaggebenden Beitrag zur Lösung des Los Angeles BB Serienmörderfalles leisten würde, endlich auf. Sie war vorübergehend vom Dienst suspendiert worden, doch das war ihr egal. Es ermöglichte ihr, dem Druck ihrer höher gestellten Kollegen zu entkommen. Vorübergehender Ruhestand, Suspendierung vom Dienst, Sommerurlaub; für sie war es alles dasselbe. Ich denke nicht, dass wir auf den Grund für ihre Suspendierung näher eingehen müssen. Fest steht jedoch, dass dies Amerika war und sie war Japanerin, weiblich, sehr gut in ihrem Job und das FBI war eine riesige Organisation – was als Information reichen sollte. Offensichtlich hatte sie durchaus Kollegen, die viel von ihr hielten. Aus diesem Grund war es ihr auch möglich gewesen, so lange in dieser Organisation zu arbeiten, doch vergangenen Monat, kurz bevor die Los Angeles BB Serienmorde statt gefunden hatten, war Naomi Misora ein erheblicher Fehler in ihrem damaligen Fall unterlaufen und dafür trug sie nun die Konsequenzen. Das war nicht die Art von Problem, die sie mit einer einfachen Motorradtour durch die Stadt aus ihrem Kopf hätte streichen können.
 

Dieses Mal hatte Misora es in Erwägung gezogen den Dienst beim FBI zu quittieren. Sie war äußerst versucht einfach alles weg zu werfen und zurück nach Japan zu gehen. Ein Teil von ihr war den ganzen Unfug, der mit ihrem Job kam, leid, aber es war ihr eigener massiver Fehler, der nun so schwer auf ihrem Gewissen lastete und sie davon abhielt, alles einfach hinter sich zu lassen. Selbst wenn nicht all dieser Druck von außerhalb auf sie eingewirkt hätte, hätte sie wohl um eine Auszeit gebeten.
 

Oder sich einfach... aus dem Berufsleben zurückgezogen.
 

Träge schleppte sie sich aus dem Bett und beschloss eine schnelle Dusche zu nehmen, um sich zu erfrischen. Ihr Blick fiel auf den Laptop, der auf ihrem Schreibtisch stand und sie stockte, als sie bemerkte, dass er eingeschaltet war. Sie erinnerte sich nicht daran ihn hochgefahren zu haben und sie war gerade erst aufgewacht. Hatte sie ihn letzte Nacht angeschaltet, als sie nach Hause gekommen war? Warum aber hatte sie sich dann nicht umgezogen? Zu nachlässig ihn angeschaltet zu lassen, während sie geschlafen hatte... Sie konnte sich nicht daran erinnern, den Knopf gedrückt zu haben, aber der Bildschirmschoner war an, also hatte sie es wohl getan. Misora zog die schwere Hose und die Jacke aus, ging hinüber zum nahe stehenden Schreibtisch und bewegte die Maus leicht mit der Hand. Der Bildschirmschoner verschwand und Misora wandte ihren Blick dem blinkenden Mailboxsymbol zu; sie hatte eine neue E-Mail. War sie womöglich sogar eingeschlafen, während sie die Post überprüft hatte...? Misora dachte darüber nach, während sie auf den Posteingang klickte. Nur eine neue Nachricht. Von Raye Penber. Er war Misoras derzeitiger Lebensgefährte und ebenfalls beim FBI. Er war einer dieser Agenten, die viel von ihr hielten und doch hatte er Misora einmal gesagt: „Es ist eine gefährliche Arbeit. Du solltest besser den Beruf wechseln.“ Ihre vorübergehende Suspendierung war fast vorbei, also hatte die E-Mail sicher damit zu tun. Sie klickte auf die Überschrift 'Kein Betreff'.
 

‚Sehr geehrte Frau Misora,
 

Entschuldigen Sie diesen Weg der Kommunikation.
 

Ich erbitte Ihre Zusammenarbeit in einem bestimmten Fall. Wenn Sie dazu bereit sind mir zu helfen, greifen Sie bitte am 4. August um 9 Uhr auf den dritten Block der dritten Ebene des Funny Dish Servers zu. Die Verbindung wird fünf Minuten lang anhalten. (Bitte hacken Sie sich selbst durch die Firewall.)
 

L
 

PS: Um Sie zu kontaktieren erlaubte ich es mir die Adresse Ihres Freundes zu benutzen. Dies war der einfachste und sicherste Weg, also verzeihen Sie mir bitte. Unabhängig davon, ob sie mir helfen werden oder nicht, muss ich Sie bitten diesen Computer innerhalb von 24 Stunden nach dem Lesen dieser Nachricht zu zerstören.’
 

„...“
 

Kaum, dass sie zu Ende gelesen hatte, las Misora die gesamte Nachricht noch einmal und schließlich überprüfte sie den Absendernamen erneut.

L.
 

Sie war zwar suspendiert worden, aber sie war immer noch FBI-Agentin und erkannte den Namen. Es wäre unverzeihlich gewesen, das nicht zu tun. Sie zog es in Erwägung, dass Raye oder ein anderer Agent ihr einen Streich spielte, doch sie konnte nur schwer glauben, dass jemand es wagte so zu unterzeichnen. L zeigte sich nie öffentlich, doch Misora hatte einige Horrorgeschichten darüber gehört was mit Detektiven passiert war, die versucht hatten, sich als L auszugeben. Es war also sicher zu sagen, dass niemand es sich erlauben würde, nicht einmal als Scherz.
 

Also...
 

„Aw, verdammt!“
 

Sie dachte darüber nach während sie duschte, wusch die Erschöpfung der letzten Nacht von ihrem Körper, trocknete schließlich ihr langes, dunkles Haar und gönnte sich eine Tasse dampfenden Kaffee.
 

Doch eigentlich tat sie nur so, als würde sie wirklich über die Sache nachdenken – im Endeffekt hatte sie nämlich kaum eine Wahl. Kein FBI-Agent, geschweige denn einer mit einem niedrigen Rang, könnte es je in Erwägung ziehen, ein Anliegen Ls abzulehnen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Misora kein besonders positives Bild von dem Detektiv, also musste sie wenigstens so tun, als zögere sie und sei es nur, um sich selbst zu beruhigen. Wenn man schlussendlich Naomi Misoras Persönlichkeit in Betracht zog, machte ihr Zögern durchaus Sinn. Sie bedauerte nur, dass L sich in ihren brandneuen Laptop, den sie vergangenen Monat erst gekauft hatte, gehackt hatte und sie ihn nun sofort ersetzen würden musste.
 

„Das stört mich kein bisschen... Das heißt – tut es schon, aber...“
 

Sie hatte gar keine Wahl.
 

Als die Uhr 8:55 Uhr schlug, setzte sie sich an ihren Laptop, der nun noch 23 Stunden zu Leben hatte und folgte Ls Anweisungen. Sie war kein professioneller Hacker, aber sie hatte einige Basics in der Ausbildung zur FBI-Agentin gelernt.
 

Sobald sie sich Zugriff verschafft hatte, leuchtete der Bildschirm weiß auf und ein großes, umständlich verziertes L erschien in der Mitte. Sie atmete erleichtert aus, als sie es sah.
 

„Frau Naomi Misora.“
 

Die Stimme, die aus den Lautsprechern ihres Laptops kam, war offensichtlich verstellt. Sie war jedoch unter Ermittlungsbeamten weltweit die international bekannte Stimme Ls. Es war das erste Mal, dass Misora sie hörte, doch sie klang genauso, wie sie sie sich immer vorgestellt hatte: Unpersönlich, so als würde sie in einer Fernsehsendung vorgestellt werden - obgleich sie nie in einer Fernsehsendung aufgetreten war. Sie konnte also nur vermuten, wie es sich anfühlte.
 

„Ich bin L.“
 

„Freut mich...“
 

Misora unterbrach ihre Begrüßung, als sie bemerkte, dass ihr Laptop nicht mit einem Mikrofon ausgestattet war. Stattdessen tippte sie: „Hier ist Naomi Misora. Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen sprechen zu dürfen, L.“ Wenn die Verbindung sicher war, dann ging sie davon aus, dass ihre Worte ankamen.
 

„Frau Naomi Misora, sind Sie vertraut mit den Morden, die derzeit in LA stattfinden?“
 

L kam ohne Umschweife und ohne auf ihre Begrüßung einzugehen zum Punkt. Womöglich, weil sie ihre Übertragung um 9:05 Uhr beenden mussten, doch es kratzte trotzdem ein bisschen an Misoras Nerven. Wenn er ihre vollste Kooperation als Partner wollte, dann sollte er sich etwas natürlicher verhalten und sie auch wie einen Partner behandeln und nicht einfach davon ausgehen, dass sie ihm helfen würde. Genervt tippte sie besonders lautstark in die Tasten.
 

„Ich bin nicht so fähig, dass ich grundsätzlich über alle Morde, die in ganz LA stattfinden, informiert sein kann.“
 

„Oh, tatsächlich nicht? Nun, ich schon.“
 

Er warf ihren Sarkasmus einfach doppelt so hart zurück und fuhr fort.
 

„Ich spreche von dem Fall, dessen drittes Opfer gestern gefunden wurde. Es ist anzunehmen, dass die Zahl der Morde in Zukunft noch steigen wird. In den HHN Nachrichten wurde im Bezug auf diesen Fall von den Wara Ningyo – also Strohpuppenmorden – berichtet.“
 

„Die Wara Ningyo Morde?“
 

Sie kannte diesen Fall nicht; sie hatte es absichtlich vermieden, während ihrer Suspendierung die Nachrichten zu schauen. Der Ausdruck war ihr bekannt, schließlich war sie bis zur Oberstufe in Japan aufgewachsen, aber es mit englischer Aussprache zu hören, ließ es fremd klingen.
 

„Ich will diesen Fall lösen“, erklärte L ihr. „Der Täter muss fest genommen werden. Hierfür, Frau Naomi Misora, ist Ihre Kooperation notwendig.“
 

„Meine, ach wirklich? Wieso?“ Misora antwortete knapp. Ob L ihre Frage als „Warum ist meine Kooperation notwendig“ oder als „Warum muss ausgerechnet ich mit Ihnen zusammen arbeiten?“ auffasste, lag bei ihm. Er schien es jedoch als ersteres zu interpretieren.
 

„Weil Sie eine exzellente Ermittlerin sind, Frau Naomi Misora.“
 

„Aber ich bin im Moment außer Dienst.“
 

„Ich weiß. Ich betrachte diese Tatsache als Vorteil.“
 

Er hatte gesagt, es gab drei Opfer. Somit hatte der Fall wohl noch keinen Grad erreicht, bei dem sich das FBI einschalten würde. Das erklärte, warum L sie nicht über eben jenes kontaktiert hatte. Es war daher wohl sicher anzunehmen, dass er den Direktor des FBIs gänzlich umgangen hatte, um sie auf direktem Wege zu kontaktieren. Er gab ihr nicht einmal Zeit darüber nachzudenken. Aber... wieso sollte er einen Mörder jagen, bei dem das FBI ablehnte, sich mit dem Fall zu beschäftigen? Dennoch... sie musste ihm antworten, über diesen Laptop und zwar schnell.
 

Sie blickte auf die Uhr. Weniger als eine Minute blieb ihnen noch, bis die Verbindung um 9:05 Uhr abbrechen würde.
 

„Also gut“, willigte sie letztendlich ein. „Ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann.“
 

Ls Antwort kam unverzüglich. „Vielen Dank. Ich wusste, Sie würden einwilligen, wenn ich erst mit Ihnen gesprochen habe.“
 

Seine Stimme zeigte nicht einmal eine Spur Dankbarkeit. Doch vielleicht konnte man das auf die verzerrte Tonlage schieben.
 

„Ich werde Ihnen erklären, wie Sie mit mir in Kontakt treten können. Wir haben nicht viel Zeit, darum wird die Anleitung kurz ausfallen. Zu erst...“
 

. : :: :: :: : .
 

Zuerst musste sie wenigstens die Zusammenfassung des Los Angeles BB Serienmörderfalls kennen. Am letzten Julitag des Jahres 2002 wurde ein Mann in seinem Einfamilienhaus in der Insist Street in Hollywood, Los Angeles ermordet. Sein Name war Believe Bridesmaid, er war freiberuflicher Autor und lebte alleine. Er schrieb unter verschiedenen Namen für verschiedene Herausgeber und war verhältnismäßig bekannt in der Szene. Die Todesursache war Strangulation. Er war von hinten mit einem Strick erwürgt worden, nachdem er mit Drogen betäubt und besinnungslos gemacht worden war. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf, obgleich dieser Beweis umstritten war; der Mörder war gut in dem was er tat. Der zweite Mord ereignete sich vier Tage später, am 4. August 2002. Dieses Mal handelte es sich um ein Mädchen namens Quarter Queen in einer Mietwohnung in der Third Avenue. Sie wurde erschlagen. Die Schädeldecke war mit etwas langem, hartem gespalten worden. Sie schien ebenfalls zuvor betäubt worden zu sein. Ich erwähne das, da es die beiden Verbrechen verbindet. Gut, jeder, der den Tatort gesehen hat, hätte die beiden Morde sofort miteinander in Verbindung gebracht.
 

An beiden Orten des Geschehens waren Strohpuppen an die Wand genagelt worden, vier bei dem Vorfall in der Insist Street und drei in der Third Avenue.
 

Von den Strohpuppen, die man am Ort des ersten Verbrechens gefunden hatte, war von der Polizei berichtet worden, was die Möglichkeit, dass das zweite Verbrechen eine Nachahmung war, durchaus möglich machte. Es gab jedoch andere kleine Übereinstimmungen, die die Polizei dazu brachte, die Fälle als Serienmorde, statt als Zufälle zu behandeln. Doch es gab auch ein großes Problem mit dieser These: Neben den Strohpuppen gab es keine anderen Gemeinsamkeiten zwischen Believe Bridesmaid und Quarter Queen. Es gab keine gemeinsamen Einträge in ihren Mobiltelefonen. Keiner hatte die Visitenkarte des jeweils anderen. Quarter Queen hatte noch nicht einmal ein Mobiltelefon oder eine Karte besessen – sie war erst 13 Jahre alt gewesen. Es gab keine anderen offensichtlichen Verbindungen zwischen ihr und dem 44-jährigen Schriftsteller. Wenn man davon ausging, dass es wirklich einen Bezug gab, dann wahrscheinlich über die Mutter des Mädchens, welche während des Mordes ihrer Tochter unterwegs gewesen war. Aber wenn man die unterschiedlichen Tatorte bedachte, dann war selbst das noch ziemlich weit hergeholt.
 

