Lil' Tomb Raider I - Die Letzte der Sefim von HasiAnn ================================================================================ Kapitel 1: ----------- Schottland - Chopin Mann, war das schon wieder ein lausiger Morgen. Der Regen trommelte an das Fenster und machte dabei einen Höllenlärm, so laut, dass sich ein zerzauster Wuschelkopf durch die Kissen wühlte, ein paar unverständliche Töne von sich gab und wieder unter der Decke verschwand. Das laute Plätschern am Fenster fuhr unablässig mit seinem Konzert fort und so sehr das Etwas unter der Decke auch versuchte, die Lautstärke zu ignorieren und weiter zu schlafen, es nützte alles nichts. Es war zum Verzweifeln. „Mh.......................“, nörgelte es unter der Bettdecke hervor. Eine Hand fuhr heraus, griff zwei-, dreimal ins Leere, bis es den Funkwecker auf dem Nachttisch erwischte. Zwei verschlafene Augen blickten auf die Ziffernanzeige. „Och nöööööö...“, ging die Nörgelei weiter. „Das is' doch nich' wahr, oder? War heute nicht Sonntag oder sowas in der Art? Kann man heute nicht eigentlich mal auspennen oder sowas in der Art??“ Die Decke flog zurück und zum Vorschein kam ein junges Mädchen. In ihrem zerknitterten, pinken Pyjama blieb sie noch ein paar Momente auf dem Bettlaken liegen, betrachtete die Deckenkacheln und spielte mit ihren langen, braunen, zerzausten Haaren, die ursprünglich mal in einem Zopf zusammengefasst waren, welcher aber die Nacht wohl nicht überstanden hat. „Heute is wieder so'n Scheiß-Tag.“ Das Mädchen, das sich gerade jammervoll aus dem Bett quälte war Mel. Ihr vollständiger Name war Lady Madjana Elisabeth Laurana Sefim. Ja, sie war eine Lady, eine original schottische Lady. Sie lebte, seit sie denken konnte, mit ihrem Vater auf einem riesigen Anwesen in der Mitte einer Einöde in Schottland. Das war nicht gerade das paradisischste Leben, das sich eine Siebzehnjährige vorstellen konnte, obwohl ein Haufen Knete, eine Menge Platz, ein Swimmingpool, eine Sauna, ein Butler, ein Reiterhof, noch eine Sauna und unzählige TV-Geräte natürlich sehr verlockend scheinen. Aber Mel war wohl der lebende Beweis dafür, dass Geld nicht glücklich machen kann. Das Anwesen des Sefim-Clans, das Chopin, wurde bereits seit Urzeiten von Generation zu Generation weiter gegeben und befindet sich auch genau aus diesem Grund mitten im Nirgendwo. Der nächst größere Ort war mehrere Hügel und Weiden entfernt. Es war auf dem Chopin zwar immer schön ruhig, aber der Kontakt zu anderen menschlichen Wesen war gleich Null für Mel. Freunde kannte sie so gut wie nicht und da sie nur ein Privatlehrer unterrichtete und ihr Vater mehr damit beschäftigt war, karitative Organisationen zu gründen und damit beschäftigter war, als der Weihnachtsmann kurz vor dem 25. Dezember, war der einzige Mensch, mit dem Mel noch irgendwie eine Beziehung aufbauen konnte, der Butler. Jones. Er sah zwar aus, wie der schlaksigste Türsteher aller Zeiten, aber er war ein guter Mensch, mit dem man immer gut reden kann und der Mel wo es nur geht zur Seiten steht. Aber momentan sah die Lage eher so aus, dass Mel Sonntag früh um halb sieben vom Regen geweckt wurde und nun nicht mehr einschlafen konnte. Is doch herrlich erfrischend. Wie dem auch sei. Das Mädchen wanderte durch ihr riesiges Schlafzimmer. Überall lagen verstreut Bücher über Mythologie und Geschichte. Ihr Privatlehrer legte sehr viel Wert darauf, aus ihr eine echte Lady zu machen, neben Mathe, Englisch und allen möglichen Naturwissenschaften, lehrte er sie höfliche Umgangsformen, Hauswirtschaft und wie man möglichst unauffällig und still vor sich hinsitzt und die Leute reden lässt, die sowieso mehr Ahnung haben, als sie. Ja, so ein Leben ist doch echt was feines für einen Teenager im hohen Alter. Doch Mel machte sich neben dem Unterricht noch über ein paar andere, für sie wichtigere Sachen schlau. Als sie am Fenster ankam fitzte sie den Haargummi aus ihren Haaren und starrte wütend den Regen an. Sie seufzte kurz. Dann band sie sich einen Pferdeschwanz, rieb sich die Augen und watschelte ins Bad. Ein Stockwerk tiefer saß Mels Vater bereits am Frühstückstisch und durchforstete die Zeitung. Ein Foto von ihm erschien auf der Titelseite mit der Kopfzeile: „Sefim-Oberhaupt errettet Dorf aus der Armut“. Lord Sefim schmunzelte zufrieden. „Sie stehen schon wieder auf der Titelseite?“, tauchte hinter ihm Jones mit einem Tablett auf, auf dem eine Kanne Tee und eine Tasse aus chinesischem Porzellan standen. „Wird es ihnen nicht langsam langweilig den Großteil ihres Besitzes mit den weniger Bevorteilten zu teilen?“ „Ich mache das nur, um meinem Ego etwas Gutes zu tun, mein lieber Jones.“, lächelte Lord Sefim. Beide Herren lachten. „Tee, Sir?“ „Ja, bitte.“ Daraufhin goss Jones etwas Tee in die Tasse und stellte sie auf den Tisch. „Ist die kleine Lady schon wach?“, Lord Sefim blickte von seiner Zeitung auf. Jones zuckte mit den Schultern. Doch ein langes und lautes: „JOOOOOOONES!!! EISTEE!!!!“ beantwortet seine Frage sofort. Der Butler rollte mit den Augen: „Und ich dachte, Mannour würde es langsam mal schaffen, ihr Manieren beizubringen.“ „Nur keine Sorge, Jones. Früher oder später wird auch sie es lernen. Lassen sie ihr Zeit.“ Jones verbeugte sich kurz, verließ dann die Küche und stieg die Stufen zu Mels Zimmer hoch. Doch so weit kam er gar nicht, da ihm das Mädchen bereits entgegen stapfte. „Schon gut, ich hol ihn mir selbst.“, murmelte die noch im Pyjama steckende Bettleiche. „Haben sie gut geschlafen, Lady Sefim?