In den Tagen von alten Detektivgeschichten wurde immer eine Verbindung zwischen den ersten beiden Opfern und dem dritten gefunden. Auch bei diesen Untersuchungen konzentrierte man sich darauf, doch man fand nichts. Neun Tage vergingen, bis am 13. August 2002 der dritte Mord geschah. Die Medien nutzen diese Zeitspanne, um den Fall als die Strohpuppenmorde bekannt zu machen.
 

Dieses Mal fand man zwei Strohpuppen an die Wand genagelt. Ihre Anzahl nahm mit jedem Mord um eins ab.
 

Es geschah im Westen der Stadt in einem Stadthaus in einem Wohngebiet nahe der Glass Station Metro. Der Name des Opfers war Backyard Bottomslash und sie war eine 28-jährige Bankangestellte. Es bestand die Möglichkeit, dass er ihr Alter so gewählt hatte, dass es zwischen das des ersten und das des zweiten Opfers fiel. Es ist wohl nicht nötig zu sagen, dass es keinen Zusammenhang zwischen ihr und Believe Bridesmaid oder Quarter Queen gab. Es war unwahrscheinlich, dass sie sich überhaupt jemals auf der Straße begegnet waren. Todesursache war Blutverlust aufgrund von schweren inneren Blutungen. Strangulation, Totschlag, Verbluten... jeder Mord war auf unterschiedliche Weise geschehen und keiner gab auch nur einen Hinweis auf Verbindungen zu einem der anderen. Es war, als experimentiere er mit jedem Opfer, als teste er bei einem nach dem anderen etwas Neues, keines jedenfalls starb auf natürlichem Wege. Kein Anhaltspunkt des Mörders wurde während der Ermittlungen gefunden. Die Polizei war ratlos. Der Täter war in seiner Sache bei weitem besser als die Polizei. Ich habe nicht vor Beyond Birthday zu loben, doch in diesem Punkt kann ich sagen, was er sich verdient hat.
 

Ach ja, es gab einen weiteren gemeinsamen Faktor zwischen den drei Schauplätzen, abgesehen von den Strohpuppen. Jeder der drei Morde geschah hinter von innen verriegelten Türen. Wie in einer alten Detektivgeschichte. Das Ermittlungsteam jedoch legte kein großes Gewicht auf diese Tatsache. Nachdem sie die Unterlagen bezüglich der Ermittlungen von L erhalten hatte, schenkte Naomi Misora hingegen gerade dieser „verschlossenen Raum-Sache“ ihre Aufmerksamkeit und es war ihr unbehaglich. Sie hielt es für den Schlüssel zur Lösung des Puzzles.
 

Nachdem sie am 25. August einen Aufruf von L erhalten hatte, machte sich Naomi Misora, die nun unter Anleitung von L und nicht als FBI-Agentin arbeitete, auf, um ihre Ermittlungen zu beginnen. Da sie nicht im Dienst war, hatte sie ihr Abzeichen und ihre Handschellen sowie alle anderen dienstlichen Geräte, die sie besessen hatte, abgeben müssen. Sie rannte also geradezu blindlings in diesen Fall, nicht besser bewaffnet als ein Zivilist.
 

Trotzdem fühlte sie sich nicht wie einer. Sie war während ihrer Ermittlungen niemals dazu geneigt gewesen von ihrer Autorität Gebrauch zu machen. Ihr mentaler Zustand war etwas wackelig, also war sie nicht in der besten Verfassung diesen Fall anzugehen, aber was das anging war sie L nicht unähnlich. Mit anderen Worten, sie war nicht gut darin in einem Team zu arbeiten, alleine zu ermitteln würde sie von der üblichen Dummheit der Gruppe verschonen und ihr helfen, ihre eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
 

Unbekümmert kam Misora am späten Mittag des 15. Augusts in der Insist Street in Hollywood, dem Ort des ersten Mordes, an. Während sie ihr Mobiltelefon aus der Tasche angelte, dachte sie, dass das Haus etwas groß aussah für einen Junggesellen, der alleine lebte. Dann wählte sie die Nummer, die sie bekommen hatte. Man hatte ihr gesagt, dass sie fünffach verschlüsselt und vollkommen sicher war, um sowohl sie als auch L zu schützen.
 

„L. Ich befinde mich vor Ort.”
 

„Gut”, sagte die künstliche Stimme, als hätte L auf sie gewartet.
 

Misora fragte sich, wo L war, in welcher Umgebung er sich befand, wenn er ermittelte, doch sie merkte schnell, dass das im Moment nicht wichtig war.
 

„Was soll ich als nächstes machen?“
 

„Sind Sie im Moment direkt am Tatort, Frau Naomi Misora? Oder sind Sie außerhalb des Gebäudes?“
 

„Außerhalb. Ich blicke von der Straße aus auf das Haus. Ich habe es noch nicht betreten.“
 

„Dann tun Sie dies jetzt bitte. Sie werden keinen Schlüssel benötigen; es sollte nicht verschlossen sein.“
 

„In Ordnung“, antwortete sie Zähne knirschend. Sie musste sich beherrschen nicht wieder einen sarkastischen Kommentar loszulassen. Solche Vorbereitungen konnten womöglich als Zeichen der Achtung betrachtet werden, aber Misora wäre sehr wohl in der Lage gewesen, das Gebäude selbst zu betreten und sie war nicht dankbar für die zusätzliche Hilfe.
 

Sie betrat das Grundstück durch das Tor. Das Opfer war im Schlafzimmer ermordet worden - dank ihrer Erfahrung beim FBI erkannte Misora den generellen Aufbau des Hauses schon von außerhalb. In einem Haus wie diesem befand sich das Schlafzimmer wahrscheinlich im ersten Stock, also begab sie sich dorthin. Es waren zwei Wochen seit dem Mord vergangen, aber offensichtlich hielt man das Haus dennoch sauber. Es lag nirgendwo Staub.
 

„Aber L…“
 

„Was ist?”
 

„Den Informationen zu Folge, die Sie mir gestern gegeben haben, hat die örtliche Polizei Ihre sachgemäßen Ermittlungen hier bereits abgeschlossen.“
 

„Ja.“
 

„Ich bin mir nicht sicher, wie Sie das angestellt haben, aber Sie sind bereits an die Polizeiberichte gekommen.“
 

„Ja.“
 

„…“
 

Nicht besonders kooperativ.
 

„Ist es dann nicht etwas sinnlos, dass ich hier her gekommen bin?“
 

„Nein“, antwortete L. „Ich erwarte von Ihnen, etwas zu finden, was die Polizei bei ihren Untersuchungen am Tatort übersehen hat.“
 

„Ah... das erklärt alles.“

Vielleicht.

Nein, eigentlich erklärte das gar nichts.
 

„Man sagt, man solle einen Tatort einhundert Mal besuchen, also ist es wohl nie vergeblich, dort hin zu gehen Es ist einige Zeit vergangen, also ist es gut möglich, dass etwas Neues zum Vorschein gekommen ist. Frau Naomi Misora, das erste, worüber wir in diesem Fall nachdenken müssen, ist die Verbindung zwischen den Opfern. Was verbindet Believe Bridesmaid, Quarter Queen und das neuste Opfer, Backyard Bottomslash? Oder gibt es keine Verbindung und die Morde geschahen völlig wahllos? Selbst wenn es so wäre, müsste es irgendeine Logik geben, nach welcher der Mörder seine Opfer auswählt. Mit anderen Worten, ich bitte Sie darum, den fehlenden Zusammenhang zu finden, Frau Naomi Misora.“
 

„Ich verstehe...”
 

Eigentlich tat sie das nicht, aber sie begann zu verstehen, dass es sinnlos war mit L zu diskutieren, also beschloss sie nicht viel zu fragen. Außerdem hatte sie gerade das Schlafzimmer gefunden. Die Tür öffnete sich nach innen und hatte einen Türknauf, mit dem sich die Tür nur von einer Seite verschließen ließ. Ein verschlossener Raum.
 

An den beiden anderen Tatorten hatte es ebenfalls einen solchen Türknauf gegeben - es war in den Polizeiberichten vermerkt. Konnte das die Verbindung zwischen den Opfern...? Aber nein, wenn es in dem Bericht stand, hätte L es längst bemerkt. Er wollte, dass sie irgendetwas Neues fand.

Es war ein sehr großer Raum, aber es gab nicht viel Mobiliar, wodurch er nicht überfüllt wirkte. Es gab lediglich ein großes Bett in der Mitte und einige Bücherregale. Die Bücher beschäftigten sich alle mit freizeitlichen Dingen. Es gab auch einige japanische Comics, was darauf schloss, dass Believe Bridesmaid diesen Raum ausschließlich zur Entspannung genutzt hatte. Er schien also der Typ Mensch gewesen zu sein, der Arbeit und Privates strikt trennte - etwas ungewöhnlich für einen freiberuflichen Autor. Wahrscheinlich gab es irgendwo oben ein Arbeitszimmer, überlegte Misora und blickte nachdenklich an die Zimmerdecke. Sie würde sich das später ansehen müssen.
 

„Im Übrigen, Frau Naomi Misora. Was denken Sie über den Verbrecher in diesem Fall? Ich würde an diesem Punkt gerne Ihre Folgerungen hören.“
 

„Ich denke nicht, dass meine Meinung viel helfen wird.“
 

„Jede Meinung ist bedeutend.“
 

„…“
 

Oh?
 

Misora antwortete zuerst nicht und dachte über Ls Aussage nach.

„...Ich denke, der Mörder ist abnormal“, gab sie zu, antwortete ihm direkt, anstatt um den heißen Brei herum zu reden, wie sie es am Vortag getan hatte. Das war es gewesen, was sie gestern gedacht hatte, während sie die Unterlagen gelesen hatte. „Nicht nur, weil er drei Menschen umgebracht hat. Jede noch so kleine Handlung, die er unternommen hat, verstärkte diesen Eindruck bei mir. Und er versucht nicht einmal, es zu verbergen.“
 

„Zum Beispiel?“
 

„Zum Beispiel Fingerabdrücke. Die Polizei konnte keinen einzigen finden; er hat den gesamten Tatort abgewischt.“
 

„Ah. Aber Frau Naomi Misora, ist es für einen Kriminellen nicht ein elementares Verhalten, seine Fingerabdrücke vom Tatort zu entfernen?“
 

„Nicht so, nein. Er hat es übertrieben.“
 

Sie war genervt. Sie wusste, dass L genau verstand, worauf sie hinauswollte und dass er sie testete. Er testete sie, um zu sehen ob sie dazu in der Lage war, ihm als Unterstützung vor Ort zu dienen.
 

„Der Täter hätte einfach Handschuhe tragen können“, fuhr sie fort. „Hat er aber nicht. Er wischte jeden Tatort ab, so dass keine Abdrücke gefunden wurden - weder seine noch die des Opfers. Zuerst dachte ich, er wäre vielleicht so oft im Haus des Opfers gewesen, dass er nicht mehr gewusst hatte, was er alles angefasst hatte, aber als ich las, dass er sogar die Glühbirnen herausgeschraubt hat, um die Fassung abzuwischen, änderte das alles. Also wenn das nicht abnormal ist…“
 

„Ja, ich stimme zu.“
 

„…“
 

Welch Überraschung!
 

„Um darauf zurück zu kommen, was ich zuvor sagte: Wenn er so paranoid ist, dann denke ich nicht, dass ich irgendwelche neuen Beweise hier finden werde, L. Er gehört zu der Sorte Verbrecher, die keine Fehler macht.“
 

Fehler. Wie den, den sie selbst erst letzten Monat begangen hatte.
 

„Für gewöhnlich findet das Ermittlungsteam einen Fehler, den der Verbrecher begangen hat und verwendet ihn, um diesen zu fassen.“
 

„Ja, da stimme ich zu“, wiederholte L. „Was ist jedoch mit etwas, was gar kein Fehler ist?“
 

„Kein Fehler?“
 

„Ja. Gibt es irgendetwas dort, was die Polizei übersehen haben könnte? Etwas, was der Täter womöglich mit Absicht hinterlassen hat?“
 

Mit Absicht? Taten Verbrecher so etwas? Warum sollte jemand Beweise absichtlich hinterlassen, vor allem dann, wenn sie dazu beitragen könnten, ihn zu fassen? Er würde niemals... oder etwa doch? Misora dachte an die Strohpuppen und an die verschlossenen Räume. Das waren keine Fehler gewesen. Der Mörder hatte das mit Absicht getan. Gerade was die verschlossenen Räume anging. Normalerweise tat man so was, wenn man den Mord als einen Selbstmord tarnen wollte. Doch das erste Opfer war von hinten erwürgt worden, das zweite mit einer Waffe erschlagen, die nicht gefunden wurde und auf das dritte Opfer war ebenfalls mit einer Waffe eingestochen worden, die nicht am Tatort zurückgelassen wurde. Nichts davon könnte je für einen Selbstmord gehalten werden. Was hieß, es machte keinen Sinn, eine Situation mit verschlossenen Türen zu kreieren. Es war kein Fehler, aber es war unnatürlich.
 

Die Puppen, die an die Wand genagelt worden waren, mussten ein weiterer Hinweis sein. Misora verstand den ganzen Zusammenhang nicht.
 

Strohpuppen wie die, die der Täter hinterlassen hatte, wurden in Japan für Flüche benutzt. Daher dachten manche, dass der Täter entweder selbst japanischer Herkunft war oder einen tiefen Hass gegen Japaner hatte. Diese Puppen jedoch waren billige Versionen, die für drei Dollar in jedem nahe gelegenen Spielzeugladen gekauft werden konnten, was die Theorie wiederum zunichte machte.
 

Misora schloss die Tür hinter sich ab, dann drehte sie sich um, um die Wände sehen zu können, an denen die Puppen festgenagelt worden waren.
 

In diesem Raum waren es vier Puppen gewesen. Eine an jeder der vier Wände des Zimmers. Natürlich waren sie von der Polizei als Beweismaterial entfernt worden. Nur die Löcher waren noch da. Misora nahm die Bilder aus der Beweisakte und betrachtete sie, ein Foto für jede Puppe. Ein weiteres zeigte Believe Bridesmaid mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett, die Würgemale deutlich sichtbar an seinem Nacken.
 