“ Daraufhin drehte sich das Mädchen zu ihrem Butler um, sah ihn mit erhobener Augenbraue an und meinte dann trocken und genervt: „Sehe ich denn so aus??“ Der große Herr schmunzelte nur, schüttelte dann den Kopf und machte sich auf in ihr Zimmer, um ihr Bett neu zu beziehen. „Morgen, Daddy.“, schleppte sich Mel in die Küche, ging auf direktem Weg auf ihren Vater zu. Naja, auf direktem Weg ist ein wenig untertrieben. Auf direktem Weg kann man in dieser Küche nirgendwohin kommen. Lord Sefim hat die Macke, ständig Leidenschaften für Artefakte zu entwickeln. In jeder noch so piepsligen Tonscherbe sieht er die Geschichte eines ganzen Volkes. Aus diesem Grund war so gut wie die gesamte Küche mit jeder Menge „Artefakte“ zugemüllt. Lord Sefim stellt seine Schätze gerne in die Küche, weil er einerseits in keinem anderen Zimmer inspiriert genug ist, sich mit den Teilen zu beschäftigen, wie er immer zu betonen pflegt. Andererseits regt sich Jones gerne drüber auf, wenn er den ganzen Kram erst mühsam zur Seite räumen muss, um in der Küche kochen zu können und Lord Sefim amüsiert das köstlich. Mel hingegen arbeitete sich an seltsam geformten Metallstücken und in Plastikbechern verstauten Schmutz vorbei zu ihrem Vater, um ihn zu knuddeln, wie sie es sonst auch immer tut. „Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?“ Mels Mine verfinsterte sich wieder. „Ja, ich habe herrlich geschlafen. So herrlich, dass ich das Aufwachen um halb sieben Uhr früh schon gar nicht mehr erwarten konnte.“, giftete sie. „Nimm's nicht so schwer. Wenn du erwachsen bist, wirst du sehen, dass es wichtigere Dinge gibt, über die man sich aufregen kann, als mal einen Tag nicht ausschlafen zu können. Setz dich und iss was.“ Das Mädchen setzte sich auf einen Holzstuhl, zog die Knie zu sicher heran und betrachtete den Esstisch. Jones war ein hervorragender Koch und wie er das Essen so liebevoll anrichtete war die reinste Freude fürs Auge. Aber heute war Mel irgendwie nicht nach essen. „Was ist? Magst du nicht?“ „Och, ne, Daddy. Hab' irgendwie keinen Hunger.“ „Was ist denn los?“, fragte ihr Vater besorgt und war schon wieder kurz, davor ein Fieberthermometer zu holen und den Notarzt und die Intensivstation zu benachrichtigen. „Ich weiß nicht. Mag heute nich'. Ich hab' irgendwie schlecht geträumt und das verdirbt mir gerade den Appetit.“ „Was hast du denn geträumt, Hase?“ „Weiß ich nicht mehr genau. Irgendwas mit einer Eule oder Habicht oder Geier. Auf jeden Fall war da 'n Vogel und an mehr kann ich mich nicht erinnern.“ Lord Sefim schaute kurz auf, blickte seine Tochter für einen Moment ernst an, doch sie sah es nicht, weil ihr Blick noch immer auf das viele Essen gerichtet war. Dann sah er wieder in seine Zeitung. „Ich glaube...“, murmelte er hinter dem Papier, „...dass du einfach mal ein bisschen Freiheit brauchst. Wie wäre es, wenn wir beide mal Urlaub machen?“ Sofort sah Mel ihren Vater hellaufbegeistert an. „Ist das dein Ernst??“, fragte sie, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht verhört hat. „Ja, natürlich. Wir fahren zusammen wohin du willst.“ „Ich will nach Kambodscha.“, rief Mel ohne groß nachzudenken. Ihr Vater sah von der Zeitung auf, seine Tochter verdutzt an. „Was um alles in der Welt willst du denn in Kambodscha?“ „Ich hab da gerade was gelesen über einen Tempel, der erst vor Kurzem entdeckt wurde. Ich wollte mir das gerne mal ansehen.“ Lord Sefim lächelte. „Das ist meine Tochter. Neugierig und abenteuerlustig. Gut, abgemacht, sobald dieser Auftrag durch ist, fliegen wir zusammen nach Kambodscha.“ Mel freute sich schon jetzt riesig, doch dann registrierte sie diese Wort, das ihr Vater eben noch benutzt hatte. „Was denn für ein Auftrag?“, sie dachte schon, jetzt kommt er sicher wieder mit einem riesengroßen Projekt das mehrere Monate in Anspruch nehmen wird. „Diese Nacht kam ein Paket hier an. Es stammt von einer Frau aus London. Sie ist die Leiterin einer Abteilung zur Unterstützung von Randguppen. Sie hat mir irgendwas geschickt und will meine Meinung dazu wissen.“ „Was hat sie dir denn geschickt.“ „Ich weiß nicht. Ich hab' das Paket noch nicht aufgemacht.“ „Und warum nicht?“, fragte Mel ungläubig. „Man sollte den Tag mit einem guten Frühstück beginnen und nicht mit Arbeit.“ „Jaja, schon gut.“, sie wedelte mit der Hand. Sowas von konservativ. „Darf ich es dann aufmachen?“ „Na gut. Es steht im Fourier. Aber sei vorsichtig damit.“ Daraufhin stand Mel auf und trabte aus der Küche. Im Fourier stand dort ein kleines Paket auf einem Tisch. Neugierig begutachtete das Mädchen erst den in Papier eingewickelten Quader, dann öffnete sie ihn schnell. Hervor kam eine Schachtel. Als Mel sie öffnete, schoss urplötzlich ein kleiner Lichtblitz aus ihr. Eine Art winziger Kugelblitz. Die Kleine erschrak erst, doch dann sah sie dem Irrlicht verwundert hinterher. Es schien erst völlig sinnfrei durch die Gegend zu schwirren, als ob es blitzschnell einen Ausgang finden wollte. Mel war verwirrt und fragte sich, was das soll. Der Kugelblitz bewegte sich so schnell, dass Mel ihm sogar ein paar Mal ausweichen musste. Ihr wurde das langsam zu bunt und wollte sich das Ding schon schnappen. Es flog auf direktem Weg auf das Mädchen zu, doch als das Mädchen sich das Licht schnappen wollte, war es wie vom Erdboden verschluckt. Einfach weg. Nichts mehr zu sehen. Mel stand erst nur verdattert da. Es war still. Nein, es war sogar sehr still. Das fiel Mel plötzlich ganz deutlich auf. Irgendwie vermisste sie das Schlurfen von Jones in den Gängen oder das Geräusch, wie ihr Vater seinen Tee in der Küche trinkt. Es war irgendwie unnatürlich still. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Doch dann ohne weiter Vorwarnung wurden die Fenster in der Decke im Fourier zerstoßen, Seile schlangen sich von ober herab. Die Fenster an den Wänden wurden zerschossen und die Tür des Haupteingangs aufgesprengt. Überall flogen Glassplitter, Steine und Staub herum, sodass Mel neben dem Schock der plötzlichen Ereignisse erstmal völlig im Dunklen tappte. Doch als sie sah, wie mehrere in schwarz gepanzerte Männer das Anwesen stürmten, erkannte sie die gefährliche Situation. Sie wusste zwar nicht, was die Männer wollten, doch sie wusste, dass sie sicher nicht gekommen waren, um ihren Vater um ein paar Spenden zu bitten. Das Mädchen nahm ihre Beine in die Hand, lief gedeckt im Staub und Schmutz davon und hoffte, dass sie noch unentdeckt war. Sie rannte die Treppen in das zweite Stockwerk nach oben. Unterwegs hörte sie von einem der Männer - vermutlich vom Anführer: „Durchsucht alles. Die Phiole muss hier irgendwo sein.“ Das Mädchen wusste nicht, was damit gemeint war. Sie wollte einfach nur so schnell wie möglich in ihrem Zimmer verschwinden. Doch kurz bevor sie ihre Tür erreichen konnte, hörte sie eine Stimme: „Wir haben hier jemanden.“ „Wer ist das?“, fragte der Anführer. Es wurde ruhig im unteren Stockwerk. Der Staub und die Aufregung legten sich. „Lord Sefim.“ Mel riss die Augen auf. Ihr Vater. Sie hatten ihren Vater. Sie kniete sich auf den Boden, rutschte an das Mamorgeländer heran und blickte nach unten ins Fourier. Dort stand ihr Vater in Mitten der Männer und blickte den Anführer böse an. „Aha, der berühmte Lord Sefim.“, meinte der Anführer. „Sie werden die Phiole nicht finden.“, sagte Mels Vater hart. Das Mädchen saß nur am Geländer, hatte furchtbare Angst, wollte ihrem Vater helfen, doch sie konnte vor lauter Angst nicht einmal mehr aufstehen. „Wir wissen, dass Mrs Towers ihnen die Phiole geschickt hat.“ „Sie sind falsch informiert worden. Die Phiole ist nicht hier.“ „Meine Männer durchsuchen noch immer ihr Anwesen. Früher oder später werden sie sie finden.“ Und genau in dem Augenblick tauchte hinter Mel einer der schwarzen Männer auf. Die Kleine erschrak furchtbar, doch bevor er irgendetwas verheerendes hätte anrichten können, wurde er von hinten mit einem Betäubungspfeil angeschossen. Der Mann kippte nach vorn und hinter ihm kam Jones zum Vorschein. „Jones!!“, flüsterte Mel ein wenig erleichtert. „Was ist hier los? Wer sind die?“ Der Butler kniete sich zur kleinen Lady runter und antwortete: „Ich weiß es leider auch nicht so genau. Diese Männer scheinen etwas zu suchen. Sie bleiben hier oben. Ich gehe in das Zimmer am Ende des Flurs und rufe die Polizei.“ „Nein!“, Mel zog an Jones Ärmel. „Du kannst mich doch jetzt nicht hier allein lassen!“ „Keine Sorge, Lady Sefim. Sie sind mutiger, als sie denken. Verlassen sie sich erstmal nur auf ihren Mut und dann sehen wir weiter.“ Mel gehorchte und blieb in ihrer Ecke hocken. Jones schlich sich den Flur entlang. Doch als er weg war, tauchte ein weiterer der Männer auf. Dieses Mal erschrak Mel nicht so sehr. Sie sah den Mann böse an. Dieser richtete seine auf Mel und rief: „Ich hab hier jemanden.“ Er wies sie an, aufzustehen. Das Mädchen zögerte erst, aber fast wie aus einem noch nie vorher dagewesenen Reflex, griff sie blitzartig nach dem Gewehr, das der Betäubte hatte fallen lassen, richtete sie auf den Schützen und drückte ohne zu zögern ab. Der Knall dröhnte in Mels Ohren und war lauter, als sie erwartet hatte. Die Wucht des Schusses stieß sie selbst ein wenig nach hinten. Sie hatte Mühe, sich dabei noch aufrecht sitzend zu halten. Dann hörte sie, wie die leere Patronenhülse auf dem Boden fiel und ein hallendes Klingen hinterließ. Kurz darauf sank der tote Körper des Schützen vor ihr auf die Knie und kippe zur Seite weg. Der Lauf des Gewehrs rauchte noch immer, als Mel auf ihr Werk sah. Sie atmete schwer und saß wie steif gefroren mit weit aufgerissenen Augen da. Nur langsam realisierte sie, was sie getan hatte. Sie hat jemanden getötet. Sie ist eine Mörderin. Ihr Schuss blieb natürlich nicht unüberhört. Sofort ging unten das Gekreische los, einige Männer stürmten die Treppe hinauf. Was sollte Mel jetzt tun? Sie werden sie sicher töten. Ohne mit der Wimper zu zucken werden sie sie töten. Dann besann sie sich. Töten oder getötet werden. Sie hatte die Waffe in der Hand und war mutig und entschlossen genug. Was blieb ihr anderes übrig? Entweder, sie lässt sich von diesen Idioten erschießen oder sie kämpfte sich einen Weg nach unten und rettet ihren Vater. Sie entschied sich für zweiteres. Herzklopfend stand sie auf. Zwei Männer waren nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie drehte sich zu ihnen, griff fest an ihr Gewehr, damit die Wucht das Schusses sie nicht wieder nach hinten taumeln ließ und fing an zu feuern. Sie feuerte schnell und präzise, traf die zwei Kerle, die da die Treppe rauf stürmten. Rannte den folgenden Männern sogar entgegen. Es entbrannte ein Kampf zwischen ihr und den Männern, den sie unmöglich gewinnen konnte, doch sie biss die Zähne zusammen. Mit unglaublicher Durchschlagskraft – als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan, als sich durch eine Horde Wildgewordener zu ballern – erreichte sie die Stufen und arbeitete sich nach unten durch. Im Fourier standen noch mal drei Männer und der Anführer. Die drei Männer kamen auf Mel zugestürzt. Der Anführer hingegen debattierte noch mit Mels Vater, doch in der Lautstärke, mit der die Schüsse fielen, konnte sie nicht verstehen, was der Anführer ihrem Vater da entgegen schrie. Das einzige, was sie erkennen konnte, war, wie der Anführer seine Waffe auf ihn richtete und einfach abdrückte... Mel schrie auf. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Haarscharf erwischte sie auch noch eine Kugel an der linken Schulter von dem letzten, der Männer, der noch übrige geblieben war. Als dieser sah, wie sein Anführer ging, folgte er ihm. Ein paar andere Kerle, die sich noch im Haus aufhielten, verschwanden auch. Das einzige, was zurück blieb, war Mel. Sie ließ schwer atmend ihr Gewehr fallen, trat langsam von den Stufen herunter auf ihren Vater zu. Er lag am Boden und rührte sich nicht. „Mel...“, kam dann doch ein schwacher Laut von ihm. Sie kniete sich zu ihm herunter und nahm seine Hand. „Ja, Daddy?“, fragte sie leise. „Diese Männer... Ihr Anführer heißt Lost... Er will die Phiole... Versuch eine Mrs Leena Towers zu finden... Sie wohnt in London...“ Mel verstand ihren Vater kaum. Er redete schwach und leise. In ihr regten sich tausende Emotionen und doch fühlte sich alles hohle und leer an, als ob man auf einem imaginären Kaugummi kauen würde, genau wissend, dass zu nix führt. „Daddy?“ „Ich bin... froh, dass du nicht weinst... Du siehst aus, wie deine Mutter...“, dann hauchte Lord Sefim nur noch ein paar Worte, die Mel nicht mehr hören konnte und schloss schließlich die Augen. Mel kniete nur stumm neben ihm. Ließ dann seine Hand los. Ein paar Momente saß sie noch so da. Es war still im Chopin. Ihr Kopf war völlig leer. Dann fingen ihre Gedanken langsam wieder an zu arbeiten. Ihr Vater war tot. Getötet von Lost. Das Chopin war ziemlich in Mitleidenschaft genommen worden. Überall lagen Trümmer und Scherben, Leichen. Mel selbst hatte getötet. Sie hat Menschen getötet. Und dann diese Phiole, hinter der alle her sind. Plötzlich merkte sie, dass sie noch etwas in ihrer Pyjamatasche stecken hatte. Sie zog die Schachtel hervor. Ihr war gar nicht bewusst, dass sie sie vorhin eingesteckt hatte. Sie öffnete die Schachtel. Zum Vorschein kam eine in viel Watte gepackte kleine, völlig verschlossene Glasflasche mit einer schimmernden, trüben Flüssigkeit darin. „Nach dieser Phiole haben also alle gesucht.“, sagte Mel, als sie hört, wie Jones hinter ihr heran trat. Er war gerade dabei eine Decke über den verblichenen Lord Sefim zu legen. „Aber warum ist nur jeder so scharf darauf? Was ist so besonders an ihr?“ „Lady?“, fragte Jones sichtlich verwirrt. „Ihr Vater ist gerade getötet worden.“ „Ich weiß, Jones. Aber Zeit zum Trauern ist offensichtlich nicht.“, sie schaute trotzdem traurig auf die mit einer Decke verhüllte Leiche ihres einzigen Verwandten. „Damit bin ich wohl die letzte aus dem Clan der Sefim.“ „Ich bedaure das alles zu tiefst, Lady. Kann ich etwas für sie tun?“ „Nein.“ Mel atmete einmal tief ein. „Es sei denn, sie können mir sagen, wo Mrs Leena Towers lebt.“ „Wie meinen?“ „Mein Vater sagte mir eben noch, dass ich mit ihr sprechen soll.“ „Und das wollen sie wirklich tun?!“, Jones wollte seinen Ohren nicht trauen. Saß vor ihm tatsächlich noch die kleine, verwöhnte Mel? „Jones, mein Vater wurde gerade erschossen und das alles wegen dieser kleinen Flasche. Ich will Antworten.“ „Das kann ich gut verstehen, Lady, aber meinen sie nicht, dass sie das lieber der Polizei überlassen sollten.“ „Nein! Es schien wie der letzte Wille meines Vaters. Ich nehme mich der Sache selbst an.“, Mel stand entschlossen auf. „Ganz wie sie meinen. Ihr Vater hat in seinem Büro eine Addressenkartei stehen. Vielleicht finden sie dort die Adresse von Mrs Towers.“ London – Leena Towers Büro „Hach... Großartig...“, fluchte Mel leise am Kaffeautomaten, der wieder mal so nett war, erst den Kaffee nach unten laufen zu lassen und danach den Becher in das Fach zu stellen. Sie schien vom Pech verfolgt. Nachdem ihr Vater gestorben war, haben die Polizisten mit ihr drei Stunden diskutiert, wie das alles passiert ist und vor allem, wie die Männerleichen da hin gekommen sind. Die Beamten wollten Mel nicht so recht glauben, dass ein kleines, siebzehnjähriges Mädchen solche Panzerschränke so präzise erschießen kann und dabei nur eine kleine Verletzung an der Schulter davonträgt. Irgendwann hat das Mädchen die Nerven verloren und sie alle raus geschmissen. Die Aufräumarbeiten am Chopin haben noch mal zwei Tage gedauert. Diese Schweine von Lost haben ziemlich viel zerstört. Wände, Decke, Fenster, Möbel. Alles haben sie kurz und klein gehauen, um an die Phiole zu kommen. Das Fourier hatte am meisten gelitten. Wahrscheinlich ist das Geländer und die Treppe noch immer in Arbeit. Selbst vor Mels Zimmer hatten diese Kerle keinen Halt gemacht. Sie ist nur noch wütender geworden, als sie gesehen hat, was sie mit ihren Kuscheltieren und ihrem Bett und ihren ganzen Klamotten gemacht hatten. Das war unverzeihlich. Da Mel ihrem Vater indirekt versprochen hatte, sich der Sache persönlich anzunehmen, musste sie sich die letzten Tage hier nach London durchschlagen. Für jemanden, der schon viel gereist ist, ist das kein Problem. Aber sie ist nicht so jemand. Die einzigen Reisen, die sie bisher unternommen hatte, waren Ferien mit ihrem Vater. Sie war noch nie allein auf einem Flughafen oder hat einen Fahrplan gelesen und das einzige, was sie bei sich trug, war ein bisschen Bargeld und die Phiole... Und eine Pistole. Seit dem Überfall auf das Chopin war die kleine Lady ein wenig paranoid geworden. Sie traute niemandem mehr und hat bei jedem Gespräch mit einem Fremden die halbe Hand an ihrer Waffe. Sie weiß zwar nicht so ganz, wie man sie bedient, aber Hauptsache erstmal haben. Damit fühlt sie sich wenigstens ein bisschen sicherer. Towers Abteilung in London zu finden war doch aufwendiger, als das Mädchen angenommen hatte. Sie musste ungefähr tausend Leute fragen, wo sie denn nun hin muss und mach das erstmal in England mit einem schottischen Akzent. Jeder guckt dich blöd an. Lange Rede kurzer Sinn, die junge Lady Sefim befand sich nunmehr im Wartezimmer vor Mrs Towers Büro und hätte den Kaffeeautomaten am liebsten aus dem Fenster geschmissen. Ihr war der Kaffeefleck auf dem Teppich nunmehr peinlich, aber Mrs Towers Sekretär hat das nicht mitbekommen. Er war zu sehr in seine Arbeit vertieft. In dem Moment öffnete sich die Tür zum Büro. Eine junge Frau trat heraus. Mel drehte sich um und sah die Frau an. Sie war sehr groß, hatte unheimlich lange Haare und einen festen Blick. Mel dachte schon, sie sei Towers, aber da hatte sie sich geirrt, denn die Frau ging geradewegs an ihr vorbei und aus dem Wartezimmer, während der Sekretär sagte: „Lady Madjana Sefim. Sie können jetzt rein gehen.“ „Danke.“ „Mrs Towers? Leena Towers?“, fragte Mel leise hinter der geschlossenen Tür stehen bleibend. „Ja? Sie sind?“, fragte die ältere, äußerst ordentlich gekleidete Frau hinter dem Schreibtisch. „Meine Name ist Lady Madjana Sefim, vom Sefim-Clan aus Schottland.“ Towers blickte auf. „Sefim? Sie sind die Tochter von Lord Harold Sefim?“ „Das ist richtig.“ Die Frau machte ein einladendes Gesicht. „Wie schön, dass ich Harolds Tochter endlich mal kennen lerne. Treten sie doch näher. Wie geht es ihrem Vater denn?“ Das Mädchen kam näher an Towers Schreibtisch. „Er ist tot.“, sagte sie knapp und ernst. „Tot?!“, Mrs Towers war sichtlich erschrocken darüber. „Und zwar deswegen.“, sie packte aus ihrem Rucksack die Phiole aus. „Sie haben meinem Vater diese Phiole zukommen lassen und keine paar Stunden danach brach ein schwer bewaffnetes Einsatzkomando in unser Anwesen ein. Sie haben so gut wie alles zerstört und meinen Vater getötet, doch die Phiole haben sie nicht bekommen.“ Mrs Towers starrte noch eine Weile auf die kleine Glasflasche und versucht das eben gehörte zu schlucken. „Ich will Antworten. Was ist so besonders an dieser Phiole? Sie haben meinem Vater geschrieben, er solle sie sich ansehen und ihnen seinem Meinung dazu sagen.“ „Tja, es tut mir leid, Lady. Ich kann ihnen da nicht weiter helfen. Ich weiß selbst nicht, was diese Phiole so wertvoll macht, dass man deswegen Menschen töten muss.“ „Woher haben sie denn die Phiole bekommen?“ „Meine Abteilung ist für den Schutz von Randgruppen zuständig, aber wir bekommen nur sehr wenig Fördergelder. Wir sind froh, wenn wir ein paar Spenden bekommen. Vor ein paar Tagen jedoch kam diese Phiole von einem anonymen Spender bei uns an. In seinem Schreiben stand, dass diese Phiole auf einer Auktion einen geschätzten Wert von mehreren Millionen Dollar einbringen würde. Bei einer solch großzügigen Spende wurde ich natürlich misstrauisch. Deswegen habe ich die Phiole deinem Vater geschickt. Er war interessiert an künstlerischen und historischen Gegenständen und hatte für Fälschungen einen Blick. Deswegen habe ich gehofft, dass er mir weiter helfen könne. Und jetzt ist er tot.“ „Haben sie bisher noch nicht herausgefunden, wer der Spender ist?“ „Nein. Er blieb absolut anonym und hat sich bis heute nicht mehr gemeldet.“ „Na schön. Danke für alles.“ Mel nahm die Phiole wieder an sich, drehte sich um und ging aus dem Büro. „Mein herzliches Beileid wegen ihrem Vater.“, rief Leena Towers ihr hinterher. Als die Tür ins Schloss fiel öffnete sich neben Towers Schreibtisch die andere Tür im Zimmer. Herein trat ein kräftiger Mann, dem man hätte zutrauen können, Bäume samt Wurzel aus der Erde zu reißen. „Warum haben sie ihr die Phiole nicht gleich weggenommen?“, fragte er wütend. „Halten sie ihre Klappe, Lost. Sie haben mit ihrem hirnlosen Geballer schon genug Schaden angerichtet. Dank ihnen ist wieder einer der Sefim drauf gegangen.“ „Er hat mich wütend gemacht.“, gab Lost Zähne knirschend zurück. „Jetzt ist nur noch ein Sefim übrig. Der letzte Sefim. Und der ist ausgerechnet ein Kind. Ein Kind, Lost. Ein dummes, kleines Kind. Sie wird das Banner nie finden.“ „Dann hättest du ihr doch wenigstens die Phiole wegnehmen können.“ „Sie allein nützt uns wenig. Wir brauchen das Banner und das kann uns nur ein Sefim besorgen.“ London - Caffe Da stand Mel nun auf der Straße mit nichts, außer einer Antwort, mit der sie nichts anfangen konnte. Was nun? Sie wusste es nicht. Es wäre wohl klug, einfach nur wieder nach Hause zu gehen. Sie stand mit leeren Händen da und hatte absolut keinen Plan, was sie jetzt tun soll. Was hielt sie noch hier? Doch vorerst schlurfte sie betrübt die Straße entlang, bis sie an einem Caffe vorbei kam und sich dachte, den vorhin verschütteten Kaffee ersetzen zu müssen. Also begab sie sich in das kleine Caffe und setzte sich auf einen freien Hocker an der Bar. „Einen Kaffee bitte.