Es gab ein letztes Foto in der Akte.
 

Es war ebenfalls von Believe Bridesmaid, doch diesmal in der Autopsie aufgenommen. Lange Schnitte, die von einem Messer stammten, waren auf seiner Brust zu sehen. Sie waren nicht tief, aber sie zogen sich von einer Seite der Rippen bis zur anderen. Die Wunden waren ihm erst nach seinem Tod zugefügt worden.
 

„Die Wunden der Leiche lassen darauf schließen, dass der Mörder irgendeinen Groll gegen ihn gehegt hat, womöglich wegen etwas, was er geschrieben hat? Er verfasste Artikel für eine Menge Klatschpressen; es ist sehr gut möglich, dass er sich dadurch ein paar Feinde gemacht hat.“
 

„Was ist dann aber mit dem zweiten und dritten Mord, Frau Naomi Misora? Es gab keinen Zusammenhang zwischen ihnen und ihre Leichen waren ebenfalls post mortem geschändet worden und zwar mit zunehmender Gewalt.“
 

„Er könnte das mit den anderen getan haben, um seine Wut auf Bridesmaid zu vertuschen. Oder vielleicht richtete sich sein Groll gegen eines der anderen Opfer und Bridesmaid diente der Verwirrung. Die erhöhte Brutalität könnte nur ein weiterer Versuch sein, uns zu täuschen.“
 

„Haben Sie die Akte gelesen, die darauf schließen lässt, dass er willkürlich gemordet hat?“
 

„Nein, das ist nur eine Spekulation. Es würde die Puppen erklären. Ich meine, vielleicht hat er sie hinterlassen, um zu zeigen, dass alle drei vom selben Täter getötet wurden. Die verschlossenen Räume ebenso.“
 

Alles war viel zu gut arrangiert, um ein Zufall zu sein. Drei verschiedene Stadtteile, die natürlich drei verschiedene Polizeieinheiten aufmerksam machten. Er versuchte, sie zu verwirren. Er wusste, je mehr Leute darin verwickelt wurden, desto mehr geteilte Meinungen würde es geben, desto mehr Verwirrung würde sich unter ihnen verbreiten. Dass er als zweites Opfer ein kleines Mädchen wählte, mag nur dazu gedient haben, ihn wie einen Psychopathen aussehen zu lassen.
 

„Er ließ die Verbrechen mit Absicht abnorm scheinen“, erklärte L ihr. „Allein das ist schon abnormal genug.“
 

Misora war überrascht L etwas so Sentimentales sagen zu hören. Es war eine Überraschung, die an Bewunderung grenzte. Sie beeilte sich weiter zu sprechen, um sich nichts anmerken zu lassen.
 

„Um ehrlich zu sein, L, ich fühle mich etwas lächerlich, wenn ich versuche eine Verbindung zwischen den Opfern zu finden. Die Polizei hat gründlich ermittelt und ehrlich gesagt halte ich es für sinnvoller, jede einzelne Person, die die Opfer kannten, zu überprüfen. Zum Beispiel das letzte Opfer, Backyard Bottomslash, stand durch ihren Beruf mit dutzenden von Menschen in Kontakt und doch-“
 

„Aber Frau Naomi Misora“, unterbrach L sie. „Wir haben noch nicht alle Beweise gesammelt. Ich fürchte, es wird ein viertes Opfer geben und zwar schon sehr bald.“
 

„Oh...”
 

Er hatte das bereits am Vortag erwähnt. Aber was brachte ihn zu diesem Rückschluss? Es war möglich, da der Mörder noch auf freiem Fuß war, doch genauso gut konnten die Morde nach diesen drei enden. Weitere Morde hingen mehr von seiner Laune ab, als von irgendetwas anderem, doch selbst wenn, war die Möglichkeit eines weiteren Vorfalls nur fünfzig zu fünfzig.
 

„Die Anzahl der Strohpuppen“, wies L sie hin. „Mit jedem Mord sinkt sie um eins. Wo Sie jetzt gerade sind, waren es vier. In der Stadtmitte waren es drei und zwei an der Westseite. Das macht eine weitere.“
 

„Stimmt. Also?“
 

„Nach dem nächsten Mord werden keine Puppen mehr übrig sein.“
 

...Das war richtig. Selbst wenn er wirklich wahllos mordete, um von seinem wahren Ziel abzulenken, dann würde sein Plan mit steigender Zahl der Opfer nur noch effektiver. Natürlich war jeder weitere Mord auch ein zusätzliches Risiko, doch das schien er in Kauf zu nehmen. Es gab durchaus Mörder, für die die Morde selbst die Gefahr wert waren. Und es war abnormal, vorzugeben abnormal zu sein…
 

„Also, L… Sie denken, es wird noch zwei weitere Morde geben?“
 

„Ich bin zu neunzig Prozent sicher“, antwortete er. „Eigentlich sogar hundert Prozent, doch wenn man mögliche Zwischenfälle berücksichtigt, wie zum Beispiel, dass dem Täter zuvor etwas zustößt, kommt man auf neunzig, vielleicht zweiundneunzig Prozent. Aber Frau Naomi Misora, es wird nur einen weiteren Mord geben, keine zwei. Die Wahrscheinlichkeit, dass er einen fünften Mord begehen wird, beträgt nur dreißig Prozent.“
 

„Dreißig Prozent...?“ Das war eine ziemlich geringe Wahrscheinlichkeit. „Warum dreißig? Wenn wir davon ausgehen, dass eine Strohpuppe für ein Opfer steht, hat er nach dem nächsten Mord noch eine-“
 

„Weil er dann keine Puppe mehr übrig hätte, die er am Tatort beim fünften Opfer zurücklassen könnte und es ihm folglich nicht möglich wäre, einen Zusammenhang zu diesem und den anderen vier herzustellen.“
 

„Oh... ich verstehe.“
 

Misora wollte sich selbst für ihre Dummheit schlagen. Natürlich würde es kein fünftes Opfer geben, wenn er dann keine Puppe hinterlassen könnte. Keine Puppe würde heißen, dass der Mord genauso gut von irgendjemandem anderem begangen worden sein könnte und er hinterließ sie als seine Visitenkarte. Keine Puppen mehr bedeuteten keine Morde mehr.
 

„Die Wahrscheinlichkeit eines fünften Mordes beträgt dreißig Prozent, da die Möglichkeit besteht, dass der Täter einfach nicht so weit gedacht hat. Da er aber paranoid genug ist, sogar die Glühbirnen von Fingerabdrücken zu säubern, bezweifle ich dies.“
 

„Also wird es insgesamt vier Opfer geben. Das nächste ist das letzte.“
 

„Nein“, sagte L und seine künstliche Stimme klang schlagkräftig. „Es wird kein viertes Opfer geben, jetzt, wo ich an diesem Fall arbeite.“
 

...Er war selbstsicher. Oder war es Stolz?
 

Keines von beiden war etwas, worauf Misora sich verlassen hätte. Schon gar nicht in den letzten Wochen.
 

Was war Selbstsicherheit?

Was war Stolz?

Misora wusste es nicht mehr.
 

„Ich habe Sie ausgewählt, mich in diesem Fall zu unterstützen, da ich ihre Fähigkeiten als Ermittlerin schätze, Frau Naomi Misora.“
 

„Tun... Sie das?“
 

„Ja. Dieser Fall erfordert eine ruhige Gesinnung. Sie können es sich nicht erlauben, sich von seiner sonderbaren Art erschüttern zu lassen. Das ist es, was ich folglich von ihnen verlange.“
 

„L, sind Sie sich darüber bewusst, dass ich derzeit beurlaubt bin?“
 

„Ja. Darum bat ich Sie um Ihre Kooperation. Sie sind in der Position sich frei zu bewegen.“
 

„Dann müssen Sie wissen, warum ich beurlaubt wurde.“
 

„Nein, das tue ich nicht.“
 

Misora war überrascht.
 

„...Sie haben das nicht überprüft?“
 

„Nein. Es interessiert mich nicht. Sie sind eine gute Ermittlerin und können frei agieren, wie sie wollen und das ist alles, was für mich zählt - sollte es allerdings einen Grund geben, warum ich es wissen sollte, geben Sie mir eine Minute, um ihn herauszufinden.“
 

Misora lächelte ironisch. Es war amüsant, wie ihr Fehler so bekannt sein konnte und doch der Welt größter Detektiv keine Ahnung davon hatte, aus dem einfachen Grund, dass es ihn nicht interessierte. Alles, was für ihn von Bedeutung war, war die Tatsache, dass sie beurlaubt war. L schien Humor zu haben.
 

„Also, um den vierten Mord zu verhindern, sollten wir unsere Untersuchungen beginnen. Was soll ich zuerst tun, L?“
 

„Was können Sie tun?“
 

„Was immer Sie mir sagen“, entgegnete Misora. „Wollen Sie, dass ich eine weitere, unabhängige Durchsuchung des Zimmers vornehme? Wonach soll ich suchen?“
 

„Nach einer Art Botschaft.“
 

„Eine Botschaft?“
 

„Ja. Es gibt etwas, was nicht im Polizeibericht enthalten war. Am 22. Juli, neun Tage vor dem ersten Mord, war ein Brief an das Hauptquartier der Polizeiabteilung von L.A. geschickt worden.“
 

„Ein Brief?“ Wovon redete er? Die Polizeiabteilung von L.A. ...? „Ging es um etwas, was mit dem Fall zusammenhängt?“
 

„Die Polizei konnte keinen Zusammenhang erkennen, doch ich glaube, dass es einen gibt, ja.“
 

„Wie sicher sind Sie sich?“
 

„Achtzig Prozent“, antwortete er ohne Umschweife. „Der Absender benutzte ein Versandsystem mit welchem er den Ort, von wo aus er den Brief abgeschickt hat, verbergen konnte. Der Inhalt des Umschlags war ein Kreuzworträtsel, das auf ein einzelnes Stück Papier geschrieben worden war.“
 

„Ein Kreuzworträtsel? Hm...“
 

„Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, Frau Naomi Misora. Der Schwierigkeitsgrad war so hoch, dass niemand es lösen konnte. Es ist möglich, dass niemand es ernst genommen hat, doch mehrere Angestellte der Polizeiabteilung versuchten es und scheiterten.“
 

„Ich verstehe. Also, was ist damit?“
 

„Sie taten es noch am gleichen Tag als Dummejungenstreich ab. Es gelang mir jedoch über Kontakte in der Auskunftsabteilung eine Kopie zu bekommen. Sie kam gestern hier an.“
 

„Gestern...“
 

Das erklärte, warum es nicht in dem Polizeibericht enthalten gewesen war, den er ihr geschickt hatte. Also hatte L sich von einem anderen Blickwinkel aus an den Fall angenähert, als sie.
 

„Ich habe es gelöst“, sagte L.
 

Also waren die Annahmen der Polizeiabteilung von L.A. falsch gewesen. Misora war ein bisschen enttäuscht von ihnen, doch sie kam nicht wirklich zu Wort.
 

„Falls meine Lösung korrekt ist, verrät das Rätsel die Adresse, wo der erste Mord stattfand.“
 

„Insist Street, Hollywood... Hausnummer 221? Da bin ich gerade. Aber wenn das wahr ist, dann...“
 

„Exakt. Er teilte ihnen mit, dass er diese Morde begehen würde. Da jedoch niemand in der Lage gewesen ist, es zu lösen, konnte es niemand verhindern, aber...“
 

„Aber die Polizeiabteilung bekam keine Hinweise für den zweiten und dritten Mord?“
 

„Korrekt. Ich weitete meine Suche über den gesamten Staat California aus, aber es existiert kein weiterer solcher Brief. Ich suche weiter danach, doch...“
 

„Wenn das der Fall ist, dann - nein, das kann kein Fehler sein, vor allem dann nicht, wenn die Adresse so konkret war. Aber warum hat er neun Tag gewartet, bis er den Mord beging?“
 

„Der Zeitraum zwischen dem zweiten und dritten Mord beträgt ebenfalls neun Tage, der 4. August und der 13. August. Er scheint irgendeine Vorliebe für diese Zahl zu haben.“
 

„Aber der Zeitraum zwischen dem ersten und zweiten Mord betrug vier Tage... Ist etwas Unerwartetes passiert?“
 

„Ja, das ist möglich. Es gibt jedoch trotzdem einen Spielraum dabei. Neun, vier, neun... Obgleich er zu der Sorte von Mörder gehört, die die Polizei vorwarnt, bevor sie ein Verbrechen begeht. Abgesehen von den Strohpuppen muss er einen weiteren Hinweis hinterlassen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht hat, ist sehr gering.“
 

„Ah... in Ordnung.“
 

Etwas, was er absichtlich hinterlassen hatte, aber nicht die Strohpuppen. Etwas, was so schwierig zu deuten war, wie dieses Kreuzworträtsel. Nun verstand sie, warum L sie um ihre Mitarbeit gebeten hatte. Er brauchte jemanden, der die Tatorte wirklich aufsuchen und persönlich erkunden konnte, allerdings professionell, wie sie es tun würde. Jemand, der seine Ansichten teilen würde.
 

Aber sie war nicht L. Er bat sie um ihre Hilfe, weil sie eine FBI-Agentin war, aber er erwartete womöglich zu viel von ihr. Sie konnte nur als seine Augen agieren, nicht für ihn denken.
 

„Alles in Ordnung, Frau Naomi Misora?“
 

„Ah... Ja natürlich.“
 

„Dann werde ich diese Unterhaltung nun beenden. Ich muss mich noch um andere Dinge kümmern.“
 

„Sicher.“
 

Er arbeitete neben diesem hier wahrscheinlich an dutzenden anderen Fällen weltweit; da konnte man nichts machen. Er verdiente den Titel ‚Weltgrößter Detektiv’ wirklich.
 

L, größter Detektiv des Jahrhunderts.
 

Der Detektiv ohne Klienten.
 

„Also dann, ich erwarte einen guten Bericht. Benutzen Sie beim nächsten Mal die fünfte Leitung, um mich zu kontaktieren.“
 

Die Verbindung wurde abgebrochen. Misora klappte ihr Handy zu und steckte es wieder ein, dann drehte sie sich um, um sich die Bücherregale anzusehen. Neben dem Bett waren sie die einzigen Möbelstücke im Raum, wenn sie diese also gründlich genug untersuchte...
 

„Nicht so schlimm, wie der Täter selbst, aber Believe Bridesmaid scheint ja auch sehr penibel gewesen zu sein...“
 

Sie zählte insgesamt siebenundfünfzig Bücher, die so eng an einander standen, dass sie Probleme damit hatte, eines herauszuziehen, um es durchzublättern. Sie blätterte die Seiten vorsichtig um, auch wenn sie sich wohl darüber im Klaren war, dass das sinnlos war. Sie musste ihre Hände einfach beschäftigt halten, während sie darüber nachdachte, was sie tun sollte. Es wäre schön und einfach gewesen, wenn die geheime Botschaft zwischen den Seiten eines Buches versteckt gewesen wäre, aber da erhoffte sie sich wohl zu viel. Der Bericht besagte, dass jede Seite auf Fingerabdrücke untersucht worden war, doch es war kein einziger zu finden gewesen. Das bedeutete nicht nur, dass der Täter absolut paranoid war, sondern auch, dass die Polizei längst durch all diese Bücher gegangen war. Man konnte also davon ausgehen, dass es da keine Botschaft zu finden gab.
 

Oder aber sie war so versteckt, dass sie vom Ermittlungsteam übersehen worden sein könnte. Etwas, was wie ein gewöhnliches Lesezeichen aussah, aber einen geheimen Code enthielt. Doch Buch für Buch offenbarte nichts, nicht einmal ein Lesezeichen. Believe Bridesmaid mochte die Art von Mensch gewesen sein, die keine benutzte - unter Bücherfreunden gab es viele, die die Druckspuren, die ein Lesezeichen hinterlassen konnte, nicht mochten.
 

Wenn der Täter allerdings so ordentlich war, wie Believe Bridesmaid, hätte er dann etwas in einem der Bücher versteckt, was dort nicht hinein gehörte...? Kaum.
 

Sie machte beim Bett weiter, zog das Laken ab, um... nichts zu finden. Das Ermittlungsteam hatte das ebenfalls schon getan. Es würde schwierig werden, etwas zu finden, was es nicht schon gefunden hatte. Das waren alles geschulte Fachleute.
 

„Ist es unter dem Teppich?“, dachte sie laut. „Hinter der Tapete? Nein, da wird es nicht sein... Wo also würde er es verstecken? Es ist nicht als Botschaft zu gebrauchen, wenn es niemand finden kann. Er übernahm die Initiative, indem er der Polizei dieses Kreuzworträtsel geschickt hat... Wo also sind die anderen Hinweise? Warum hat er das so kompliziert gemacht? Er will uns als dumm darstellen. Arg, das ist zwecklos...“
 

Es gab keine Botschaft.
 

Er machte sich über sie lächerlich.
 

„Du kannst mich nicht schlagen. Du bist mir nicht gewachsen. Das ist alles, was diese Botschaft sagt. Er verschmäht uns nur, die örtliche Polizei, die Polizeiabteilung von L.A., die gesamte Gesellschaft, die Vereinigten Staaten, die Welt... es sei denn es ist etwas Kleineres, etwas Persönliches... Eine Bedeutung, die sich nur an eine Person richtet... Dann muss es in diesem Raum etwas zu finden geben... Moment.“
 

Was, wenn es hier tatsächlich keine Nachricht gab?
 

Was, wenn sie sich einfach an irgendetwas befand, was nicht mehr hier war? Die Strohpuppen? Nein, die bedeuteten etwas völlig anderes... Aber das einzig andere fehlende Objekt war... Konnte sich der Hinweis an der Leiche des Opfers befinden?
 

Etwas an Believe Bridesmaids Leiche?
 

Sie nahm die Fotographien wieder zur Hand. Es gab zwei vom Opfer, eines nach der Autopsie und eines, was am Tatort aufgenommen worden war. Wenn der Mörder eine Botschaft an der Leiche hinterlassen hatte, dann wahrscheinlich in Form der Wunden, die durch das Messer entstanden waren und nicht durch das Würgen. Sie bedauerte, was sie zuvor zu L darüber gesagt hatte. Dass sie aussahen wie ein Zeichen für Wut auf das Opfer. Dafür waren sie zu unnatürlich. Sie musterte das Foto, welches am Tatort aufgenommen worden war und bemerkte, dass das T-Shirt, welches das Opfer getragen hatte, zwar Blut getränkt, jedoch nicht zerrissen war. Das bedeutete, dass der Mörder das Opfer erwürgt, ihm das T-Shirt ausgezogen, anschließend die Wunden mit dem Messer zugefügt und dann das T-Shirt wieder angezogen hatte. Warum würde er sich die Mühe machen, wenn er sich wegen irgendetwas über das Opfer geärgert hätte? Gab es einen Grund, warum er das T-Shirt nicht kaputt machen wollte? Dass es Blutflecken bekam schien ihm jedoch egal gewesen zu sein. Das T-Shirt gehörte aber auf jedem Fall dem Opfer. Es war das, in welchem er immer geschlafen hatte.
 

„Huch? Jetzt wo ich mir das so anschaue... sind das Buchstaben?“
 

Sie musste das Foto drehen um den Betrachtungswinkel zu ändern und sie deutlicher erkennen zu können.
 

„V...C...I? Nein,... M...noch ein V...X...? D.... drei Is in einer Reihe... L? Sieht aus wie ein L. Aber nur mit viel Phantasie…“
 

Diese Theorie funktionierte nur, wenn man gezielt danach suchte. Es war ja nicht so, dass Kanji oder Hangul Schriftzeichen allesamt aus einfachen Linien und Kurven bestanden und jeder wahllose Kratzer, egal ob mit einem Stift oder einem Messer nach irgendetwas aussah.
 

Sie hätte gerne die Meinungen des Ermittlungsteams eingeholt, was diese Buchstaben anging, doch das war ohne ihr Abzeichen unmöglich. Vielleicht konnte L das später übernehmen, falls er es nicht schon getan hatte. Das war wohl einer der Vorteile bei der Arbeit im Team, wie beim FBI. Sie konnte sich viel selbstständiger bewegen, ja, aber dafür hatte sie auch nur ihre eigene Meinung mit der sie sich beraten konnte.
 

„Ich denke, ich sollte auch einen Blick auf die anderen Zimmer werfen, obwohl er die bestimmt auch von Fingerabdrücken befreit hat-“
 

Sie hielt inne, als ihr plötzlich einfiel, dass sie es versäumt hatte, den letzten Ort des Zimmers zu überprüfen: unter dem Bett.
 

Diese Stelle wurde gerne übersehen, war aber wahrscheinlicher als unter dem Teppich oder hinter der Tapete. Es war unwahrscheinlich, dass die Polizei einen solch offensichtlichen Ort ausgelassen hatte, aber es war es wert darunter zu kriechen, nur um sicher zu gehen. Sie bückte sich und kniete sich schließlich hin, um eben dies zu tun-
 

Und zuckte zurück, als sich eine Hand nach ihr ausstreckte.
 

Misora stolperte rückwärts, schluckte die plötzlichen Emotionen herunter, die in ihr aufkamen und hob die Fäuste. Ihr fiel wieder ein, dass sie keine Pistole hatte. Nicht nur, weil sie während ihrer Suspendierung nicht dazu befugt war, sondern auch, weil sie normalerweise sowieso nie eine bei sich getragen hatte. Keine Pistole hieß kein Abzug, den sie hätte drücken können.
 

„Was... nein, wer sind Sie?!“, rief sie aus und versuchte mutiger zu klingen, als sie war. Langsam, so als wäre ihre Stimme nicht interessanter, als das Heulen des Windes, tauchte eine zweite Hand auf, dann ein Körper. Ein Mann kroch unter dem Bett hervor.
 

Diese Person... wann...?
 

Wie lange hatte er sich schon unter diesem Bett versteckt?
 

Hatte er das Gespräch mit L mitgehört?
 

So viele Fragen schossen ihr durch den Kopf.
 

„Antworten Sie! Wer zum Teufel sind Sie?“

Sie griff mit der Hand in ihre Tasche, als wolle sie ihre Pistole ziehen.
 

Die Person richtete sich auf. Natürlich schwarzes Haar. Ein weißes Shirt. Ausgewaschene Jeans. Ein junger Mann mit dunklen Ringen unter den großen, hervorstehenden Augen.

Dürr und wahrscheinlich recht groß, doch er stand so gebückt da, dass er zwei Köpfe kleiner schien als Misora selbst und so sah er zu ihr auf.
 

„Freut mich Sie kennen zu lernen“, sagte er vollkommen gelassen. Er senkte den Kopf noch etwas mehr, wie eine kurze Verbeugung.
 

„Bitte nennen Sie mich Ryuzaki.“
 

~
 

Nachwort: MEINE NERVEN! Ich hab noch nie so schnell gearbeitet! >< Lobt mich jetzt fälligst. XD~ Rund 7 Stunden pro Tag is viel. >___< Aber ich wollte es ja. Danke für die Kommentare und danke, dass euch mein Stil gefällt. Ich übernehme keine Haftung für Fehler. ^_~
 

Was jetzt folgt, müsst ihr nicht lesen, aber ich habs versprochen. Etwas Junk, für alle, die ein paar Insider aus der Übersetzungsphase lesen wollen:
 

Verdammte Bs: "Believe Bridesmaid, Believe Bridesmail, Believe Bridesaid… ist doch egal, die sind eh alle tot! >__<" (Anm: Ich hab den Namen hundert Mal falsch geschrieben, und werd es auch in Zukunft. û_u)
 

Absolute nonsense: „Wer geht denn putzen in dem Haus von der Leiche? ôO“
 

Ich zur Arbeitskollegin: „Wenn da ein Mord passiert is – wer geht denn dann da drin putzen?“

Kollegin: „Der Gleiche, der auch putzen geht, wenn’s ein natürlicher Tod war.“
 

Inzucht? ôO "Inzest Street... Nein, Insist Street. Aber Inzest wär auch lustig. Das gibt der Theorie von L und B als Zwillinge ganz neue Bedeutungen..."
 

竜崎 // Ryuzaki sagt: Der is auch sehr genau, mit seinem Fingerabdruck-wegwischen und Ich-spiel-Malen-nach-Zahlen-auf-meinem-Opfer.
 

~
 

tbc?

We will see ^_~
 

Anm: Kommentare pushen das Ego, des Übersetzers. Sie dienen NICHT dazu, die Kommigeilheit zu befriedigen, sondern... die Kommigeilheit zu befriedigen und mich zum weiter übersetzen zu animieren. ^_~

Ryuzaki

L erntete einen bestimmten Grad an Feindseeligkeit von anderen Detektiven und die Eifersüchtigen nannten ihn einen Einsiedler- oder Computerdetektiv, aber nichts davon entspricht der Wahrheit. Naomi Misora neigte ebenfalls dazu zu glauben, dass L ein Sofahocker war, doch tatsächlich war er genau das Gegenteil. Ein sehr aktives, aggressives Individuum. Er hatte zwar absolut kein Interesse an sozialen Konversationen, doch er war sicherlich nicht der Typ Detektiv, der sich in einem dunklen Raum mit heruntergezogenen Jalousien verkroch und sich weigerte herauszukommen. Heute ist allgemein bekannt, dass die drei großen Detektive der Nachkriegszeit – L, Erald Coil und Danuve, eigentlich ein und dieselbe Person waren. Sicher weiß das jeder, der diese Notizen liest. Man weiß jedoch vielleicht nicht, dass L den wahren Herren Erald Coil und Danuve den Krieg erklärt hatte, als Sieger daraus hervorgegangen war und Anspruch auf ihre Pseudonyme erhoben hatte. Die Einzelheiten dieses Krieges werde ich mir für eine andere Gelegenheit aufheben, aber neben diesen drei Namen besaß L viele weitere Pseudonyme. Ich habe keine Ahnung wie viele genau, aber die Zahl liegt wohl mindestens im dreistelligen Bereich. Und verhältnismäßig viele davon stammten gerechterweise von Detektiven. Kira stellte er sich als Ryuzaki und Ryuga Hideki vor, wie jeder, der diese Notizen liest, wissen sollte. Natürlich konnte Naomi Misora das nicht wissen, aber meiner Meinung nach war der Name L für ihn nur einer von vielen. Er hatte nie eine direkte Verbindung zu dieser Identität, er dachte nie von sich selbst als L – es war lediglich das bekannteste und einflussreichste der vielen Pseudonyme, die er in seinem Leben verwendet hat. Der Name erfüllte seinen Zweck, doch er ließ auch vieles im Unklaren. L hatte einen wahren Namen, den niemand kannte und niemand jemals erfahren wird, aber ein Name, den nur er selbst kannte, definierte ihn niemals. Ich frage mich manchmal, ob L selbst jemals genau wusste, welcher Name in das Death Note geschrieben worden war, welcher Name es gewesen war, der ihn tötete.

Ich frage mich...
 

Aber zurück zum Los Angeles BB Mordfall.
 

„Ryuzaki...“, sagte Naomi Misora und blickte, ohne ihre Skepsis zu verbergen, auf die schwarze Visitenkarte, die er ihr gereicht hatte. „Rue Ryuzaki, ja?“
 

„Ja, Rue Ryuzaki“, sagte der Mann mit dem gleichen gelassenen Ton. Er starrte sie mit seinen großen Augen, die dunkle Ringe aufwiesen, an und kaute auf seinem Daumennagel herum.
 

Sie waren aus dem Schlafzimmer in das Wohnzimmer von Believe Bridesmaids Haus gegangen. Sie saßen einander auf den teuren Sofas gegenüber. Ryuzaki hatte die Beine angewinkelt und die Arme darum geschlungen. Misora war der Meinung, dass es etwas kindisch aussah, aber da Ryuzaki ganz offensichtlich kein Kind war, wirkte es etwas befremdlich. Sie war allerdings ohnehin zu erwachsen, um es überhaupt anzusprechen. Um der widerlichen Stille zu entkommen, blickte Misora erneut auf die Karte. Rue Ryuzaki: Detektiv.
 

„Demzufolge sind Sie also Detektiv?“
 

„Ja, das bin ich.“
 

„Sie meinen... Privatdetektiv?“
 

„Nein, diese Bezeichnung wäre nicht sehr zutreffend. Ich bin der Meinung, das Wort „privat“ geht mit einer übermäßig neurotischen Selbstsucht einher... man könnte eher sagen, ich bin ein nicht-privater Detektiv – ein Detektiv ohne Ego.“
 

„Ich verstehe.“
 

Mit anderen Worten, er hatte keine Lizenz.