“, gab sie dem Barmann zu verstehen. Es war nicht viel los und so bekam sie ihren Kaffee relativ schnell, schlürfte an dem heißen Getränk und dachte nach. Sie kramte die Phiole aus ihrem Rucksack und betrachtete sie. Die Flüssigkeit darin schien so viskos wie Öl zu sein, hatte aber eine milchig trübe Farbe und glitzerte ein wenig im Licht. Was das wohl für eine Flüssigkeit war und warum diese Phiole wohl so wertvoll war. Vielleicht war es eine Wunderdroge. Oder eine neue Form von Bortox. Oder die wohlschmeckendste Substanz, die je erfunden wurde. Oder ein unheimlich wirkungsvoller WC-Reiniger. Oder eine energiespeichernde oder produzierende Flüssigkeit. Oder ein tödliches Virus. Mel rauchte der Kopf, je mehr sie darüber nachdachte. Doch während sie nachdachte, bemerkte sie nicht, wie sich eine Frau neben sie auf den Hocker setzte und ebenfalls einen Kaffee bestellte. Als der Barmann nickte und sich umdrehte, um dem Wunsch der Frau nachzukommen, zögerte sie nicht lange, packte Mel am Arm und zog sie raus auf die Straße, um die Ecke in eine leere Seitengasse. Das Mädchen wusste gar nicht, wie ihr geschah, folgte der Frau einfach und war sichtlich erschrocken, als sie ihr eine Waffe an den Kopf hielt. „Wo hast du die her?“, fragte sie hart. Mel wusste gar nicht, was diese Frau wollte. „Ich rede mit dir.“, wiederholte sie deswegen etwas lauter. „Diese Phiole!“, sie deute auf die Flasche, die Mel noch immer in den Händen hielt. Doch das Mädchen war so überrannt von der Situation, dass sie sich nicht rühren konnte, geschweige denn, etwas sagen konnte. Als die Frau merkte, dass sie so nicht weiter kam, nahm sie die Waffe runter, was Mel ein wenig erleichterte. „Nach dieser Phiole suche ich schon seit ein paar Tagen.“ Mel sah die Frau nur weiter verwirrt an. „Genau das ist der Grund, warum ich nicht gut mit Kindern zusammen arbeite. Komm, gehen wir wieder rein.“ Daraufhin ging die Frau voraus. Mel wunderte sich noch ein wenig, dann folgte sie ihr wieder in das Caffe. Drinnen setzen sich beide auf ihre Hocker. „Meine Name ist übrigens Lara.“, die Frau nahm ihren Kaffee und trank einen Schluck. „Lara?“, wiederholte Mel. „Ganz recht. Wie ist dein Name?“ „Lady Madj...“, sie wollte schon ihren vollständigen Namen sagen, doch dann dachte sie daran, dass sie diese Frau gar nicht kannte und darüber hinaus sie ihr gerade eine Waffe an den Kopf gehalten hat. „Nenn mich einfach Mel.“ „OK, Mel. Tut mir leid, dass ich dich gerade so sehr erschreckt habe. Das war nicht meine Absicht. Ich hab nur wegen dieser Phiole in den letzten Tagen so einiges auf mich nehmen müssen und jetzt sehe ich sie so einfach in den Händen eines kleinen Mädchens.“ „Die habe ich von meinem Großvater zum Geburtstag bekommen, als ich vierzehn Jahre alt wurde. Eigentlich gehört sie meiner Urgroßmutter, doch ihr Wunsch war es, dass ich sie mal bekomme. Es ist ein altes Familienerbstück.“ Lara sah zu Mel rüber und erhob eine Augenbraue. „Du brauchst nicht zu denken, dass ich Probleme damit habe, kleine Kinder zu erschießen. Ich räume jedem aus dem Weg, der versucht, mich von meinen Aufträgen abzubringen und Lügner gehören dazu.“ Mel schluckte kurz. Woher konnte diese Frau so genau wissen, dass sie gelogen hatte? „Es ist mein Beruf, nach seltenen und wertvollen Artefakten zu suchen. Ich karre sie ans Tageslicht, verkaufe sie an Museen und schreibe Bücher darüber. Damit verdiene ich mein Geld. Mein jüngster Auftrag ist es, diese Phiole zu finden. Der Leiter einer Ausgrabungsstätte in Venedig, Mr Pietro Tossa hat eine Tafel entdeckt, auf der diese Phiole abgebildet war. Vor zwei Wochen beauftragte er mich, die Phiole zu finden und zu ihm zu bringen. Ich fand sie wenig später in einem Familiengrab. Doch kurz darauf rief er mich aus Venedig erneut an und meinte, dass die Phiole gestohlen worden sei.“ „Weiß er denn, was die Phiole so wertvoll macht.“ „Das konnte er mir leider nicht sagen. Bei unserem letzten Telefongespräch wurde plötzlich die Verbindung unterbrochen. Seit dem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Was er mir als letztes sagte, war, dass ich zuerst mit Leena Towers reden soll. Sie war eine der ersten, die sich brennend für die Phiole interessiert haben. Aber als ich sie danach fragte, sagte sie, sie habe noch nie etwas davon gehört, weder von einer Phiole, noch von einem Pietro Tossa. Ich konnte nicht weiter auf sie eingehen, da sie immer eine liebenswerte Leibwache von einem Kleiderschrank an ihrer Seite hat, gegen den ich keine Lust hatte anzutreten. Nicht jetzt und nicht hier. Ich hatte keinerlei weitere Anhaltspunkte, war wie der Teufel hinter der Seele die ganze Zeit der Phiole hinterher gejagt und bin verdammt schlecht gelaunt. Wenn ich dich also nun nicht als den eigentlichen Dieb abstempeln soll, obwohl du Beweisstück A in den Händen hälst, rate ich dir, mit der Wahrheit rauszurücken.“ Mel schaute die brünette Frau eingeschüchtert an. Sie machte keine Anstalten einer gewalttätigen Handlung, sie saß nur ganz ruhig da, doch die Kraft in ihrer Stimme und die Bestimmtheit, mit der sie redete, machten Mel Angst. „Wie du vielleicht mitgekriegt hast, war ich direkt nach dir in Towers Büro und habe mit ihr gesprochen. Von ihr habe ich die Phiole ja erst bekommen. Vor ein paar Tagen hat sie sie meinem Vater geschickt, mit der Bitte, sie sich doch mal genauer anzusehen und auf seine Echtheit zu überprüfen. Doch kurz nachdem das Paket in unserem Anwesen ankam, stürmte ein Kommando herein, tötete meinen Vater und wollte die Phiole an sich reißen. Doch die Männer haben sie nicht bekommen. Sie dachten wohl, sie sei nicht bei uns. Deswegen sind sie wieder abgezogen. Aus diesem Grund war ich eben bei Towers. Ich habe sie gefragt, woher diese Phiole kommt. Sie meinte, sie habe sie von einem anonymen Spender erhalten.