Hätte sie einen Stift gehabt, hätte sie das Wort „Idiot“ auf die Karte geschrieben, doch bedauerlicherweise war nichts zum Schreiben in Reichweite, also entschied sie sich dazu, die Karte auf den Tisch zu legen und so weit wie möglich von sich weg zu schieben, als wäre sie schmutzig.
 

„Also, Ryuzaki... lassen Sie mich noch einmal fragen. Was genau haben Sie dort unten getan?“
 

„Dasselbe wie Sie. Ermittelt“, sagte Ryuzaki ohne die geringste Veränderung seines Gesichtsausdrucks.

Seine schwarzen, umrahmten Augen blinzelten nie. Äußerst irritierend.
 

„Ich wurde von den Eltern des Hausbesitzers – von Mr. Bridesmaids Eltern – beauftragt und leite derzeit Ermittlungen in diesen Mordfällen. Es erweckte bei mir den Eindruck, als wären Sie aus demselben Grund hier, Misora.“
 

„...“
 

Ab diesem Punkt war es Misora egal, wer dieser Ryuzaki war. Privatdetektiv oder nicht, sie wollte nichts mit ihm zu tun haben. Das einzige Problem bestand darin, wie viel ihrer Unterhaltung er von unter dem Bett aus gehört hatte... was schlimmstenfalls ihre zukünftige Karriere beeinflussen konnte. Wenn irgendwelche Informationen über den mysteriösen L ihretwegen öffentlich bekannt gegeben wurden, würde sie viel mehr tun müssen, als nur ihren Beruf aufzugeben. Sie hatte das Thema beiläufig angesprochen und er hatte behauptet, dass das Bett ihr Stimmvolumen gedämpft hatte und es ihm nicht möglich gewesen war zu verstehen, was sie gesagt hatte, aber das war etwas, was sie sich nicht leisten konnte zu glauben.
 

„Ja, ich bin ebenfalls Detektiv“, sagte Misora, die das Gefühl hatte, gar keine andere Wahl zu haben. Wäre sie nicht beurlaubt worden, hätte sie gesagt, dass sie vom FBI war, doch da sie nicht mehr im Dienst war, wollte sie nicht riskieren, dass er sie nach ihrem Abzeichen fragte. Es schien ihr sicherer zu lügen – schließlich bestand durchaus die Möglichkeit, dass er ebenso log. Sie musste sich also nicht schuldig fühlen.
 

„Ich kann Ihnen nicht sagen, für wen ich arbeite, aber ich wurde beauftragt verdeckt zu ermitteln, um herauszufinden wer Believe Bridesmaid, Quarter Queen und Backyard Bottomslash ermordet hat.“
 

„Tatsächlich? Dann können wir kooperieren!“, sagte er sofort.

Seine freche Art wurde seltsamerweise allmählich unterhaltsam.
 

„Also, Ryuzaki. Haben Sie unter dem Bett etwas gefunden, was sich bei der Lösung des Falles als nützlich erweisen könnte? Ich nehme an, Sie suchten nach irgendetwas, was der Täter zurückgelassen haben könnte, aber...“
 

„Nein, nichts dergleichen. Ich hörte jemanden ins Haus kommen, also beschloss ich mich zu verstecken und die Situation zu beobachten. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass Sie niemand gefährliches waren, also zeigte ich mich.“
 

„Niemand gefährliches?“
 

„Ja, zum Beispiel der Mörder selbst, der zurückkam, um etwas zu holen, das er womöglich vergessen hatte. Das wäre natürlich die Chance gewesen! Doch scheinbar war meine Hoffnung vergebens.“
 

„...“
 

Lügner.
 

Sie konnte die Lüge geradezu riechen.

Misora war nun fast vollständig davon überzeugt, dass er sich unter dem Bett versteckt hatte, um ihr Gespräch mit L zu belauschen. In jedem anderen Fall wäre das einfach paranoid gewesen, doch dieser Ryuzaki war kein gewöhnlicher Mann.

Es gab nichts an ihm, was nicht verdächtig gewesen wäre.
 

„Wie dem auch sei. Stattdessen habe ich das Glück Ihnen zu begegnen, also war es nicht ganz vergebens. Das hier ist ja kein Roman oder ein Comic, es gibt also keinen Grund für Detektivkollegen einander zu verachten. Was sagen Sie, Frau Misora? Sind Sie einverstanden Informationen auszutauschen?“
 

„...Nein. Vielen Dank für das Angebot, aber ich muss ablehnen. Ich habe die Pflicht, solche Dinge geheim zu halten“, antwortete Misora. L hatte ihr alles über den Fall gegeben, was man bekommen konnte – es war unwahrscheinlich, dass sie irgendwelche wichtigen Informationen von einem unerfahrenen Detektiv erfahren könnte. Und natürlich hatte sie auch nicht vor ihm welche zu geben.
 

„Ich bin sicher, Sie haben ebenfalls Ihre Geheimnisse.“
 

„Nein, das habe ich nicht.“
 

„Natürlich haben Sie das. Sie sind Detektiv.“
 

„Oh? Ja, dann habe ich wohl welche.“
 

Wie flexibel.
 

Er schien mit beidem zufrieden zu sein.
 

„Aber ich bin der Ansicht, dass die Lösung dieses Falles Vorrang hat... Also schön, Frau Misora. Wie wäre es damit? Ich werde Ihnen alle Informationen geben, die ich habe und zwar im Gegenzug für gar nichts.“
 

„Eh...? Uhm, ich kann möglicherweise nicht...“
 

„Bitte. Im Endeffekt ist es egal, ob Sie den Fall lösen oder ich. Der Wunsch meiner Auftraggeber ist es, dass der Fall gelöst wird und nur das. Sollten Sie also einen schärferen Verstand besitzen als ich, dann ist es effektiver Ihnen alles zu erzählen.“
 

Das klang ja alles schön und gut, aber er dachte wohl kaum wirklich so und so wuchs Misoras Misstrauen ihm gegenüber nur noch mehr. Worauf war er aus? Vor wenigen Minuten noch hatte er improvisiert gelogen, indem er behauptet hatte, sie für den Mörder gehalten zu haben, der an den Tatort zurückgekehrt war, doch dieses Bild schien besser zu dem Mann zu passen, der sich unter dem Bett versteckte, als zu ihr.
 

„Sie können sich später entscheiden, ob Sie mir irgendwelche Ihrer Informationen überlassen möchten. Also, zuerst wäre da folgendes“, sagte Ryuzaki und zog ein gefaltetes Stück Papier aus seiner Hosentasche hervor. Er hielt es ihr entgegen ohne sich die Mühe zu machen es zuerst aufzufalten. Misora nahm es und entfaltete es skeptisch... es war ein Kreuzworträtsel. Ein Gitter und Hinweise in kleiner Schrift. Misora hatte einen Verdacht, was es war.
 

„Das ist...“
 

„Oh? Sie wissen davon?“
 

„Uhm, nein... nicht direkt...“, stammelte sie, unsicher wie sie reagieren sollte. Es schien offensichtlich, dass es sich um das gleiche Kreuzworträtsel handelte, welches der Polizeiabteilung von L.A. am 22. Juli geschickt worden war, doch L hatte gesagt, das Original war weggeworfen worden, also war das hier eine Kopie? Wie war dieser Mann... wie war Ryuzaki mit diesem Zettel in der Hosentasche durch die Gegend gelaufen? Während sie wütend nachdachte, starrte Ryuzaki sie prüfend an. So als würde er ihre Fähigkeiten anhand ihrer Reaktion bewerten...
 

„Erlauben Sie mir zu erklären. Letzten Monat, am 22. Juli war dieses Kreuzworträtsel von einem unbekannten Absender an die Polizeiabteilung von L.A. geschickt worden. Anscheinend konnte es niemand lösen, aber wenn man es löst, teilt es einem die Adresse dieses Hauses mit. Es ist anzunehmen, dass es eine Art Warnung des Täters an die Polizei und an die Gesellschaft im Allgemeinen war. Eine Kriegsansage, könnte man sagen.“
 

„Ich verstehe. Trotzdem...“
 

Ungeachtet dessen, was L gesagt hatte, hatte ein Teil von ihr dieses Ding längst als einfaches Kreuzworträtsel abgestempelt, aber nun, wo sie die Hinweise selbst lesen konnte, sah es extrem schwierig aus. Die Hinweise wirkten so frustrierend, dass die meisten Leute aufgegeben hätten ohne überhaupt erst zu versuchen einen davon zu entschlüsseln. Aber der Mann ihr gegenüber hatte sie alle alleine herausgefunden?
 

„Sie sind sicher, dass die Antwort diese Adresse hier zeigt?“
 

„Ja. Behalten Sie es ruhig und lösen Sie es selbst, wenn Sie Zweifel haben. Wie dem auch sei. Täter, die Warnungen schicken, suchen für gewöhnlich Beachtung, wenn man annimmt, dass sie keine größeren Ziele haben. Die Strohpuppen und die verschlossenen Räume passen in dieses Profil. Es scheint also, als bestünde eine große Chance, dass es eine weitere Nachricht gibt... oder so etwas Ähnliches wie eine Nachricht, die am Tatort zurückgelassen wurde. Stimmen Sie mir zu, Frau Misora?“
 

„...“
 

Die gleiche Schlussfolgerung wie L.

Wer war dieser Mann?
 

Hätte er einfach nur die gleiche Schlussfolgerung wie L abgegeben, hätte sie behaupten können, dass er sie dem Gespräch entnommen hatte, welches er von unter dem Bett aus belauscht hatte, doch in seinem Fall... Er, der sogar eine Kopie des Rätsels hatte, welches nur jemand wie L lösen konnte... Die Frage nach Ryuzakis Identität bekam erneut erstaunliche Bedeutung für sie.
 

„Entschuldigen Sie mich“, sagte Ryuzaki und verließ, noch immer gebeugt, den Raum in Richtung Küche – so als ob er sich verdrückte, um Misora Zeit zu geben sich zu beruhigen. Er öffnete den Kühlschrank mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es sein eigenes Haus, streckte den Arm hinein und nahm ein Glas heraus. Dann schlurfte er zum Sofa und ließ die Kühlschranktür einfach offen. Es war ein Glas Erdbeermarmelade.
 

„Was ist mit der Marmelade?“
 

„Oh, das ist meine. Ich habe sie mitgebracht und in den Kühlschrank gestellt, damit sie kalt bleibt. Es ist Zeit für Lunch.“
 

„Lunch?“
 

Es machte Sinn, dass es wohl nichts zu Essen im Kühlschrank eines Mannes geben würde, der zwei Wochen zuvor gestorben war, aber Lunch? Misora mochte selbst Marmelade, doch sie konnte nirgends Brot sehen – und kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da öffnete Ryuzaki den Deckel, steckte die Hand in das Glas, fischte etwas Marmelade heraus und begann sie von den Fingern zu lecken.
 

„...“
 

Naomi Misora starrte ihn mit offenem Mund an.

Ihr fehlten die Worte.
 

„...Mmm? Ist irgendwas, Frau Misora?“
 

„Sie... Sie haben seltsame Essgewohnheiten.“
 

„Finden Sie? Das denke ich nicht.“
 

Ryuzaki stopfte sich noch eine Hand voll Marmelade in den Mund.
 

„Wenn ich anfange nachzudenken, bekomme ich das Verlangen nach etwas Süßem. Wenn ich gründlich arbeiten will, ist Marmelade also ein essentielles Hilfsmittel. Zucker ist gut für das Gehirn.“
 

„Hum...“
 

Misora war der Meinung, dass sein Gehirn eine spezielle medikamentöse Behandlung mehr brauchte, als Zucker, aber im Moment hatte sie nicht die Nerven, das zu sagen. Seine Körpersprache erinnerte sie an Pooh, den Bären, aber Ryuzaki war weder gelb noch liebenswert und schon gar kein Bär, der dazu neigte am Liebsten gar nichts zu tun, als vielmehr ein Mann mit bemerkenswert schlechter Körperhaltung. Nachdem er vier Handvoll Marmelade gegessen hatte, setzte er seine Lippen direkt an den Rand des Glases als wäre es eine Teetasse und schlürfte den Inhalt geräuschvoll. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er das gesamte Glas leer geputzt.
 

„Entschuldigen Sie die Verzögerung.“
 

„Ach, nicht der Rede wert.“
 

„Ich habe noch mehr Marmelade im Kühlschrank, wenn Sie welche möchten?“
 

„N-nein, danke...“
 

Diese Mahlzeit war die reinste Folter. Sie hätte sie höchstens heruntergewürgt, wenn sie am Verhungern gewesen wäre. Mit jeder Faser ihres Körpers wies sie Ryuzaki zurück. Vollkommen. Misora hatte nie viel Vertrauen in ihre Fähigkeit, ein falsches Lächeln an den Tag zu legen, gehabt, doch das, was sie ihm jetzt schenkte, war äußerst zufrieden stellend.

Menschen können auch dann lächeln, wenn sie entsetzt sind.
 

„Okay“, sagte Ryuzaki, leckte die Marmelade von seinen Fingern und zeigte mit keiner Miene, wie er ihre Reaktion auffasste. „Also Frau Misora, lassen Sie uns gehen.“
 

„Gehen? Wohin?“, fragte Misora und überlegte verzweifelt, wie sie einem Händeschütteln entkommen konnte, sollte er Anstalten machen, ihr später die Hand zu geben.
 

„Natürlich“, begann Ryuzaki. „...unsere Ermittlungen am Tatort fortzuführen, Frau Misora.“
 

Zu diesem Zeitpunkt hätte Misora noch in der Lage sein sollen, ihren künftigen Weg selbst zu wählen. Sie hätte Ryuzaki wortwörtlich aus Believe Bridesmaids Haus werfen können und man kann sogar sagen, dass das noch die vernünftigste Reaktion auf seine Anwesenheit gewesen wäre, doch trotz der Verlockung, diese vernünftige Annäherung zu wagen, öffnete Misora sich und ließ ihn bleiben. Die Möglichkeit, dass er ihre Unterhaltung mit L gehört hatte, machte ihn mehr als alles andere zu einer Gefahr und selbst ohne diesen Fakt war er verdächtig und unheimlich und zu allem Überfluss hatte er eine Kopie des Kreuzworträtsels. Sie musste ihn unter Beobachtung halten bis sie genauer wusste, wer er war. Natürlich weiß jeder, der mehr über diese Situation weiß, jemand wie ich, dass es genau das war, was Ryuzaki sich erhofft hatte, genau das, was er versucht hatte zu erreichen, aber es wäre zu viel von Naomi Misora zu erwarten, dass sie das so früh bemerkt hätte. Letztendlich blieb Misora auch einige Jahre nach den Los Angeles BB Mordfällen, als sie von Kira getötet wurde, überzeugt, dass sie L niemals persönlich getroffen hatte, dass sie lediglich seine Stimme über den Computer gehört und so ihre Anweisungen erhalten hatte. Je nachdem wie man es betrachtete, mochte dies eine gute Sache für die Welt gewesen sein – hätte der Mörder Kira gewusst, wie tiefgehend Misoras Verbindung zu L gewesen war, hätte er sie niemals so schnell umgebracht. Ls Leben wurde nur um ein paar Jahre verlängert, aber sogar das mag Misora zu verdanken sein... ach, das ist es nicht einmal wert darüber zu spekulieren.

Zurück zum Thema.

Jeder, der Sherlock Holmes gelesen hat, erinnert sich an die lebhaften Beschreibungen des großen Detektivs, der im Raum auf und ab lief und alles mit seiner Lupe ganz genau beäugte. Ein Bild, welches so stark mit alten Detektivgeschichten assoziiert wird, dass man heutzutage kaum noch einen Detektiv sieht, der sich so verhält. Aus diesem Grund werden diese Bücher auch nicht mehr Detektivromane genannt. Man nennt sie Myteryromane oder Thriller. Niemand will einen Detektiv sehen, der alles genau unter die Lupe nimmt – viel spannender ist es, wenn sie einfach mit einem Schlag mit der ganzen Wahrheit herausplatzen. Eine Schlussfolgerung beansprucht solch ein hohes Maß an Arbeit – und kein wahres Genie muss je arbeiten. Das gleiche gilt für Jungencomics aus Japan, welche auf der ganzen Welt beliebt sind. Die beliebtesten Bücher haben alle Helden mit außergewöhnlichen Kräften.
 

Als sie also das Schlafzimmer betraten und Ryuzaki abrupt auf alle Viere ging, so wie in dem Moment, wo er unter dem Bett hervor gekrochen war, und begann durch den gesamten Raum zu kriechen (wenn auch ohne Lupe), war Misora wirklich überrascht. Unter dem flachen Bett gewesen zu sein, war offensichtlich nicht der einzige Grund für diese Pose gewesen. Er schien so daran gewohnt, auf allen Vieren zu sein, dass er dabei aussah, als wäre er bereit jeden Moment die Wand bis hoch zur Decke zu kriechen.
 

„Worauf warten Sie, Frau Misora? Machen Sie schon!“
 

„!“
 

Misora schüttelte den Kopf so schnell, dass sie nur noch verschwommen sah.
 

Das lag unter ihrer Würde als Frau. Nein, als ein menschliches Wesen. Mit ihm auf dem Boden herumzukriechen würde sie wohl für alle Zeiten entwürdigen.
 

„Schade“, sagte Ryuzaki, der es offensichtlich noch nie erlebt hatte, dass jemand etwas kritisierte, ohne es versucht zu haben. Er schüttelte den Kopf und fuhr damit fort, den Raum zu durchsuchen.
 

„A-aber Ryuzaki... Ich denke nicht, dass es hier noch etwas zu finden gibt. Ich meine, die Polizei hat bereits alles sehr gründlich durchsucht.“
 

„Die Polizei hat aber auch das Kreuzworträtsel übersehen. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie noch etwas anderes hier übersehen hätte.“
 

„Wenn man danach geht... Aber es gibt hier nur so wenig, womit man arbeiten könnte. Ich wünschte, ich hätte einen Hinweis wonach ich überhaupt suchen soll – der Raum ist zu leer, um ihn einfach so zu durchwühlen. Und das Haus ist zu groß.“
 

„Einen Hinweis?“, wiederholte Ryuzaki fragend und hielt inne. Dann biss er sich auf den Daumennagel – so sorgsam, dass es schon bedacht wirkte, doch die Bewegung war so kindisch, dass es ihn gleichermaßen wie einen Idioten aussehen ließ. Misora konnte sich nicht entscheiden, was überwiegte. „Was denken Sie, Frau Misora? Als Sie ins Zimmer kamen, haben Sie da an irgendetwas gedacht? Irgendeine Idee, die helfen würde, die Suche einzugrenzen?“
 

„Nun... ja, schon, aber...“
 

Da war eine Sache gewesen – die Schnitte auf der Brust des Opfers. Sie war sich absolut nicht sicher, ob sie Ryuzaki davon erzählen sollte. Aber es stand auch fest, dass sie anders nicht vorankommen würde... weder mit dem Fall noch mit Ryuzaki. Vielleicht sollte Sie ihn testen, genauso wie er ihre Reaktion getestet hatte, als er ihr das Kreuzworträtsel gegeben hatte. Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte, konnte sie womöglich herausfinden, ob er ihr Telefonat von unter dem Bett aus gehört hatte.
 

„Also gut, Ryuzaki. Als Dank für vorhin, besser als ein vollständiger Informationsaustausch – sehen Sie sich einmal dieses Foto an.“
 

„Foto?“, fragte Ryuzaki mit einem Tonfall, der klang, als habe er das Wort noch nie zuvor gehört. Er kam zu ihr herüber – nach wie vor auf allen Vieren und ohne sich die Mühe zu machen, sich umzudrehen. Er krabbelte tatsächlich rückwärts auf sie zu – ein kleines Kind hätte bestimmt vor Angst losgeheult.
 

„Ein Foto des Opfers“, erklärte Misora und reichte ihm das Autopsiefoto.
 

Ryuzaki nahm es und nickte ernst – oder tat zumindest so. Soviel zu ihrem Test. Aus dieser äußerlichen Reaktion konnte sie rein gar nichts lesen.
 

„Gut gemacht, Frau Misora.“
 

„Ja?“
 

„In den Nachrichten wurde nicht bekannt gegeben, dass die Leiche solche Schnitte trug, was heißt, dass die Fotografie aus den Polizeiakten stammt. Ich bin beeindruckt, dass es Ihnen gelang, sie in die Finger zu bekommen. Sie sind ganz offensichtlich kein gewöhnlicher Detektiv.“
 

„Und wie sind Sie dann bitte an das Kreuzworträtsel gekommen, Ryuzaki?“
 

„Das fällt unter meine Pflicht Geheimnisse zu wahren.“
 

Ihre Konter wurde ganz einfach zurück geschleudert. Nun wünschte sie, sie hätte ihm zuvor nicht gesagt, dass Detektive Geheimnisse haben mussten.
 

„Ich werde Sie schließlich auch nicht fragen, wie Sie an dieses Foto gekommen sind, Frau Misora. Aber wie hängt das mit Ihrer Idee zusammen?“
 

„Ja, nun... Ich fragte mich, ob sich die Botschaft vielleicht an etwas befindet, was nicht mehr im Raum ist, aber zum Tatzeitpunkt hier gewesen ist. Und das Offensichtlichste ist da wohl...“
 

„...der Hausbesitzer, Believe Bridesmaid. Nicht schlecht.“
 

„Und wenn man das Bild im in einem rechten Winkel betrachtet... sehen die Wunden für Sie nach Buchstaben aus? Ich fragte mich, ob das nicht eine Art Hinweis sein könnte...“
 

„Oh?“, machte Ryuzaki, hielt das Foto ganz still und neigte stattdessen den Kopf ruckartig zur Seite. Hatte er denn keine Knochen im Genick? Er bewegte sich wie ein Schlangenmensch. Misora widerstand dem Drang, einfach wegzusehen.
 

„Nein, keine Buchstaben...“
 

„Nein? Ich dachte mir schon, dass ich zuviel hinein interpretiere...“
 

„Nicht doch, nicht doch, Frau Misora! Ich habe nicht Ihre Idee abgestritten, nur einen Teil davon. Das sind keine Buchstaben, sondern römische Ziffern.“
 

„...“
 

Oh.
 

Richtig! Römische Ziffern! Dieselben, die man jeden Tag auf Uhren sah. V und I, ganz offensichtlich! Und C, M, D, X und L. Sie hätte darauf kommen müssen, als sie die drei I’s nebeneinander gesehen hatte – das waren keine drei I’s, sondern die Zahl III. Aber da war ein L direkt daneben gewesen und das hatte sie mit dem Namen des Detektivs in Verbindung gebracht und das wiederum hatte sie abgelenkt.
 

„I steht für eins, II ist zwei, III ist drei, IV ist vier, V ist fünf, VI ist sechs, VII ist sieben, VIII ist acht, IX ist neun, X ist zehn, L ist fünfzig, C ist einhundert, D ist fünfhundert, M ist eintausend. Also kann man diese Wunden als 16, 59, 1423, 159, 13, 7, 582, 724, 1001, 40, 51 und 31 lesen“, erklärte Ryuzaki und las die komplizierten Ziffern ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Kannte er sich mit römischen Zahlen aus oder arbeitete sein Gehirn tatsächlich so schnell? „Es ist nur ein Foto, es kann also sein, dass ich sie falsch lese, aber ich bin zu achtzig Prozent sicher.“
 

„Prozent?“
 

„Wie auch immer. Es ist schade, dass das die Situation nicht ändert. Solange wir nicht herausfinden, was diese Zahlen bedeuten, bleibt es gefährlich anzunehmen, dass es sich um eine Nachricht des Täters handelt. Vielleicht deuten wir sie auch einfach falsch.“
 

„Entschuldigen Sie mich, Ryuzaki“, sagte Misora und ging einen Schritt zurück.
 

„Wozu?“
 

„Ich muss mich kurz frisch machen.“
 

Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Misora das Schlafzimmer und ging die Treppen nach oben in Richtung Toilette. Sie verschloss die Tür von innen und holte ihr Handy hervor. Sie zögerte einen Moment, dann rief sie L an. Leitung fünf. Es piepste kurz als ein paar Verwürfler entblockt wurden und dann wurde die Verbindung hergestellt.
 

„Was gibt es, Frau Misora?“
 

Die künstliche Stimme.
 

L.
 

Misora senkte die Stimme und verbarg den Mund hinter ihrer Hand, dann sagte sie: „Es gibt etwas zu berichten.“
 

„Entwicklungen in dem Fall? Das ging ja schnell.“
 

„Nein, nicht direkt... na ja, ein wenig vielleicht. Womöglich bin ich über eine Botschaft des Täters gestolpert.“
 

„Hervorragend.“
 

„Aber eigentlich war es nicht ich, die darauf gekommen ist. Wie soll ich es sagen... eine Art... seltsamer Detektiv...“

Die Bezeichnung brachte sie fast selbst zum Lachen. „...ist hier aufgetaucht.“
 

„Ich verstehe“, sagte die künstliche Stimme und dann schwieg sie.
 

Eine Stille, die von Misora als äußerst unangenehm empfunden wurde, trat ein. Immerhin war es ihre eigene Entscheidung gewesen, Ryuzaki das Bild zu zeigen und zu versuchen, ihn zu testen. Als L nichts mehr sagte, fuhr Misora fort und erzählte, was Ryuzaki über das Autopsiefoto gesagt und dass er eine Kopie des Kreuzworträtsels hatte. Diese Information rief wenigstens eine Reaktion von L hervor, auch wenn Misora durch die verstellte Stimme nicht sagen konnte, welche Emotion sich dahinter verbarg.
 

„Was soll ich jetzt machen? Um ehrlich zu sein halte ich es für gefährlich, ihn aus den Augen zu lassen.“
 

„Wirkte er auf Sie cool?“
 

„Bitte?“
 

Ls Frage kam vollkommen unvorhergesehen und er musste sie wiederholen bevor Misora antwortete, noch immer ratlos, was die Frage sollte.
 

„Nein, absolut nicht“, sagte sie ehrlich. „Gruslig und armselig und so verdächtig, dass ich ihn sofort verhaftet hätte, wenn ich nicht suspendiert wäre. Wenn man die Welt aufteilen würde in jene, die besser tot sein sollten und solche, die leben sollten, dann zweifle ich keine Sekunde daran, dass er zur ersten Sorte gehören würde. So ein totaler Freak, dass es mich überrascht, dass er sich noch nicht selbst umgebracht hat.“
 

„...“
 

Keine Antwort.

Was sollte das?
 

„Also, Frau Misora Naomi, ihre Anweisungen.“
 

„Ja?“
 

„Ich kann mir vorstellen, dass Sie das gleiche denken wie ich, doch lassen Sie diesen Detektiv vorerst tun, was er will. Zum einen, weil es gefährlich ist, ihn unbeaufsichtigt zu lassen, zum anderen – und das ist noch viel wichtiger – weil es wichtig ist, seine Aktionen zu beobachten. Ich glaube, dass die neue Erkenntnis über das Autopsiefoto viel mehr Ihr Verdienst ist, als seiner, aber dennoch ist er sicherlich kein gewöhnlicher Kerl.“
 

„Dem stimme ich zu.“
 

„Ist er gerade in der Nähe?“
 

„Nein, ich bin alleine. Ich rufe vom Badezimmer im oberen Stockwerk auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses an, also weit weg vom Schlafzimmer.“
 

„Gehen Sie schnell zu ihm zurück. Ich werde ihn überprüfen und herausfinden ob ein Detektiv namens Ryuzaki tatsächlich von Believe Bridesmaids Eltern beauftragt wurde.“
 

„Okay.“
 

„Sie können beim nächsten Anruf die gleiche Leitung benutzen.“
 

Und damit legte er auf.

Misora klappte ihr Mobiltelefon zu.

Sie musste schnell zurückgehen, damit sie nicht verdächtig wirkte, aber sie hatte ihn ohnehin schon mit schlechtem Timing verlassen, dachte sie und verließ das Badezimmer.

Ryuzaki stand direkt vor der Tür.
 

„Ah!“
 

„Frau Misora. Sie waren hier oben?“
 

Er war zwar nicht mehr auf allen Vieren, aber dennoch musste Misora schlucken. Wie lange war er schon hier oben?
 