“ „Leena lügt in beiden Fällen. Sie weiß ganz genau, was die Phiole bedeutet und ich bezweifle, dass sie sie von einem sehr spendablen Anonymen bekommen hat.“ „Was macht dich so sicher?“ „Instinkt. Nach Jahren mit Korruption, Lügen und Intrigen kriegt man ein Gespür dafür.“ „Und was machen wir jetzt?“ Lara trank ihre Tasse leer. „Wir?!“, sie lachte. „Wir machen überhaupt nichts. Du gibst mir die Phiole und fährst dann brav nach Hause. Du hast doch sicher noch Hausaufgaben zu machen, Kleine.“ OK, das war unfair, aber Mel ließ nicht locker. „Halt mal die Luft an. Mein Vater ist tot und er ist wegen diesem Ding gestorben. Ich habe ihm versprochen, dass ich herausfinde, was es damit auf sich hat.“ „Na und? Mein Vater ist auch wegen einem blöden Artefakt gestorben.“ „Und hast nicht auch versucht herauszufinden, wozu dieser Tod nötig war?“ Lara schwieg plötzlich betroffen. „Du hast doch bestimmt auch versucht, in seinem Tod einen Sinn zu sehen und ihn womöglich noch zu rächen.“ „Das ist lange her.“ „Komm schon! Hilf mir.“, bettelte Mel. „Nein!“, Lara blieb hart. „Wieso denn?“ „Deswegen! Du bist ein Kind, falls du es noch nicht mitbekommen hast. Ein kleines Kind. Du bist unerfahren, ungebildet, untrainiert und hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt.“ Das war Mel zu viel. Sie zog die Pistole aus ihrem Rucksack und feuert in die Decke des Caffes. Alle drehten sich erschrocken zu ihr um. „Jetzt lass mich dir mal was erzählen, Schwester. Vor einer Woche stürmte frühs halb sieben ein Einsatzkommando in mein Haus, zerschoss alles, was nicht niet- und nagelfest war UND was niet- und nagelfest war, tötete meinen Vater und stellte sich mir in den Weg. Und genau da habe ich den ersten Menschen in meinem Leben umgebracht, bevor er in der Lage war, mich zu töten. Ich habe zwar mein eigenes Leben retten können, aber nicht das, meines Vaters. Also erzähl mir nichts davon, dass ich nicht wüsste, worauf ich mich einlasse. Ich bin vielleicht nicht so stark oder erfahren wie du, aber ich bin mutig und entschlossen. Also entweder du nimmst mich mit oder du gehst mit leeren Händen, aber die Phiole bleibt bei mir!“ Ein wenig Putz rieselte von der Decke. Lara sah Mel finster an. „Bist du dir im Klaren darüber, dass auch du ganz schnell dein Leben verlieren könntest?“ „Durchaus.“ „Wehe, du bist mir ein Klotz am Bein. Wenn du Ärger machst, fliegst du mit der ersten Maschine in Richtung Heimat. Ich bestimme, was wir tun und ich erwarte, dass du das ohne Widerworte erledigst. Ich will nicht für zwei denken. Ich werde dich nicht wie Kind behandeln und verlange, Initiative und Selbstverantwortung. Klar?“ „Sicher.“, Mel sah Lara genauso ernst an. Die junge Frau überlegte noch einen kurzen Moment. „Dann lass uns gehen.“, sie gab sich jedoch geschlagen und nahm Mel mit. Bevor sie das Caffe verließen, legte Mel dem Barmann noch einen Fünfzig-Pfund-Schein auf die Theke. „Das ist für den Schaden. Tut mir leid.“, entschuldigte sie sich und rannte Lara hinterher aus dem Caffe. „Und was tun wir jetzt?“, fragte sie Lara, als sie wieder auf der Straße waren. „Ich denke, wir sollten versuchen, mit Pietro wieder in Kontakt zu treten. Wir bringen ihm die Phiole zurück. Er wird mittlerweile bestimmt auch herausgefunden haben, wozu das Ding gut ist. Dann hast du deine Antwort und ich meinen Job erledigt.“ „OK, wie ist seine Adresse, damit wir ihm die Phiole schicken können und wie ist seine Telefonnummer, damit ich mit ihm reden kann?“ Lara lachte daraufhin. „Haha.... Wo denkst du hin? Es gibt zwei gute Gründe, warum man immer persönlich bei jemanden aufkreuzen sollte: erstens ein Telefonat könnte immer abgehört werden und zweitens könnte man die Informationen durch Gewalt oder Erpressung aus demjenigen herauskriegen, den man fragt, falls das nötig würde.“ Mel schluckte. Diese Frau war offenbar skrupelloser, als sie aussah. „Das heißt, wir fliegen nach Venedig.“ „Nach Venedig?! Ich hielt mich ja schon für verrückt, als ich von Schottland hier her gefahren bin, nur um mit einer Lügnerin zu reden. Aber von hier nach Venedig is' ja 'ne halbe Weltreise.“, Mel schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Hatte ich nicht gesagt, dass du keine Widerworte geben sollst? Gewöhn dich besser an lange Reisen. Die werden wir absofort öfter unternehmen müssen. Wir starten sofort.“ „Sofort? Aber ich dachte, ich könnte nochmal nach Hause, um ein paar Sachen zu holen.“ „Was für Sachen willst du denn holen?“ „Naja, meinen Ausweis, ein Foto von meinem Vater, Klamotten zum Wechseln, Proviant...“ „Vergiss es, Kleine.“, unterbrach sie Lara. „Das sind alles Dinge, die dir nur verloren gehen können. Das einzige, was wir brauchen werden, sind ein paar gute Waffen, ein bisschen Verbandszeug und eine Taschenlampe.“ „Das ist alles?“ „Ganz genau. Wir machen eine kurzen Abstecher zu mir. Dann packen wir dich ein. In etwa einer Stunde dürften wir in der Luft sein.“ London – Laras Haus Laras Haus war nicht größer oder prächtiger, als das von Mel. Nur das Grundstück drum herum war ein bisschen größer. Als Lara und Mel das Gebäude betraten, kam ihnen sofort ein alter Butler entgegen. „Miss Croft. Ich wusste gar nicht, dass wir heute Besuch haben.“ „Das ist Mel, Winston. Sie hilft mir im Fall Phiole.“ „Ah, ich verstehe.