„Nachdem Sie das Zimmer verlassen hatten, habe ich etwas Interessantes herausgefunden und ich konnte nicht warten. Also kam ich, um Sie zu holen. Sind Sie bald fertig?“
 

„J-ja...“
 

„Hier entlang.“
 

Er trottete nach wie vor gebückt davon in Richtung Treppe. Noch immer leicht zitternd folgte Misora ihm. Hatte er sie durch die Tür belauscht? Die Frage quälte sie. Er hatte also etwas Interessantes herausgefunden? Das konnte genauso gut eine Ausrede sein. Sie hatte so leise gesprochen, dass es unmöglich war, dass er sie gehört hatte, aber er hatte es auf jeden Fall immerhin versucht. Was bedeutete...
 

„Oh, Frau Misora“, sagte Ryuzaki ohne sich umzudrehen.
 

„J-ja?“
 

„Warum habe ich Sie gar nicht die Toilettenspülung betätigen hören?“
 

„Es ist ganz schön unverschämt, eine Frau so etwas zu fragen, Ryuzaki“, konterte Misora und zuckte doch leicht zusammen, als er sie auf ihren Fehler hinwies.
 

„Ist es das? Nichtsdestotrotz... Wenn Sie vergessen haben zu spülen, dann ist es ja noch nicht zu spät. Sie können noch zurückgehen. Beide Geschlechter sind gleich, wenn es um Hygiene geht.“
 

„...“
 

Was für eine grässliche Ausdrucksweise.

In jeder Hinsicht.
 

„Ich habe telefoniert. Nur eine reguläre Absprache mit meinem Klienten. Aber ich wollte nicht, dass Sie etwas davon hören.“
 

„Oh? Wie dem auch sei. Für die Zukunft empfehle ich es Ihnen zu spülen. Es bietet eine gute Tarnung.“
 

„Ich schätze, das tut es wohl.“
 

Sie erreichten das Schlafzimmer. Ryuzaki ging auf alle Viere, als er über die Türschwelle trat. Es erinnerte weniger an eine Ermittlungsmethode nach dem Vorbild von Sherlock Holmes als viel mehr an eine Art religiösen Hexenfluch.
 

„Hier drüben.“
 

Ryuzaki krabbelte über den Teppich hinüber zu den Bücherregalen. Believe Bridesmaids Bücherregale mit den fünfundsiebzig eng aneinander gereihten Büchern. Es war der erste Ort, den Misora überprüft hatte, nachdem sie mit L geredet hatte.
 

„Sie sagten, Sie hätten etwas Neues gefunden?“
 

„Ja. Etwas Neues – nein, lassen Sie uns mal gewagt sein. Ich habe eine wichtige Tatsache entdeckt.“
 

„...“
 

Sein Bemühen cool zu klingen ging ihr auf die Nerven.

Sie ignorierte es.
 

„Also haben Sie irgendeinen Hinweis im Bücherregal gefunden, meinen Sie, ja?“
 

„Sehen Sie her“, sagte Ryuzaki und deutete auf die rechte Seite des zweiten Regals von unten. Dort stand eine elfteilige Reihe eines beliebten japanischen Comics namens Akazukin Chacha.
 

„Was ist damit?“
 

„Ich liebe diesen Manga.“
 

„Ach ja?“
 

„Ja.“
 

„...“
 

Was sollte Sie dazu sagen? Sie fühlte, wie sich ihr Gesichtsausdruck entspannte, wohingegen sie innerlich bebte. Doch ohne zu versuchen ihre Mimik zu deuten, fuhr Ryuzaki fort.
 

„Sie sind Nikkei¹, richtig?“
 

„Nikkei...? Meine Eltern sind beide Japaner. Ich habe mittlerweile einen amerikanischen Pass, aber ich habe bis nach der Highschool in Japan gelebt.“
 

„Also müssen Sie diesen Manga kennen. Das legendäre Werk von Meisterin Min Ayahana. Ich habe jede Ausgabe gelesen, als es veröffentlicht wurde. Shiine ist so hinreißend! Ich mag die Serie genauso gern wie den Manga. Love, Courage and Hope – Magical Princess Holy up!“
 

„Ryuzaki, haben Sie vor noch länger damit weiter zu machen? Wenn ja, dann kann ich im Nebenzimmer warten.“
 

„Warum sollten Sie das denn tun, wenn ich mit Ihnen rede?“
 

„Eh, uhm... ich meine, ich mochte Akazukin Chacha auch. Ich habe die Serie gesehen. Ich bin also vertraut mit Magical Princess Holy up.“ Sie sehnte sich gerade zu danach, ihm ganz genau zu sagen, wie wenig sie sich für seine Hobbys interessierte, aber es war fragwürdig, ob dieser Detektiv dazu in der Lage war, Meinungen zu verstehen, die einem gesunden Menschenverstand entsprangen. Genauso fragwürdig, wie er selbst.

Oder bewertete sie das über?
 

„Gut. Wir sollten über die einzelnen Vorzüge der Serie zu einem anderen Zeitpunkt diskutieren. Nun aber sehen Sie sich das hier an.“
 

„Hm...“, machte Misora und blickte folgsam auf die Bände von Akazukin Chacha.
 

„Fällt Ihnen etwas auf?“
 

„Nicht wirklich.“
 

Es war nur ein Haufen Comics. Das einzige, was man daraus schließen konnte, war, dass Believe Bridesmaid fließend Japanisch konnte und Manga mochte. Aber solche Menschen gab es in Amerika zu genüge. Auch die Bände im japanischen Original zu lesen, statt in der übersetzten Fassung, war nicht allzu ungewöhnlich. Mit der Option des Internetshoppings war es äußerst einfach geworden, an sie heranzukommen.

Ryuzakis dunkel umrahmte Augen fixierten sie starrend. Misora empfand es als unangenehm, also mied sie seinen Blick und überprüfte jeden einzelnen Band. Doch selbst danach fand sie nichts Verdächtiges oder gar keinen Hinweis.
 

„Ich sehe nichts. Stimmt etwas nicht mit einem von diesen Comics?“
 

„Nein.“
 

„Hä?“ Es lag mehr als nur ein Hauch Wut in ihrer Stimme.

Sie mochte es nicht, wenn man sich über sie lustig machte.
 

„Nein? Was meinen Sie?“
 

„Nicht mit einem von diesen hier“, sagte Ryuzaki. „Etwas, was hier sein sollte, aber es nicht ist. Frau Misora, Sie waren es doch, die darauf gekommen ist. Der Hinweis des Täters befindet sich auf etwas, was hier sein sollte. Sie waren es, die herausgefunden hat, dass es sich auf Believe Bridesmaids Leiche beziehen muss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Ihnen das erklären muss – sehen Sie genauer hin, Frau Misora. Sie sind nicht alle da. Band vier und neun fehlen.“
 

„Eh?“
 

Akazukin Chacha hat dreizehn Bände. Nicht elf.“
 

Misora blickte erneut nach unten zu den Büchern. Die Nummern gingen von eins bis drei und von fünf bis acht. Dann ging es mit zehn weiter. Wenn Ryuzaki Recht hatte und es insgesamt dreizehn Bände gab, dann fehlten hier zwei. Band vier und neun.
 

„Hm, das stimmt. Aber Ryuzaki, was soll das nun heißen? Glauben Sie, der Mörder hat die beiden Bände mitgenommen? Natürlich besteht die Möglichkeit, aber es ist genauso gut möglich, dass sie von Anfang an gefehlt haben. Vielleicht plante Believe Bridesmaid sie bald nachzukaufen. Nicht jeder liest Manga in der richtigen Reihenfolge, wissen Sie? Ich meine, er scheint auch die Dickwood Reihe abgebrochen zu haben. Hier oben-“
 

„Unmöglich“, sagte Ryuzaki ernst. „Niemand auf der ganzen Welt würde jemals zwei Bände mitten von Akazukin Chacha auslassen. Ich bin absolut sicher, dass diese Tatsache vor Gericht ernst genommen würde.“
 

„...“
 

War dieser Mann jemals in einem Gericht gewesen?
 

„Zumindest, wenn die Geschworenen viel über japanische Comics wüssten.“
 

„Was für parteiische Geschworene.“
 

„Der Mörder hat sie ganz offensichtlich mitgenommen“, sagte Ryuzaki und ignorierte sie offenkundig.
 

Misora hatte nicht vor das durchgehen zu lassen. Sie war wesentlich realistischer veranlagt.
 

„Aber Sie haben keine Beweise dafür, Ryuzaki. Es ist genauso gut möglich, dass er sie einem Freund geliehen hat.“
 

Akazukin Chacha?! Das würde man nicht mal seinen Eltern leihen! Man würde Ihnen sagen, Sie sollen es sich selbst kaufen! Die einzig mögliche Erklärung ist, dass der Mörder sie mitgenommen hat.“ Ryuzaki beharrte mit Nachdruck darauf.

Und er hörte längst nicht an dieser Stelle auf.
 

„Des Weiteren würde niemand auf der Welt nur Band vier und neun lesen wollen. Darauf verwette ich meine Marmelade!“
 

„Wenn Sie die Marmelade meinen, die Sie zuvor gegessen haben – ein Glas davon ist nicht mehr wert als fünf Dollar.“
 

Min Ayahana wäre enttäuscht.
 

„Folglich hat der Mörder, als er diese beiden Bände entwendete, einen ganz anderen, völlig bezuglosen Grund dafür.“
 

„Selbst wenn wir mal Logik und alle andere Möglichkeiten außer Acht lassen und uns auf die Tatsache, dass diese beiden Bände fehlen und Ihre Hypothese konzentrieren... es ist immer noch seltsam oder nicht? Ich meine, Ryuzaki, dieses Bücherregal...“
 

...war gerammelt voll. Die Bücher standen so eng aneinander, dass es sehr schwer gewesen war, überhaupt eines herauszuziehen. Wenn er also wirklich zwei Bände entwendet hätte, dann sollte da doch eine Lücke sein, oder – Moment mal!
 

„Ryuzaki. Wissen Sie wie viele Seiten es in den Bänden vier und neun von Akazukin Chacha gibt?“
 

„Natürlich weiß ich das. Es sind 192 und 184 Seiten.“
 

„...“
 

Sie hatte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass er die Antwort wusste. Aber 192 plus 184 ergab 376 Seiten. Misora überblickte das Bücherregal und suchte unter den siebenundfünfzig Büchern nach einem, welches so dick war, wie 376 Seiten eines Manga. Es dauerte nicht lange. Es gab nur ein Buch, welches so dick war. Insufficient Relaxation von Permit Winter.

Als sie es aus dem Schrank zog und nachschaute, stellte sie fest, dass es tatsächlich genau 376 Seiten hatte.
 

„...“
 

Erwartungsvoll blätterte Misora durch die Seiten, doch sie konnte nichts Interessantes sehen.
 

„Was gibt es, Frau Misora?“
 

„Oh. Ich habe mich nur gefragt, ob der Mörder vielleicht ein Buch in den Schrank gestellt hat, welches die beiden Herausgenommenen ersetzen sollte und ob dieses Buch dann eventuell die wahre Botschaft sein könnte.“
 

Bisher waren sie davon ausgegangen, dass es Believe Bridesmaid selbst gewesen war, der seine Bücher so akkurat angeordnet hatte, dass sie den Schrank exakt ausfüllten. Es konnte aber auch wesentlich wahlloser gewesen sein und der Mörder hatte es willkürlich mit Büchern aus einem anderen Raum gefüllt – und wenn man weiter in diese Richtung dachte, dann konnte man nicht einmal sagen, ob Akazukin Chacha wirklich Believe Bridesmaid gehört hatte. Das Fehlen von Lesezeichen eingeschlossen konnte das alles Teil der Botschaft des Mörders sein – aber was, wenn es so war? Wenn das wirklich der Fall war, dann wurde es nur zunehmend wahrscheinlich, dass es hier irgendeine Nachricht gab. Aber wenn nichts an all den Büchern ungewöhnlich war, dann machte das die gesamte Theorie zunichte. Es war nicht mehr als wilde Spekulation.
 

„Keine schlechte Idee. Nein, sogar eine sehr gute Idee! Alles andere macht gar keinen Sinn“, sagte Ryuzaki und ging näher auf Misora zu. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, er wolle ihre Hand schütteln und wurde unruhig, doch dann stellte sich heraus, dass er sich nur Insufficient Relaxation ansehen wollte, also reichte sie es ihm. Ryuzaki fasste es nur mit Zeigefinger und Daumen an und begann zu lesen. Sehr schnell zu lesen – er ging alle 376 Seiten mit einer bemerkenswerten Geschwindigkeit durch.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis er das gesamte Buch gelesen hatte. Misora war dazu verleitet, ihm Natsuhiko Kyogoku zum Lesen zu geben.
 

„Ich verstehe.“
 

„Eh? Haben Sie etwas gefunden?“
 

„Nein. Darin ist absolut gar nichts. Sehen Sie mich nicht so an. Ich schwöre, ich scherze nicht. Dies ist ein ganz gewöhnlicher Unterhaltungsroman, keine Botschaft oder gar eine Metapher wie die Strohpuppen. Und natürlich sind weder irgendwelche Buchstaben zwischen den Seiten versteckt noch ist etwas in die Seitenränder geritzt.“
 

„Die Seitenränder?“
 

„Ja. Da ist nichts als die Seitenzahlen.“
 

„Seitenzahlen?“, wiederholte Misora. Seitenzahlen... Zahlen? Zahlen wie zum Beispiel... römische Zahlen? „Ryuzaki, wenn man davon ausgeht, dass die Schnitte auf der Brust des Opfers römische Ziffern sind, wofür standen sie dann noch einmal genau?“
 

„16, 59, 1423, 159, 13, 7, 582, 724, 1001, 40, 51 und 31.“
 

Gutes Gedächtnis. Er musste sich nicht einmal das Bild noch einmal ansehen. Fast schon ein fotografisches Gedächtnis – erst die Anzahl der Seiten in den Büchern und jetzt das.
 

„Was ist damit?“
 

„Ich frage mich nur, ob sie vielleicht auf die jeweiligen Seiten in diesem Buch hier hinweisen könnten, aber... zwei der Zahlen sind vierstellig. Das Buch hat nur 376 Seiten. Das passt nicht.“
 

„Ja... nein, Frau Misora! Was wenn man die Gesamtseitenzahl subtrahiert? Zum Beispiel könnte 476 auch 376 plus 100 beziehungsweise 476 minus 376 heißen und somit auf Seite 100 hinweisen.“
 

„Und das hieße?“
 

„Ich weiß nicht. Aber lassen Sie es uns versuchen. 16 ist einfach. Seite 16. 59, 1423, 159, 13, 7, 582, 724, 1001, 40, 51, 31...“ Er verengte die schwarz umrahmten Augen.
 