“, Winston verbeugte sich kurz vor dem Mädchen und schlurfte dann wieder in ein Nebenzimmer. Mel selbst blieb in der Empfangshalle stehen und sah sich um. Sehr viel Platz hier, aber das war sie alles schon vom Chopin gewohnt. „Kommst du bitte.“, rief Lara. „Sofort.“, antwortete ihr Mel und ging die Stufen nach oben, bog dann links ab. Während sie den Gang entlang lief, öffnete sich plötzlich neben ihr eine Tür, hinter der es laut piepste. Ein verschlafener Kopf schob sich durch die Tür. Dicke Augenringe starrte Mel verdattert an. „Lara?!?“, fragte er das Mädchen. „Meine Güte, du bist aber klein geworden. Was ist mit dir passiert? Im Trockner auf die falsche Stufe gestellt?“ „Uaahh...“, erschrak sich Mel. „Lara, da ist was hinter der Tür und es starrt mich an.“ Lara kam daraufhin aus einem Nebenzimmer und schmunzelte. „Zip, mein Engel.“, meinte sie. „Oi, zwei Laras. Eine große und eine kleine. Fantastisch. Jetzt kann ich auch noch einen kleinen Simon basteln.“ Lara verdrehte die Augen. „Das ist Zip.“, meinte sie zu Mel. „Er ist mein Computerfachmann.“ „Aber warum sieht er so aus, als habe er für Monate in Jauche gelegen?“ „Er ist ein Genie und Genies sind furchtbar exzentrisch. In Zips Fall dreckig. Lass uns gehen.“ Lara ging voraus und Mel folgte ihr. Dieser Zip war ihr unheimlich. Wenn der 'n Genie is, dann ist sie ne Superheldin, dachte sie sich. „Hier, zieh das an.“, Lara warf Mel ein paar Klamotten hin. „Warum kann ich nicht die Sachen anbehalten, die ich schon anhab.“ „Zu unpraktisch. Was hätten wir da? Hochhackige Stiefel, in denen man nicht schnell rennen oder klettern kann, einen Rock, der einem bei wehendem Wind die Sicht versperren kann und eine Bluse, mit der man sich überall verheddern kann.“ „Einleuchtend.“, sie zog daraufhin die Wanderstiefel, die Hotpen und ein knallenges, weißes Shirt an. „Na, da wird sich Meister Proper aber freuen.“ „Du musst dir deine Haare zusammenbinden. Rumflatternde Haare machen sich auf einer Mission nicht gut, auch wenn es noch so toll aussieht. Zopfhalter findest du auf dem Tisch da.“ Mel schaute auf den kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, nahm sich einen Haargummi und machte sich einen Pferdeschwanz. Sie schüttelte ihren Kopf, um zu überprüfen, ob ihr ihre Haare nicht mehr ins Gesicht fliegen. Klappte wunderbar. „Hier, leg den um.“ Mel war sichtlich verdutzt, als ihr Lara einen Waffengürtel gab. „Bist du sicher?“ „Natürlich. Du hast doch selbst gesagt, dass du schon einmal mit einer Waffe geschossen hast. Allerdings sollten wir dich neu ausrüsten. Was hast du da? Eine Pistole? Oje, damit kannst du vielleicht die Dosen von Vetter Jimmys Zaun schießen, aber keinen wirklich Schaden anrichten. Ich geb dir die hier.“ Lara reichte dem kleinen Mädchen eine recht ansehnliche Waffe, die viel größer war, als ihre Pistole. „Das ist eine Desert Eagl, oder einfach DE. Ihr Durchschlagskraft ist stärker, als die von Pistolen und ihre Reichweite auch wesentlich höher.“, sie drehte sie Waffe nach unten. „Munition einfach hier unten reinstecken, durchladen, zielen, abdrücken. Ganz einfach.“ „Klar.“, Mel versuchte gescheit und erfahren auszusehen, doch innerlich hatte sie Schiss davor, eine solche Waffe zu benutzen. Mit kleinen Pistolen oder einer Schrotflinte umzugehen, war eine Sache, aber eine ganze andere war diese DE. Aber gut, wenn Lara meint, dass es in Ordnung so ist, dann wird sie sich schon etwas dabei denken. Sie selbst zog sich ebenfalls um. Sie stieg aus ihren Jeans und T-Shirt, zog sich eine Hotpen, ein Tanktop und ihre Stiefel an. Dann legte sie sich auch noch einen Waffengürtel um. „Was sind das für Waffen?“, fragte Mel. „Magnums. Aber das sollte dich jetzt erstmal nichts angehen. Benutz du nur brav deine DE, dann wird dir nix passieren. Und noch etwas, was beim Schießen sehr wichtig ist. Du darfst niemals zögern zu schießen oder darüber nachdenken, ob das OK ist. In manchen Fällen solltest du nicht mal darauf warten, bis dein Gegner dir einen Grund gibt und das Feuer eröffnet. Wenn du das mit mir durchstehen willst, dann ist in dieser Mission jeder dein Gegner. Töten oder getötet werden und ich will garantiert nicht getötet werden und du sicher auch nicht. Also beim Schießen niemals zögern.“ „Verstanden.“ Lara packte noch ein paar Sachen in ihren Rucksack und setzte ihn auf. Mel tat es ihr gleich und setzte ihren Rucksack ebenfalls auf. „Hm... Ich weiß nicht. Dein Rucksack scheint mir etwas zu lasch.“, sie ging an einen Schrank, kramte dort ein wenig drin herum und zog einen kleinen schwarzen Rucksack heraus. „Nimm lieber den.“ Während Mel all ihr Zeug in den kleinen Rucksack räumte, erklärte Lara: „Dein Gepäckstück muss fest am Körper sitzen. Beim Rennen darf es nicht hin und her rutschen. Das behindert nur. Zieh die Riemen richtig fest. Das Teil muss so eng wie nur möglich am Körper sitzen.“ Mel tat, wie ihr aufgetragen. In diesem Augenblick kam Zip herein. Er blickte blöd, rieb sich die Augen und kreischte dann: „Oh, mein Gott!!! Lara hat einen Zwilling!!!“, und er rannte Hals über Kopf davon. Er hatte Recht. Nun standen da zwei Mädchen und sie unterschieden sich nur noch in der Körpergröße und ihrer Frisur. Als hätte Lara einen Klon. „Wow, na los, lass uns endlich aufbrechen.“, quietschte Mel. „Auf nach Venedig. Ich hab Lust, ein paar Freaks in den Hintern zu treten.“ „Oje.“, Lara griff sich an den Kopf. „Ich habe ein Monster erschaffen.“ Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)