Er schaute nicht einmal auf das Buch. Sicher? Selbst mit dieser Lesegeschwindigkeit war er in der Lage den gesamten Inhalt perfekt im Kopf zu behalten? War das überhaupt möglich? Konnte er das wirklich? Wie auch immer. Misora konnte nichts anderes tun, als dazustehen und abzuwarten.
 

„...Ich verstehe.“
 

„Dass es da wieder nichts gibt?“
 

„Nein. Es gibt etwas. Etwas sehr genaues, Frau Misora.“ Ryuzaki gab ihr Insufficient Relaxation zurück. „Schlagen Sie Seite 16 auf“, sagte er.
 

„Okay.“
 

„Was ist das erste Wort auf dieser Seite?“
 

„Quadratisch.“
 

„Als nächstes Seite 59. Das erste Wort auf dieser Seite?“
 

„Ukulele.“
 

„Die nächste Seite ist Seite 295. Wenn man von 1423 drei mal 376 subtrahiert, kommt man auf 295. Das erste Wort ist?“
 

„Triade.“
 

Und so fuhren sie fort. 159 stand für Seite 159. 13 war Seite 13, 7 war Seite 7, 582 wurde zu Seite 206, 725 zu Seite 348, 1001 war Seite 249, 40 blieb Seite 40, 51 blieb Seite 51 und 31 Seite 31 und auf jeder Seite las Misora das erste Wort vor. In der Reihenfolge: „Rabauke“, „Tisch“, „Ei“, „Arbeiter“, „equivalent“, „Tsunami“, „Effekt“, „entfernt“ und „Name“.
 

„Also.“
 

„Also was?“
 

„Nehmen Sie den ersten Buchstaben jedes Wortes.“
 

„Den ersten Buchstaben, ja? Uhm...“
 

Misora ging jede einzelne Seite noch einmal durch. Sie hatte kein schlechtes Gedächtnis, aber sie war auch nicht dazu in der Lage sich 20 Worte mit einem Mal zu merken. Schon gar nicht, ohne vorher zu wissen, dass es nötig war, das zu tun.
 

„Q-U-T-R-T-E-A-E-T-E-E-N... Qutr Tea Teen? Was?“
 

„Sehr ähnlich dem Namen des zweiten Opfers, finden Sie nicht?“
 

„Ich meine auch, ja.“
 

Das zweite Opfer. Das 13-jährige Mädchen.

Quarter Queen.
 

„Es gibt eine vage Ähnlichkeit... Quarter Queen... Nur vier Buchstaben sind anders.“
 

„Ja. Allerdings“, gab Ryuzaki ungern zu. „...sind vier Buchstaben von zwanzig zu viel. Ein Drittel ist falsch. Wenn auch nur ein Buchstabe nicht stimmt, macht das die ganze Theorie zunichte. Solange es nicht perfekt passt, ist es es nicht wert als Nachricht bezeichnet zu werden. Ich dachte, es könnte ein Hinweis sein, aber es könnte genauso gut ein Zufall sein...“
 

Es war so offensichtlich.

Wie konnte das sein?

Es musste Absicht sein.
 

Absicht... oder abnormal.
 

„Trotzdem, Frau Misora, wenn es nicht passt, passt es nun mal nicht. Wir waren nahe dran, aber...“
 

„Nein, Ryuzaki. Denken Sie darüber nach. Alle vier falschen Zahlen sind Zahlen über 376. Es sind alles Zahlen, die wir kalkulieren mussten.“
 

Sie blätterte durch die Seiten und überprüfte sie erneut. Seite 295, erstes Wort: „Triade“. Erster Buchstabe T, zweiter Buchstabe R, dritter Buchstabe I, vierter Buchstabe... A.
 

„Drei mal subtrahiert und die vierte Stelle... Wir müssen nicht den ersten Buchstaben, sondern den vierten nehmen! Nicht T sondern A. Und bei 582 und „Arbeiter“ genauso. Wir haben 376 einmal abgezogen also die zweite Stelle. Das heißt R statt A. Das machte Qutrtea zu Quarter.“
 

Nach dem gleichen Prinzip verhielt es sich mit dem Wort „equivalent“ und der Zahl 724. Der zweite Buchstabe: Q. Und bei 1001 und „Tsunami“ war es dasselbe. Nicht T sondern U. Das machte Eteen zu Queen. Quarter Queen.

L hatte Recht gehabt.

Der Mörder hatte eine Botschaft hinterlassen.

Die Schnitte auf dem Körper, die zwei fehlenden Bücher – der Mörder hatte eine Botschaft hinterlassen. Genau wie das Kreuzworträtsel, welches er der Polizei geschickt hatte, eine Nachricht, die auf das nächste Opfer hinwies...
 

„Gute Arbeit, Frau Misora“, sagte Ryuzaki ruhig. „Sehr gute Folgerung. Darauf wäre ich niemals gekommen.“
 

~
 

1: Nikkei = Personen japanischer Abstammung
 

Nachwort: Das Kapitel war wegen des ätzenden Zahlenrätsels alles andere als einfach. Ich bin nach wie vor nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe, aber meine Nachrechnungen gingen immerhin auf. ^^’ Die jeweils ersten Wörter auf den Buchseiten konnte ich natürlich leider nicht alle wörtlich übersetzen, denn sonst hätte es mit den richtigen Buchstaben nicht hingehauen. Ich musste an der Stelle also etwas improvisieren. ^^’

Zur Recherche hab ich mir diesmal sogar ein paar Folgen Akazukin Chacha angeschaut. X3 Das war lustig! Ich stelle mir B vor, der in einem Stapel an Merchandise sitzt und seine Augen vor Nerdtum leuchten. XD
 

~
 

tbc?

Gute Frage! ôO



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Kommentare zu dieser Fanfic (31)
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Von: abgemeldet
2012-03-08T07:36:29+00:00 08.03.2012 08:36
also ich finde die übersetzung einfach super *_*
hast du echt toll gemacht
und awwwwr es ist auch mellos sicht erzählt
*kreiiiisch*
freu mich schon auf das nächste chp *-*
awww ist einfach toll >__< *sich gar nicht mehr einkrieg*
Von: abgemeldet
2009-11-17T23:41:05+00:00 18.11.2009 00:41
whaaa danke für die tolle übersetzung :]
ich weiß nicht was ich sagen soll...
achja. Mello ist sooo toll *_____* ~absolute Liebe mit Sahne oben drauf~

Von:  MachineRaven
2009-07-30T16:05:06+00:00 30.07.2009 18:05
Bitte schreib weiter! BITTE!!!
Von: abgemeldet
2008-06-08T09:41:54+00:00 08.06.2008 11:41
Es ist echt toll, dass du den Roman übersetzt hast, aber diesen gibt es schon auf dem Markt und ich habe diesen schon gelesen^^

Es enspricht deiner Übersetzung, aber natürlich ist es im Buch anders xD
zum Beispiel fragt L bei dir "Wirkte er auf Sie cool?" Und im Buch steht" Sieht er gut aus?" xDDD Großer Unterschied! ;D

Naja, ich finde, du brauchst nicht weiter zu "übersetzten", denn dann solltest du den ganzen Text von dem veröffentlichen Buch, das im Deutschen erschienen ist abschreiben, also was der Tatsache entspricht!^__^

Sonst müssen es sich die anderen kaufen, habe es ja schon getan! ;D
Aber es ist verdammt viel Text!!o__O
Ich weiß nicht, ob du Lust hast, dass alles abzuschreiben! xDDD

Aber es ist toll, dass du angefangen hast, es zu übersetzten, denn durch deine Übersetzung hier bin ich zu diesem Buch gekommen
"Death Note Another Note Die BB-Mordserie von Los Angeles"

^____^~

lg <333
Von:  Rackne
2008-06-01T12:35:01+00:00 01.06.2008 14:35
Oh man...
Was ein Fall ^^.
Aber ich finde deine Übersetzung ist klasse und hoffe, es geht bald weiter!
Freu mich schon auf die weitere Zusammenarbeit von Ryuzaki und Misora...
was ein kranker Fall ^^.

Also, mach weiter so!
*wartend auf neue Seite und liebe Grüße da lass*
Rackne
Von: abgemeldet
2008-05-20T08:37:52+00:00 20.05.2008 10:37
supi das du die novel übersetzt
ich wollte sie unbedingt lesen und dann finde ich die Übersetzung hier
Wink des Schicksals^o^
Mach weiter so^^
Von:  Chikako
2008-05-17T15:35:58+00:00 17.05.2008 17:35
tolle arbeit!
ich habe mich beim lesen köstlich amüsiert ^^
sehr schön übersetzt :)
ein paar minimale Tippfehler aber das macht ja nix ;333

eine frage zum inhalt:
ähm kannst du mir vllt das mit den zahlenverhätlissen un den namen von quarter queen erklären? @.@"""

also das mit:
1423 drei mal 376 dividiert,kommt man auf 295

das habe ich jetzt nit verstanden ö____________Ö"""

ich fand das auch mit den mangabänden klasse x333
B und ein MAnga Fan xDDD
*lol*
aber klasse gemacht ^^

hab ich das jetzt richtig durchdacht,dass es L ist der mit misora rumschnüffelt? XD
ja oder? ^^ da war doch so ein kleiner absatz von mellos gedanken,der darauf hinweisen würde ^__^~ wenn ich mich jetzt nicht irre XD

hoffe du machst bald weiter mit den übersetzungen! :D
machst das echt klase!
vielen danke für deine mühen x333

*knuff*

LG

PS:
ha ih wieß jetzt endlich wer believ,quarter und co sind XDDDD
Von:  Chikako
2008-05-17T14:12:45+00:00 17.05.2008 16:12
*Kommigeilheit des übersetzers aufpush XDDDDDDDD*

nya tolle übersetzung! *__*
ich les es echt gerne und durch deinen übersetzungsstil hab ich schon fast spaß daran eine FF zu lesen XDDDDDD
jedenfalls toll gemacht! :)

@Story

hilfe ich hab mich jetzt fast zu tode erschreckt als ich gelesen hab dass eine hand unterm bett nach ihr gegriffen hat! XDDDDDDDDDDDDDDDD"""
*ans herz fass*
OMK das is zu viel für meine schwachen nerven XDDD

(rechtschreibfehler dank faulheit bitte überlesen XD)
Von: abgemeldet
2008-05-07T20:02:21+00:00 07.05.2008 22:02
Huh, mein Respekt.
Das war mal wieder absolut fantastisch übersetzt ...
Ich liebe dieses Buch Oo

Hätte ich es momentan nicht ausgeliehen (ich hab es ausgeliehen! OMK >.<) Ich würde etwas bestimmtes nachschauen ... ah, moment, ich müsste es irgendwo haben ...
...
Nein, ich hab es doch nicht O.o

Zumindest war da dieses extrem komische Wort, das du mit:
'Art religiösen Hexenfluch.'
übersetzt hast. Meine eigene Übersetzung jedoch hat 'Schlangenmensch' ergeben ...
Und ich persönlich finde, 'Schlangenmensch' passt besser ^.-

Aber jetzt mal im Ernst ...
*mich in den Staub werf und dich anbet*

Du übersetzt mein absolutes Lieblingsbuch!
>.<

Omk ... Das ist so ... ultra.

Du machst das wirklich wirklich fantastisch!
Ich hoffe, du setzt das Ganze fort =)

Ach ja, und dieser Zahlenmist ... Hut ab.
Ich hätte das niemals übersetzt, ganz ehrlich.

Bevor das Buch da war, hab ich schon die Zusammenfassung gelesen ...
Wenn ich nicht gewusst hätte, worum es geht ... Ich weiss nicht, ob ich dieses Buch an einem Tag hätte durchlesen können.

Du hast meinen ganzen Respekt: Wirklich eine Mega-Leistung.
Wahrscheinlich übernehmen die Typen², die das Buch übersetzen, die ersten Kapitel direkt von dir. Besser kann man es wirklich nicht machen.
Respekt.
²In Ermangelung eines besseren Wortes <.<

Naja ... mach bitte bitte weiter!


cya
Sere
Von:  Minerva
2008-05-05T08:43:44+00:00 05.05.2008 10:43
uff, das ist mir zu hoch... *sich müde die augen reibt*
Tja, man sollte sowas Anspruchvolles halt eben nicht Montagmorgen lesen.

Humm - für mich, gespoilerten Fan, dem ja schon längst klar ist wer Ryuzaki ist, erscheint es doch recht verdächtig das gerade ER Misora Naomi auf die Akazukin Chacha Bände aufmerksam macht, wo er ihr doch gestanden hat, das er die Serie auch liebt!
Damit macht er sich doch erst recht verdächtig, oder?

Andererseits wäre Misora Naomi aber auch nicht in hundert Jahren von selbst drauf gekommen...
Trotzdem! Ich fand auch zu Anfang das er sich da ZU SEHR reinsteigerte. Klar, im Endeffekt erscheint einem alles logisch ABER!! Wenn man bedenkt wie ich zB. meine Mangas sammele: Band 20. Band 4. Band 23... xD?

Also echt! Das kriegt doch keiner raus, vor allem wenn Belive Bridesmaid auch andere Serien so unkomplett hatte!

@ __@ Zuviel Mathe!!! Aber denn Sinn hab ich trotzdem irgendwie verstanden. (Olé!)
B hätte auf etwas tieferem Niveau denken sollen, damit es überhaupt einer checkt, außer L natürlich. Aber der würde freiwillig ja nie rauskommen, das hätte er auch mit einberechnen sollen. Oder war es vielleicht von Anfang Bs Absicht sich Misora zu zeigen?
Tja, du hast keinen Ahnung was passiert... ich liebe dieses Death Note Feeling...

"Wirkte er cool?"
xDDDD!! Einfach nur xDDDD.
Das ist sie! Die Wahrhaftige L-haftigkeit. in der kompletten Stille so ein geiles Kommentar abzuliefern!!
Sogar mein Lehrer wollte wissen warum ich jetzt so heftig lache. xD...

Sehr gute Arbeit!! *pat,pat* War bestimmt ne Heidenarbeit die ganzen Zahlenspiele zu übersetzen...

theo_




Ich hab voll Hunger auf Marmelade... Und auf Death Note Band 3. Das Tennismatch. harhar....


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